"Österreich ist einfach besonders flexibel"

"Österreich ist einfach besonders flexibel"

FORMAT Herr Streissler, die Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit in Europa rückt immer mehr ins Zentrum der Krisenbekämpfung, insbesondere der Jugendarbeitslosigkeit. Wie kommt es, dass Österreich diesbezüglich so wenige Probleme hat? Was unterscheidet uns von Italien oder Spanien?

Streissler: Wir haben 4,3 Prozent Arbeitslosigkeit, dasselbe wie China oder Japan, die liegen bei 4,1 bzw. 4,2 Prozent. Wieso haben wir die niedrigste Arbeitslosenrate in Europa? Das hat sehr viel damit zu tun, dass wir Unternehmen im Umwelt- oder Innovationssektor haben. Wir haben 200 Unternehmen, die Weltmarktführer auf ihrem Gebiet sind. Wir haben eine hochspezialisierte Industrie, deswegen wurde auch die Beschäftigung erhalten. Das ist die entscheidende Sache. Diese Unternehmen sind sehr spezialisiert und beschäftigen hochqualifizierte Leute – in der Rezession lässt man sie einfach kürzer arbeiten. Denn es wäre absurd diese Mitarbeiter rauszuschmeißen.

Kurzarbeit also, Flexibilität?

Streissler: Das ist das nächste, das ist auch der Unterschied zu Italien – wir haben 240.000 Einmannbetriebe. Vor allem in Wien, etwa die Hälfte – das macht enorm viel aus. Was ist, wenn die Wirtschaftslage schwierig ist? Wird man arbeitslos oder findet man selbst einen Job? Das sind markante Unterschiede. Dieses intensiv selbstständig Mitarbeiten hat stark zugenommen. Es sind andere Verhaltensweisen, die hier bedeutsam sind. Wir haben 8,5 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Österreich, die Italiener haben 36 Prozent und die Spanier 57 Prozent. Das heißt, die leben in anderen Welten.

Wieso hat es gerade die Jugend in Spanien oder Italien so schwer?

Streissler: Da spielen verschiedene Effekte eine Rolle. Das eine, das wir mit Deutschland und der Schweiz gemeinsam haben, ist der Einbau in die Lehre. Das haben die nicht. Außerdem hat das Sozialprodukt in Italien in den letzten 12 Jahren nicht zugenommen. Was erwarten Sie da? Und wenn ich polemisch werde, läuft es darauf hinaus, dass die Alten ihre Stellen halten, und die Jungen nicht hineinkommen.

Die Politik müsste also in Italien noch mehr tun in Richtung Flexibilisierung des Arbeitsmarktes?

Streissler: Bitte beachten Sie: Nach meiner Darstellung ist es nicht die Politik, die den Unterschied macht, sondern es ist die Bevölkerung. Die Haltung zur Politik und zur Beschäftigung in der Bevölkerung ist ganz verschieden. Die Arbeitslosigkeit ist in Österreich in den vergangenen füfn Jahren nur von 3,5 auf 4,3 Prozent gestiegen. Das ist schon ein Wunder. Aber es ist eben kein Wunder, sondern es ist die außerordentlich starke kleinbetriebliche, sehr spezialisierte Arbeitsstruktur. Das sind alles Leute, die nicht austauschbar sind. Das Wesentliche ist, wenn man die Leute kürzer arbeiten lässt, statt sie zu kündigen, dann ist es wesentlich leichter die Beschäftigung wieder hochzufahren. Wir sind einfach besonders flexibel.

In Italien wurde die Euro-Politik bei den Wahlen abgestraft. In Niederösterreich und Kärnten hat besonders Stronach – quasi ohne Programm – unerwartet hohen Zustrom erhalten. Wehrt sich die Bevölkerung jetzt auch in Österreich gegen die Europa-Politik?

Streissler: Wir sind in einer politischen Umbruchstation. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir am 29. September zum zweiten Mal die Situation bekommen, die Schüssel hatte.

Wobei Strache ja deutlich angeschlagen wirkt – sozusagen ein wenig eingezwickt?

Streissler: Ja, wobei die Zeitungen tun da mehr so eingezwickt. Es werden jedenfalls viele Menschen anders wählen als Schwarz oder Rot. Es ist dann die Frage, ob die ÖVP ein bißchen größer ist als die SPÖ, was aber nicht wichtig ist für die Regierungsbildung. Schüssel hatte die drittgrößte Partei. Wir stehen vor einer Situation, wo die eigentliche sozialdemokratische Grundlinie daneben geht. Entscheidend war die Heeresabstimmung – 60 Prozent Ablehnung war schon sehr viel. Und jetzt auch in Wien, dass immerhin doch 30 Prozent – ganz typisch – Olympia-Versuche ablehnen, die der Häupl wollte. Und auch die Ablehnung der grünen Linie bei der Parkraum-Frage.

Wird Strache mehr Zustrom bekommen oder Stronach den etablierten Parteien gefährlich werden?

Streissler: Stronach wird genügend groß sein, dass man ihn nicht vergessen wird können. Wenn er auch 10 bis 15 Prozent hat und die Grünen nicht wesentlich mehr – dann sind mehr als 50 Prozent nicht ÖVP und SPÖ. Die Freiheitlichen werden zwar nicht 26 Prozent erreichen, wie damals bei Schüssel, aber 20 Prozent werden es schon werden. Allerdings: Wenn man alle, die wir da haben, mit Beppe Grillo vergleichen, dann sind sie doch sehr konstruktiv und staatserhaltend.

Ich danke für das Gespräch.

Streissler: Und, gehen Sie jetzt mit Optimismus weg?

Ja, ich denke schon.

Streissler: Sehen Sie, Sie sind Österreicherin. Wenn Sie Italienerin wären, würden Sie es vielleicht anders sehen. Ich habe nicht behauptet, dass Italien nicht zerbricht – oder außerordentlich unterschiedliche Teile von Italien. Sizilianer, Venezianer, da gibt's enorme Spannungen.

Innerhalb eines Landes ist das durchaus möglich. Bürgerkriegsähnliche Zustände?

Streissler: Ja, natürlich, das ist durchaus denkbar. Aber ändert das wirklich viel an der Welt? Die Antwort ist eigentlich: Nein!

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Wirtschaft

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Politik

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Slideshow
Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich

Wirtschaft

Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich