Brasilien versinkt vor Sommerspielen im Chaos

"Lebe deine Leidenschaft", unter dieses Motto stellt Brasilien die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Doch wenige Monate vor dem großen Sportspektakel durchlebt das Gastgeberland eine schwere Leidenszeit. Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit mehr als 100 Jahren. Ein Teil der Probleme ist hausgemacht: Korruptionsvorwürfe gegen hohe Würdenträger, Günstlingswirtschaft und soziale Missstände wollen nicht zu dem Bild passen, das die Gastgeber der Spiele im August in ihren Hochglanzprospekten zeichnen.

Gegen die sozialistische Präsidentin Dilma Rousseff läuft ein Amtsenthebungsverfahren, auch ihr Vorgänger ist ins Visier der Justiz geraten. Ähnlich wie vor der Fußball-WM vor zwei Jahren gärt es in der Bevölkerung Brasiliens.
Für Furore sorgt, dass Rousseff ihren Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva, gegen den Korruptionsvorwürfe erhoben werden, kurzerhand zum Stabschef befördert hat. Damit genießt er weitgehende Immunität. Bei seiner Vereidigung kam es prompt zu Protesten. Die Polizei setzte Tränengas ein, um Hunderte Demonstranten in der Hauptstadt Brasilia auseinanderzutreiben. Auch in Sao Paulo und Rio de Janeiro gingen Menschen auf die Straße.
Sie sind aufgebracht, da der Ex-Präsident nun durch den Schachzug Rousseffs vor einer Klage der Staatsanwaltschaft wegen Geldwäsche und Betrug geschützt ist. Lula wird vorgeworfen, von einem breit gespannten Korruptionsnetz beim staatlichen Ölkonzern Petrobras profitiert zu haben. Gelder aus dem Schmiergeldsystem sollen auch in Wahlkampagnen geflossen sein. Das Image des Ex-Präsidenten, der sich in seiner Amtszeit dem Kampf gegen die Armut verschrieben hatte, ist durch die Affäre ramponiert. Dies gilt auch für den Ruf Rousseffs: Ihr wird vorgeworfen, Budgetregeln gebrochen zu haben. Damit soll sie sich 2014 mehr Spielraum für Ausgaben im Jahr ihrer Wiederwahl verschafft haben.
Angesichts der Unruhen empfiehlt das österreichische Außenministerium mittlerweile, sich von Demonstrationen und fernzuhalten, die Anweisungen der Sicherheitskräfte zu verfolgen und die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen. Das Land am Zuckerhut durchlebt inmitten der politischen Wirren auch einen beispiellosen konjunkturellen Niedergang: Vor fünf Jahren legte die Wirtschaft noch kräftig um 3,9 Prozent zu. Mittlerweile zählt der IWF den einstigen Wachstumsstar der Region zu den größten Sorgenkindern.
Die Wirtschaft ist 2015 so stark geschrumpft wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt ging um 3,8 Prozent zurück. Experten rechnen für dieses Jahr mit einer anhaltenden Talfahrt. Damit könnte sich die Rezession zur längsten und schwersten Krise ausweiten, die Brasilien seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt hat. Dem Land wird dabei zum Verhängnis, dass die Preise für wichtige Exportschlager wie Soja, Eisenerz oder Zucker im Sog der weltweiten Konjunkturabkühlung am Boden sind.
Verbunden mit dem Skandal um die Staatschefin braut sich ein gefährliches Gemisch zusammen. Mit Blick auf die politischen Wirren sagt IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld: "All das hat das Vertrauen untergraben." Das spüren auch die Investoren: Wegen der Wirtschafts-und Regierungskrise fielen die Kurse an der Aktienbörse Sao Paolo im zweiten Halbjahr 2015 um knapp 20 Prozent. Die Währung Real wertete in ähnlichem Umfang ab. Seit Jahresbeginn hat sich das Bild allerdings etwas gewandelt: Spekulationen auf einen vorzeitigen Regierungswechsel sorgten für steigende Kurse.
Angesichts einer zweistelligen Inflationsrate und einer hohen Arbeitslosenquote lahmt jedoch der Konsum in dem Land mit mehr als 200 Millionen Einwohnern. Allein 2015 verloren 1,5 Millionen Beschäftigte ihre Jobs. Umso weniger ist es der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass für die Olympischen Spiele in Rio inklusive der Investitionen in Infrastrukturprojekte wie U-Bahn und die Aufwertung des Hafenviertels eine Summe von umgerechnet 9,3 Milliarden Euro zusammenkommt. Kritiker fordern, mehr Geld in das marode Gesundheitssystem zu stecken, statt es in Beton und Glas für Sportarenen zu investieren.
Für zusätzliche Verunsicherung im Land sorgt das durch Mücken übertragbare Zika-Virus, das in bisher ungekanntem Ausmaß in Süd-und Mittelamerika grassiert - ausgehend von Brasilien. Zehntausende Fehlbildungen des Kopfes bei Säuglingen werden auf den Erreger zurückgeführt, weshalb die Weltgesundheitsorganisation WHO den weltweiten Notstand ausgerufen hat.
Zahlreiche Länder haben eine Reisewarnung auch für Brasilien ausgesprochen, in erster Linie für Schwangere. Aus Furcht vor einer Ansteckung sind die Flugbuchungen in die Region seit Februar um zehn Prozent eingebrochen. Auch das Olympische Komitee der USA (USOC) rät den Athleten zur Vorsicht. Um ihre Gesundheit besorgte Sportler sollten in Erwägung ziehen, dort im August nicht anzutreten, empfahl das USOC kürzlich.

Frankfurt (APA/Reuters) - Börsianer dürften in der neuen Woche bange Blicke nach Frankfurt werfen. Dort entscheidet die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag über ihren weiteren geldpolitischen Kurs und hat damit auch das Wohl und Wehe des Aktienmarktes in der Hand. Erwartungen, dass die Zentralbank bald die Zinsen erhöht, hatten den Euro zuletzt auf ein Drei-Jahres-Hoch getrieben und den Dax zeitweise ausgebremst.
 

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EZB-Chef Draghi hält die Anleger in Atem

Bochum/Essen (APA/Reuters) - Thyssenkrupp-Gegner und -Befürworter haben sich anlässlich der Haufversammlung von Thyssenkrupp wegen der Zerschlagung des Mischkonzerns nichts geschenkt. Wie erwartet gab es scharfe Kritik von Investoren am Kurs von Vorstandschef Heinrich Hiesinger, der kein Freund einer Aufspaltung ist.
 

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Heftiger Schlagabtausch der Investoren auf Thyssen-HV

München (APA/Reuters) - Nach Schätzungen von Versicherungsmathematikern kommen auf die Assekuranz nach dem Orkan "Friederike" in Deutschland Zahlungen von rund 800 Mio. Euro zu. Das ergebe sich aus dem Modell, mit dem die Kölner Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) die Kosten von Stürmen in Deutschland berechnet, erklärte Versicherungsmathematiker Onnen Siems am Freitag.
 

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"Friederike" verursacht 800 Millionen Euro Schaden