"Strom ist nicht teuer, er wird nur teuer verkauft"

"Strom ist nicht teuer, er wird nur teuer verkauft"

FORMAT : Herr Riess, Sie sind Unternehmer, üben aber immer wieder Kritik an der modernen Technik. Warum?

Friedrich Riess : Ich will nicht zurück auf die Bäume. Aber wenn ich mir unseren Betrieb anschaue, kann ich nur sagen: Wir haben noch viele alte Maschinen in Betrieb, die älteste ist aus dem Jahr 1926, und die erbringen im Wesentlichen die gleiche Leistung wie moderne Maschinen – bei viel weniger Energieverbrauch.

Wie funktioniert das?

Riess : Das waren rein mechanische Maschinen, die über Transmissionen von einem Wasserrad angetrieben werden. Das große Schwungrad diente dabei als mechanischer Energiespeicher. Die Chinesen entdecken diese Technologie des Energiespeichers über eine Masse gerade wieder, auch bei Volvo in Schweden wird im Entwicklungslabor für Elektromotoren damit experimentiert.

Warum kamen diese alten Technologien aus der Mode, wenn sie so gut funktionieren?

Riess : Das hängt zum einen mit der Ausbildung zusammen. Wenn man in eine HTL geht, macht man sich darüber keine Gedanken, weil es immer nur um neue und neueste Technologien geht. Das Ergebnis sind dann immer komplizierter Maschinen, die in der Praxis oft für viele Anwendungen völlig überdimensioniert sind und eine Menge Strom fressen. Der andere Grund sind immer neue Vorschriften. Da dürfen dann plötzlich früher bewilligte Maschinen nicht mehr verwendet werden. Wir haben jetzt gerade wieder so einen Fall. Da kommen dann meine Techniker und sagen: „Chef, das ist eine Katastrophe. Eine neue Maschine kostet 700.000 Euro, verbraucht mehr Energie und ist langsamer.“ Was ist da der Fortschritt? Wir versuchen jetzt, die bestehende Maschine mit dem praktischen Geschick der Mitarbeiter auf die neuen Vorschriften umzurüsten. Das ist ein echtes Abenteuer. Gleichzeitig gibt es Vorschriften, die verlangen, dass jeder Betrieb jährlich nachweislich 1,5 Prozent Energie einsparen muss, aber mit den neuen Maschinen ein Mehrfaches verbraucht. Da sind Strafzahlungen programmiert!

Dass moderne Technik weniger leistet als alte, ist schwer vorstellbar….

Riess : Herkömmliche mechanische Maschinen bringen immer die gleiche Leistung. Bei modernen hydraulischen kann ich die Kräfte nach Bedarf variieren, wenn ich sie für einen bestimmten Produktionsvorgang nicht brauche – aber sie verbrauchen deutlich mehr Energie. Auch in unserer Branche, bei den modernen Küchenherden, hat heute jede einzelne Platte eine Leistung von 3,7 Kilowatt – die kommt mit einer Energie daher, die braucht eigentlich niemand. Im Gegenteil: Wer etwas von Kochen versteht, weiß, dass langsames Kochen bei Niedertemperatur zu viel besseren Ergebnissen führt, weil wertvolle Nährstoffe und Vitamine der Lebensmittel erhalten bleiben. Aber gerade Männer geben am Herd gerne Vollgas, so wie sie es auch beim Auto machen. Schade. Herd voll aufdrehen, kochen, wenn alles fertig ist Topf vom Herd nehmen und dann den Herd ausschalten. Mit so einer Vorgehensweise brauche ich keinen Energiesparherd.

Warum werden solche Produkte dann angeboten?

Riess : Sie befriedigen vordergründig dieses Bedürfnis „schneller ist besser“. Wie beim Auto, da müssen es auch immer noch mehr PS sein. Tatsächlich geht es aber darum, mehr Energie zu verkaufen.

In Zeiten des Energiesparens ist das schwer zu glauben. Strom ist teuer und knapp.

Riess : Nein, ist er nicht. Es wird nur dem Endverbraucher teuer verkauft und oft unnötig verbraucht. Unser Werk liegt an der Kleinen Ybbs und wir betreiben dort ein Wasserkraftwerk, mit dem wir unseren Strom selber produzieren. Wenn wir unseren Strom ins Netz einspeisen, bekommen wir dafür gerade mal 4 Cent pro Kilowattstunde. Das ist der niedrigste Preis seit vielen Jahren, nennt sich „Marktpreis“ und ist sicher nicht kostendeckend.

Könnten Sie noch mehr grünen Strom produzieren?

Riess : Ja, wir würden sofort ein weiteres Kraftwerk für die Zukunft bauen. Für mich hat erneuerbare Energie als einzige Zukunft. Aber die EVN hat uns schon mitgeteilt, dass dafür ihre Leitungskapazitäten nicht ausreichen. Da geschehen ja auch absurde Dinge: Wenn ich den hier in unserem Kraftwerk produzierten Strom von Niederösterreich in das Haus der Familie in der Steiermark leiten möchte, kostet mich das aufgrund der Durchleitungsgebühren mehr, als wenn ich den Strom bei den Gröbminger Stadtwerken kaufe. Das nennt sich dann „Liberalisierung“ am Strommarkt. Sinn macht das nur, wenn man die Landes-Energieversorger schützen will. Und darum geht es. Wir haben auch bei der „Lotterie“ der Bundesförderung für Strom aus Photovoltaik gewonnen. Die Förderung haben wir trotzdem nicht bekommen, weil wir keinen eigenen Zählpunkt dafür haben. Wir haben zwar schon mehrere Zählpunkte, der Antrag für einen weiteren wurde von der EVN abgelehnt – das war’s dann. Alle reden zwar von Energieautarkie, aber gemacht wird das Gegenteil. Bei der erneuerbare Energie wird immer gefragt, ob es sich rechnet – aber beim Auto, der Sauna oder der Garage ist das nie ein Thema.

Dank des Flusses vor der Tür haben Sie ja ohnehin keine Energieprobleme…

Riess : Nein, aber es kann ja nicht der Sinn sein, Energie zu vergeuden, nur weil man welche produzieren kann. Die beste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird. Wir verwenden die eingesetzte Energie vier Mal: Zum Aufschmelzen von Glas auf Eisen, dann zur Trocknung im Trockenofen, ein weiteres Mal zum Trocknen in der Lufttrocknung und zur Raumheizung. Das Arbeitsinspektorat hat uns jede Menge Luft-Abzüge vorgeschrieben, weil bei der Produktion des Geschirrs Wärme und Dampf entsteht. Durch einen Energieberater sind wir dann drauf gekommen, dass wir allein im Emaillierwerk dadurch 85.000 Kubikmeter Luft pro Stunde ins Freie blasen. Warme Luft, die uns beim Trocknungsprozess fehlt und die wir mit viel Energie erst wieder erhitzen müssen. Also war der nächste Schritt, über Wärmetauscher, Filter und ein Umluftsystem die warme Luft drinnen zu lassen und wieder zu nutzen. Leider gibt es viele Vorschriften, nur um mehr Energie zu verbrauchen. Und es werden viele Dinge gemacht, um Wachstum zu fördern.

Wie meinen Sie das?

Riess : Denken Sie nur an die Lebensdauer von vielen elektrischen Geräten, ob Drucker oder DVD-Player. Kaum sind die aus der Garantiezeit raus und es geht etwas kaputt, rät Ihnen der Verkäufer, das wegzuwerfen, weil es keine Ersatzteile mehr gibt oder eine Reparatur zu teuer ist. Das kann doch nicht sinnvoll sein.

Ist das eine bewusste Strategie der Hersteller?

Riess : Ich glaube ja! Ein Beispiel: Wir haben gemeinsam mit einem österreichischen Familienunternehmen eine Emaillierung entwickelt, damit die Produkte nicht so schnell rosten und länger halten. Das Unternehmen wurde dann von einem US-Konzern übernommen und das Projekt gestoppt. Begründung: Derzeit muss das Gerät spätestens alle zehn Jahre gewechselt werden. Wenn jetzt die Lebensdauer verlängert wird, steht das Management in zehn Jahren da und hat für die nächsten Jahre keine Arbeit mehr – und das können die ihren Aktionären nicht zumuten.

Zur Person
Friedrich Riess ist geschäftsführender Gesellschafter von Riess Kelomat. Er führt den letzten österreichischen Geschirrhersteller gemeinsam mit Cousin und Cousine in der neunten Generation. Seine Selbstdefinition: "Wir sind wie ein altes Kloster. Langsam, konservativ und nicht jeden Trend mitmachend.“ Am Standort in Ybbsitz beschäftigt das Unternehmen 110 Mitarbeiter. Zuletzt sorgte das Unternehmen mit einer von Starköchin Sarah Wiener designten Backform-Serie für Aufsehen.

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Wirtschaft

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Politik

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Slideshow
Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich

Wirtschaft

Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich