Reportage: Die Koran-Verbrennung in Bagram

Der afghanische Arbeiter Sajed Dschamil schäumt vor Wut, als er von der Sturheit der amerikanischen Soldaten erzählt. Gemeinsam mit Kollegen war er am Montag auf dem Nato-Stützpunkt Bagram an der Müllverbrennungsanlage beschäftigt, als drei US-Soldaten mit einem Lastwagen voller religiöser Schriften auftauchten.

Während der Laster vor dem Tor hielt, erspähte ein Arbeiter namens Wali auf der Ladefläche Exemplare des Korans, die die Amerikaner in einen Ofen warfen. Die Arbeiter stürmten zum Ofen, um die US-Soldaten aufzuhalten. "Ich war bereit, mein Blut zu vergießen und sie zu töten oder selbst getötet zu werden", berichtet Dschamil, während er in dicker Winterjacke und mit kariertem Tuch in einem kleinen Zimmer nahe der Basis Bagram sitzt.

Die Verbrennung der heiligen Bücher dauerte nur fünf Minuten, aber sie könnte die internationalen Truppen in ihrem Bemühen um eine Befriedung Afghanistans weit zurückwerfen. Der Bericht der afghanischen Arbeiter lässt sich nicht verifizieren, stimmt jedoch mit den Schilderungen der afghanischen Polizei und Behörden überein.

"Wir sagten dem Fahrer, dass es alles religiöses Material ist und fragten ihn, warum sie es verbrennen wollten", erinnert sich der 22-jährige Dschamil. "Die Amerikaner sagten, es sei Material aus Gefängnissen und sie hätten Anweisung, es zu entsorgen". Die Afghanen hätten mit den Händen in den Ofen gegriffen, um die Texte zu retten. Einige hätten sich Finger und Hände verbrannt, als sie acht Exemplare des Korans aus den Flammen bargen. "Die Jungs haben sich versammelt, angefangen, 'Allahu Akbar' (Gott ist groß) zu rufen und Fragmente des brennenden Textes an die Brust gedrückt", sagt Dschamil. "Der Laster ist dann gleich verschwunden, fast die Hälfte der Bücher waren noch auf der Ladefläche".

Erst hätten die amerikanischen Soldaten ihnen erlauben wollen, die angesengten Überreste der heiligen Schriften mitzunehmen. Dann aber seien afghanische Übersetzer gekommen. Ihnen sei sofort klar gewesen, dass das verkohlte Material die Wut der Straße entfachen könnte. "Die Amerikaner sagten uns zuerst durch die Übersetzer: 'Wir wollen Eure Koran-Schriften nicht, bringt sie weg'", berichtet Dschamil. Aber dann seien die afghanischen Übersetzer eingeschritten: "Sie sagten den Amerikanern: 'Wenn Ihr sie die Bücher mitnehmen lasst, gibt es eine Katastrophe'". Irgendwann seien die Arbeiter dann mit den verkohlten Büchern auf die Straße gerannt, wo sie die Schlafenden aufgeweckt und den unerhörten Vorfall hinausgeschrien hätten.

Furcht vor Vergeltungstaten

Jetzt sitzt Dschamil unter dem Bild des afghanischen Nationalhelden Ahmad Schah Masud, eines Widerstandskämpfers gegen die Sowjets und die Taliban. Er und die anderen Arbeiter fürchten Vergeltungstaten der ausländischen und afghanischen Sicherheitskräfte, sagt er. "Wir haben eine heldenhafte Tat vollbracht und unserer Religion gedient, aber jetzt haben wir Angst, dass man uns verschwinden lässt". Unterstützung erhalten die Männer indes von einheimischen Beamten und Polizisten. Ein Mullah bezeichnete sie als Helden, die Ruhm verdient hätten.

Dschamil glaubt, dass die US-Soldaten die heiligen Texte mit Absicht und aus Dummheit verbrannt haben. Und Dschawad, ein anderer Arbeiter, will seinen Job auf der Basis kündigen, obwohl er dort für afghanische Verhältnisse ausgezeichnet bezahlt wird: "Die Amerikaner verüben immer solche gotteslästerlichen Taten, um die Stärke unseres islamischen Glaubens auf die Probe zu stellen. Es ist am besten für uns, wenn die Regierung uns einen anderen Job besorgt", erklärt er.

Reuters

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