China will harte Landung der Wirtschaft vermeiden

Peking/Berlin - Schrumpfende Industrie, fallende Häuserpreise und wachsende Deflationssorgen: In China geht nach langen Jahren des Booms die Furcht vor einer harten Landung der Wirtschaft um. Die Notenbank steuerte jüngst mit einer überraschenden Zinssenkung gegen - die zweite geldpolitische Lockerung innerhalb von gut drei Monaten.

Doch die Währungshüter stecken in einem Dilemma: Sie wollen die Wirtschaft beleben. Zugleich gilt es, die ausufernde Kreditvergabe im Land zu zügeln. "Das ist eine Gratwanderung", warnt Ökonom Robert Wood von der Berenberg Bank.

Auch der am Donnerstag beginnende Volkskongress, das jährlich tagende Parlament, steckt in der Zwickmühle. Es will das auf Turbowachstum gepolte Wirtschaftsmodell auf Nachhaltigkeit trimmen: "Doch bei den Liberalisierungsbemühungen kommt China die konjunkturelle Abkühlung dazwischen", meint Expertin Ulrike Rondorf vom Bankhaus Lampe. Wie aus dem amtlichen Einkaufsmanager-Index hervorgeht, ist die chinesische Industrie im Februar den zweiten Monat in Folge geschrumpft. Dieses Barometer berücksichtigt vor allem große Staatsunternehmen. Die Notenbank reagierte am Wochenende umgehend und senkte den Schlüsselzins von 5,6 auf 5,35 Prozent.

Der neue Satz sei "der grundsätzlichen Entwicklung beim Wirtschaftswachstum, den Preisen und der Beschäftigungslage angemessen", ließen die Währungshüter wissen. Insbesondere der Immobilienmarkt dürfte von der Entscheidung profitierten - er macht 15 Prozent der Wirtschaftsleistung der Volksrepublik aus. Die Häuserpreise waren zuletzt weiter gefallen, doch nicht mehr so schnell wie zuvor. Niedrigere Finanzierungskosten dürfte bauwilligen Chinesen die Entscheidung für die eigenen vier Wände erleichtern, meint Immobilienexpertin Rosealea Yao vom Beratungshaus CREIS: "Eine geldpolitische Lockerung ist definitiv positiv für die Stimmung am Markt", so die Expertin.

Auf dem Nationalen Volkskongress in Peking dürften die Parlamentarier dennoch ein für chinesische Verhältnisse bescheidenes Wachstumsziel von sieben Prozent ausgeben. Eine solch niedrige wirtschaftliche Schlagzahl hat es in dem Schwellenland seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gegeben. Das langsamere Tempo soll auch dabei helfen, die Wirtschaft umzustellen: Das Land will nicht länger nur als verlängerte Werkbank des Westens dienen, sondern die Wachstumskräfte des Milliardenvolks entfesseln - zum Beispiel, indem der Konsum angekurbelt wird. Auf diesem Weg sollen Gesetze überarbeitet und das Finanzsystem reformiert werden. Zudem sollen große und oft bis zur Halskrause verschuldete Staatsunternehmen auf Vordermann gebracht werden.

Doch die jüngste Zinssenkung der Notenbank ist in dieser Hinsicht wohl eher kontraproduktiv: Denn sie dürfte nach Ansicht von Experten eher dazu führen, dass große Staatsunternehmen leichter an Kredite kommen als kleine und mittlere Betriebe, die sie dringender benötigen. Von niedrigeren Finanzierungskosten profitieren beispielsweise Großkonzerne wie die staatliche Fluglinie Air China: Das Verhältnis von Schulden zu Vermögenswerten lag dort im Jahr 2013 bei 72 Prozent. Dass solche Firmen gepäppelt werden, statt sie mit Reformen für die Zukunft besser aufzustellen, hält Ökonomin Rondorf für einen Rückfall "in alte Muster, um den Abschwung abzumildern und eine weiche Landung der Wirtschaft hinzulegen".

Die Notenbank war auch durch die niedrige Inflation in Zugzwang geraten. Zuletzt waren die Preise nur um 0,8 Prozent gestiegen und damit so langsam wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr. Damit ist die Zentralbank in Peking meilenweit von ihrem Ziel einer Inflationsrate von drei Prozent entfernt. Sie will auf jeden Fall verhindern, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft in eine ähnlich prekäre Lage gerät wie Japan: Dort wurde die Wirtschaft über lange Jahre durch eine Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und zögerlichen Investitionen gelähmt.

Die Konsumenten schoben in Erwartung immer niedrigere Preise ihre Käufe auf die lange Bank, und Firmen zögerten, in neue Anlagen oder Maschinen zu investieren. Eine solche negative Entwicklung zeichnet sich in China allerdings noch nicht ab, auch weil die Löhne derzeit weiter steigen. Dennoch dürfte die Notenbank bis zum Sommer sicherheitshalber eine weitere Zinssenkung vornehmen, prophezeit Rondorf: "Zugleich wird eine fortgesetzte Abwertung der Landeswährung Renminbi angestrebt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken."

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