"So günstig wird die Staatsfinanzierung wohl nie mehr sein"

In vielen Industriestaaten sind die Zinsen so tief wie nie. Daher denken einige Regierungen darüber nach, welche Vorteile aus den rekordtiefen Zinsen gewonnen werden können.

Nach jüngsten Presseberichten gibt es derzeit in Großbritannien konkrete Pläne zum Verkauf von Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren. Auch in den USA wird die Ausgabe einer "Jahrhundert-Anleihe" diskutiert.

In Großbritannien sollen die Planungen schon weit fortgeschritten sein. Laut Presseberichten will der britische Finanzminister George Osborne noch im März die Einführung von 100-jährigen Anleihen verkünden. Es geht um ein Angebot, das sich ausschließlich an große Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften richtet. Erste Gespräche mit möglichen Investoren sollen positiv verlaufen sein.

Auf den ersten Blick sind Staatsanleihen mit extrem langen Laufzeiten grotesk. Potenzielle Käufer dürften die Auszahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr erleben. Auch die ersten Äußerungen von möglichen Investoren klingen eher verhalten. Vom Verband der britischen Pensionsfonds hieß es beispielsweise, dass die Laufzeit einer Anleihe über 100 Jahre einfach zu lang ist für Fondsgesellschaften.

Auch in den USA wird die Ausgabe einer Jahrhundert-Anleihe derzeit eifrig diskutiert. Aber hier stoßen die Pläne dem Vernehmen nach bei führenden Geldhäusern wie JP Morgen oder Goldman Sachs auf reges Interesse. Bei der "Jahrhundert-Anleihe" locke der vergleichsweise hohe Zinskupon die potentiellen Investoren, sagt Anleihen-Experte Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank. Denn wegen des weltweit rekordniedrigen Zinsniveaus sind Investoren stets auf der Suche nach rentablen Anlagen. Außerdem gibt es laut de la Rubia einzelne Marktteilnehmer, die auch eine ernste Wirtschaftskrise in ihre Überlegungen mit einbeziehen und deshalb mit dem Kauf von Jahrhundert-Anleihen vorbeugen könnten.

Allerdings rechnet sich der Kauf von Papieren mit extrem langen Laufzeiten ausschließlich bei Ländern, von denen eine sehr geringe Pleitegefahr ausgeht. Die USA gelten trotz eines enormen Schuldenbergs als gefeit gegen den Staatsbankrott. Aus allen Teilen der Welt fließen gewaltige Geldmengen in die größte Volkswirtschaft der Welt. Ein Abreißen der Geldströme im Zuge einer Staatspleite hätte für die gesamte Weltwirtschaft verheerende Folgen.

100 Jahre Laufzeit

"Jahrhundert-Bonds" sind in der Finanzwelt nichts Neues. Sie kommen auch in Volkswirtschaften zum Einsatz, die nicht zur Weltspitze gehören. Vor etwa zwei Jahren hatte beispielsweise Mexiko eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren erfolgreich am Markt platziert. Der Zinssatz betrug damals gut sechs Prozent. Im Falle neuer 100-jähriger Anleihen aus Großbritannien oder den USA rechnen Experten mit einem geringeren Zinssatz von vier bis fünf Prozent.

Bisher liegen die längsten Laufzeiten bei Staatsanleihen führender Industrieländer deutlich niedriger als 100 Jahre. Laufzeiten von 40 Jahren sind unter anderem aus Großbritannien und Japan bekannt. Frankreich und Österreich hatten mit Erfolg Anleihen über 50 Jahre an den Finanzmärkten platzieren können. Dagegen haben die Investoren bei Bundesanleihen nur die Wahl bis zu einem maximalen Zeitraum von 30 Jahren.

Selbst das von der Staatspleite bedrohte Griechenland hatte zeitweise extrem langlaufende Anleihen im Kampf gegen die Schuldenkrise erwogen. Ein Banker, der das von der Pleite bedrohte Euroland beraten hatte, brachte die Idee einer 100-jähringen Anleihe zeitweise ins Spiel. Sie wurde aber schnell wieder verworfen, nachdem das Land unausweichlich auf den Schuldenschnitt zusteuerte.

APA/hahn

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