Brexit - Finanzplatz London steckt alles weg

Wien/London- Für den Fall eines Ausstiegs der Briten aus der EU werden bereits andere Finanzzentren als Alternativstandort für London diskutiert. Zu einer massiven Abwanderung aus der City wird es aber nicht kommen, so der Tenor in der Branche. "Es wird weder Dublin noch Frankfurt, weil die Infrastruktur nicht da ist", sagte etwa der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, Christian Kesberg, zur APA.

Brexit - Finanzplatz London steckt alles weg

Der international führende Finanzplatz London würde bei einer Abkehr Großbritanniens von der EU zwar ein paar tiefe Schrammen abgekommen, wäre aber nicht ernsthaft gefährdet. Die Aufgabe der EU-Mitgliedschaft bedeutet freilich den Verlust des Zugangs zu dem für das Land wichtigen europäischen Binnenmarkt. Doch: "Zwei Drittel dessen, was die Menschen im Finanzsektor tun, hat keine EU-Relevanz", so der Marktexperte. "Vom verbleibenden Drittel könnten natürlich einige zum Teil in Handelszentren wie etwa Shanghai oder doch Frankfurt abwandern, aber dieses eine Drittel wird nicht zur Gänze verschwinden", ist Kesberg überzeugt.

In London konzentrieren sich dem Handelsdelegierten der Wirtschaftskammer Österreich zufolge 41 Prozent des weltweiten Devisenhandels und 49 Prozent des Hedgefondsvolumens "under management". Der Sektor, der rund 12 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) stelle, zähle 1,3 Millionen Beschäftigte - 250.000 davon alleine in der Londoner City und in Canary Wharf. "Die Hälfte der international im Finanzsektor Tätigen haben ihre Europazentrale in London", so Kesberg. Möglich, dass einige von ihnen nach Hongkong, Shanghai oder New York zurückgehen, aber "im Großen und Ganzen bleiben die Vorteile des Finanzclusters bestehen"

"Dieser Know-how- und Menschen-Cluster wird weiter bestehen, aber beeinträchtigt", ist Kesberg überzeugt. Der Finanzplatz verliere bei einem "Brexit" seinen europäischen Heimmarkt, "aber nur ein Fünftel der Dienstleistungen des Finanzplatzes London geht in die EU", so der Handelsdelegierte. Außerdem würde Großbritannien im Falle eines EU-Austritts nicht mehr von den strengen Finanzmarktregularien der EU tangiert. Das wäre sogar ein Vorteil.

Der Finanzsektor und speziell der Cluster in der Londoner City hat sich über Jahrhunderte entwickelt und ist weltweit bestens vernetzt, sodass er nicht so leicht komplett ins Wanken gerät. "Im Falle eines Brexit könnte ein Teil der Aktivitäten von London abwandern, doch die City würde ihre Vorteile als wettbewerbsfähiger Cluster in Europa beibehalten", hielt auch Michael Taylor vom britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Oxford Economics heuer im Mai in einer Studie fest. "Das Vereinigte Königreich ist der weltweit größte Nettoexporteur von Finanzdienstleistungen." Die Unsicherheit, die ein Verlassen der EU nach sich zöge, wäre aber "unwelcome", räumt Taylor ein.

Im Falle einer kompletten Isolierung Großbritanniens von Europa hätte das Land im Bereich der Finanzdienstleistungen freilich Wertschöpfungseinbußen zu erwarten - und zwar im Ausmaß von knapp fünf Prozent, wie Ökonomen der deutschen Bertelsmann Stiftung 2015 errechneten.

"Der Finanzplatz wird spürbar beschädigt, aber nicht schwer beeinträchtigt", so die Einschätzung Kesbergs im Gespräch mit der APA. Von einer möglichen "Schwächung" spricht auch Berthold Busch vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer Studie vom September 2015, in der er die Verflechtung des Vereinigten Königreichs mit der EU durchleuchtet. Der Ökonom erwartet "markante Strukturanpassungen" in dem Sektor als Folge einer Aufgabe der EU-Mitgliedschaft.

Der europäische Binnenmarkt ist nicht nur für britische Waren, sondern auch für Dienstleistungen der größte Absatzmarkt - und etwa die Hälfte aller Dienstleistungslieferungen aus Großbritannien in die EU entfällt dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln zufolge auf Finanzdienstleistungen und unternehmensbezogene Dienstleistungen. Bei den Finanzdienstleistungen erziele das Land im Branchenvergleich auch den höchsten Überschuss im Handel mit der EU. "Diese Position dürfte jedoch bei einem Austritt aus der EU auf den Prüfstand kommen", heißt es in der Studie weiters.

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