"Zum ersten Mal schäme ich mich zu sagen, dass ich Griechin bin"

Die Finanzminister der Euro-Länder haben in der Nacht auf Dienstag das zweite Hilfspaket für Griechenland festgezurrt. Es hat ein Volumen von 130 Mrd. Euro. Die privaten Gläubiger mussten außerdem auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen von in Summe 200 Mrd. Euro verzichten und den Rest auf niedrig verzinste Papiere umschulden.

Ihr Gesamtverzicht könnte sich damit auf bis zu 74 Prozent summieren. Die EZB wiederum will Gewinne aus Griechenland-Anleihen über die Nationalbanken Griechenland zugutekommen lassen. In Summe soll so die Verschuldung des Landes von derzeit 160 Prozent des BIP bis 2020 auf 120,5 Prozent des BIP sinken.

Auch nach der heutigen "Entscheidung" stehen noch zahlreiche Schritte aus, bis alle Maßnahmen endgültig fixiert sind. Bis 8. März müssen die Privatgläubiger dem Schuldenverzicht zustimmen, damit die Maßnahme als "freiwillig" gelten kann und keine Abstufung Griechenlands durch die Ratingagenturen - auf dann "zahlungsunfähig" - auslöst. Auch muss der Internationale Währungsfonds noch erklären, in welchem Umfang er sich an dem Paket beteiligt. Am ersten Paket hatte der IWF 30 Prozent geschultert, für das zweite war laut Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble von 10 Prozent (13 Mrd. Euro) die Rede.

Die Politik zeigt sich zufrieden

Bundeskanzler Werner Faymann verwies darauf, dass es sich bei den Hilfen unverändert "um Kredite und nicht um Geschenke" handle. Vizekanzler Michael Spindelegger gab sich zuversichtlich, dass Griechenland nun bis 2020 "auf halbwegse Beine" komme. Finanzministerin Maria Fekter sieht die Ziele erreicht, Griechenland habe so mehr Geld und mehr Zeit, um ihre Liquidität zu sichern. Österreich habe mit den Hilfen für Griechenland angesichts mehrfach gekürzter Zinsen zwar nicht unbedingt Geld verdient, aber bisher auch noch keines verloren.

In Griechenland sprach Ministerpräsident Lucas Papademos von einem "historischen Ereignis": "Das Übereinkommen gibt Griechenland die Möglichkeit, die Ungewissheit zu überwinden und das Vertrauen in die griechische Wirtschaft wieder zu festigen." Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos betonte: "Wir haben ein besseres Ergebnis erzielt, als wir erwartet hatten." Das Übereinkommen versetze Griechenland in die Lage, damit aufzuhören, immer neue Schulden anzuhäufen. "Nun können wir die Wirtschaft des Landes wieder in die richtige Spur bringen und unsere Würde zurückgewinnen." In griechischen Medien überwog die Erleichterung: "Das Übereinkommen von Brüssel bedeutet für die Griechen in der Schuldenkrise die einstweilige Rettung, aber sie gibt keinen Anlass zum Feiern", schrieb die angesehene Online-Zeitung tovima.gr am Dienstag.

Zweifel an der Nachhaltigkeit der heutigen Einigung kam am Dienstag von Ökonomen: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer verweis darauf, dass Athen ohne tiefgreifende Reformen seine Schulden nicht tragen werde können. "In der zweiten Jahreshälfte ist die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass eine frustrierte Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn zudreht."

Griechen haben gemischte Gefühle

"Ich bin erleichtert", sagte die Rentnerin Vasia Angelou. Die Gefahr einer Rückkehr zur alten Währung oder gar des Ausschlusses aus der Europäischen Union sei abgewendet. "Wir haben noch viel schlimmere Zeiten in Griechenland erlebt. Vielen Leuten ist nicht klar, dass das Leben viel härter wäre, wenn wir aus Europa geschmissen würden." Ihr bleibe die Hoffnung, dass es wenigstens ihre derzeit in Großbritannien studierenden Kinder einmal besser haben würden.

"Zum ersten Mal schäme ich mich zu sagen, dass ich Griechin bin", sagte dagegen die 70-jährige Ioulia Ioannou. "Wir sind wie Drogenabhängige, denen gerade die nächste Dosis verabreicht wurde." Darauf hätten die griechischen Politiker das Land reduziert. "Ich weiß nicht, wen ich wählen soll. Wenn jemand den Mut hätte, eine neue Partei zu gründen, würde ich für sie stimmen", sagte die frühere Krankenschwester.

Der Obstverkäufer Raptis Michalis kritisierte, dass die Umsetzung des Pakets durch Vertreter der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds streng vor Ort überprüft werden soll. "Es ist mir als griechischer Bürger peinlich, dass wir ein ständiges Überwachungskomitee haben werden. Das ist, als ob wir in Griechenland keine gebildeten und fähigen Leute hätten, um das Land zu regieren."

"Rettung unter Bedingungen", war der Leitkommentar auf Seite eins der linksliberalen Zeitung "Ta Nea" überschrieben. Die griechische Zeitung "Demokratia", die bereits Montagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Nazi-Uniform druckte, titelte "130 Milliarden in Ketten" in Anspielung auf das Volumen des Rettungspakets, auf das sich die Euro-Staaten in der Nacht zum Dienstag geeinigt hatten.

APA/Reuters/hahn

Wirtschaft

12 Fragen: Den Brexit verstehen

Sturmschäden: Wann die Versicherung zahlt

Versicherung

Sturmschäden: Wann die Versicherung zahlt

Bitcoins aus der Trafik: Grazer Start-up braucht keine Bankkonzession

Wirtschaft

Bitcoins aus der Trafik: Grazer Start-up braucht keine Bankkonzession