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Stadthotellerie spürt Sparsamkeit der Touristen

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Michaela Reitterer setzt in ihrem Hotel auf Nachhaltigkeit
©APA/APA/HELMUT FOHRINGER (Archivbild)/HELMUT FOHRINGER
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Im Tourismus ist sparen angesagt. "Die Stadt ist voll und die Hotels sind leer", sagte die Chefin des Wiener Boutiquehotel Stadthalle, Michaela Reitterer, im Gespräch mit der APA. "Für das, was Touristen in der Stadt sind, sind die Hotels wenig gebucht", erklärte die Hotelière. An den Adventwochenenden und Feiertagen seien viele Tagestouristen, vor allem aus der Slowakei, Ungarn und Slowenien, mit dem Bus angereist. Zu Silvester allerdings brummt das Geschäft.

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Im Tourismus ist sparen angesagt. "Die Stadt ist voll und die Hotels sind leer", sagte die Chefin des Wiener Boutiquehotel Stadthalle, Michaela Reitterer, im Gespräch mit der APA. "Für das, was Touristen in der Stadt sind, sind die Hotels wenig gebucht", erklärte die Hotelière. An den Adventwochenenden und Feiertagen seien viele Tagestouristen, vor allem aus der Slowakei, Ungarn und Slowenien, mit dem Bus angereist. Zu Silvester allerdings brummt das Geschäft.

"Das sind wir voll", so die Branchenkennerin, die auch Ehrenpräsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung ist. In der Zeit vor und um Weihnachten sei ihr Haus zwar "nicht rappelvoll, aber gut gebucht" gewesen. "Wir haben sehr stark die Corona-Welle gemerkt bei den Stornos", berichtete Reitterer auf die Adventzeit zurückblickend. "Die Stornowelle war schon massiv." Dafür seien unerwartet viele Hotelgutscheine gegangen.

Mit ihrem 80-Zimmer-Haus in bescheidener Lage nahe dem Westbahnhof bespielt die Unternehmerin seit Jahren mit gelebter Nachhaltigkeit erfolgreich eine Marktnische - jetzt entspricht das dem Zeitgeist und findet das Anklang bei Influencerinnen und Influencern. "Wir waren das erste Stadthotel der Welt als Passivhaus - mit Nullenergiebilanz", verkündete sie stolz. Delegationen aus aller Welt - Korea, Nordeuropa, Russland, Japan, etc. - seien gekommen und hätten das Haus bestaunt.

Mit dem Konzept war die umtriebige Touristikerin anfangs ihrer Zeit voraus, zumindest in der Branche. Ihre innovativen Ideen in diese Richtung überforderten Geldgeber und Behörden zunächst gleichermaßen. "Als ich 2008 bei der Bank für die Finanzierung dieses Passivhauses einreichte, sagte der Risk Manager: 'Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wegen dem grünen Schmus ein Gast mehr kommt'", erinnerte sich die Hoteleigentümerin. Auch die behördlichen Genehmigungen waren nicht einfach zu bekommen. Ein Beamter habe sie mit den Worten "Frau Reitterer, ich geh in drei Monaten in Pension und ich werde mich sicher nicht mit einer neuen Technologie auseinandersetzen" abgespeist. "2009 habe ich mit dem Bau begonnen."

"Ich hab gedacht, kann man eigentlich ein Haus noch anders bauen, als dass es seine eigene Energie erzeugt", berichtete Reitterer. Ihr Hotel besteht aus dem Stammhaus, das mit Fernwärme beheizt wird, und dem komplett neu errichteten Nebenhaus in Passivbauweise. Auf dem ersten Gebäude installierte die Hotelière bereits 2001 ihre erste Solaranlage auf dem Dach, gleich nachdem sie ihren Eltern das Hotel abgekauft hatte. Diese wiederum hatten es 1983 erworben.

Doch auch Reitterer bekommt die enorm gestiegenen Energiekosten deutlich zu spüren. 2023 hätten sich diese plötzlich von 2 auf 6 Prozent des Umsatzes verdreifacht. Sie habe im heurigen Jahr auch um 30 Prozent höhere Personalkosten gehabt als vor der Pandemie 2019. Die gesamte Branche sei im vergangenen Jahr mit den Zimmerpreisen um 10 bis 15 Prozent raufgegangen.

Beim Erneuern der Fenster und der Fassade ließ die damals neue Hoteleigentümerin den vorhandenen Efeu und den wilden Wein während der Arbeiten auf das Baugerüst drapieren, um die Pflanzen später wieder an die Hausmauern anbringen zu lassen. "So deppert kann auch nur eine Frau sein", habe sie damals zu hören bekommen. "Heute bekäme man einen 'Shitstorm' für solche Äußerungen."

"Und ich habe Regenwasser aufgefangen für die Klospülung - das war natürlich Schwachsinn, weil das Regenwasser hier in der Stadt zu schmutzig ist - das sieht aus, als hätte jemand nicht runtergelassen." Später griff sie die Idee wieder auf. "Mit den Zisternen fange ich jetzt im Passivhaus das Brunnenwasser für die Wasserwärmepumpe auf und nehme es für die Klospülung - das ist sauber."

Zwischen den Hauptgebäuden errichtete die Hotelchefin ein Gartenhaus, dessen Dach mit Lavendel und wilden Rosen bewachsen ist und sechs Bienenvölker beheimatet.

"Corporate Social Responsibility" lebte Reitterer bereits bevor sie den Begriff überhaupt kannte. "CSR ist nichts anderes als mit Hausverstand ein Unternehmen leiten - und mit Herz", so die passionierte Hotelfachfrau. "Und dass man auf seine Leute schaut und nicht Geld zum Fenster raushaut und Strom spart, ist logisch."

Den allerorten beklagten Fachkräftemangel kennt sie nicht. "Wir haben mehr Bewerbungen als wir Arbeitskräfte brauchen." Sie habe jetzt eine Mitarbeiterin bekommen, die Nachhaltigkeit studiert habe.

Seit 2018 kooperiert Reitterer mit dem sozialökonomischen Verein Gabarage, der hilft, belastete Menschen in den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Das sei ein Projekt von zwei Frauen - eine davon sei Geschäftsführerin des Anton-Proksch-Instituts. Das Konzept dahinter: Upcycling-Design - alte Gegenstände, etwa vom Flohmarkt, werden zu neuen, nützlichen Produkten wie Leuchten oder Möbeln verarbeitet. Zu sehen auch in Reitterers Hotel.

(Das Gespräch führte Birgit Kremser/APA)

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