Kommentar: Die Wehrpflicht und das Stockholm-Syndrom

Kommentar: Die Wehrpflicht und das Stockholm-Syndrom

Aber vielleicht liegt die Zustimmung zur Wehrpflicht ja gerade daran: Die, die das erlebt haben, entwickelten eine Art Stockholm-Syndrom.

So wie es aussieht , werden die Österreicher bei der Volksbefragung am 20. Jänner für die Beibehaltung der Wehrpflicht stimmen. Aktuellen Umfragen zufolge wäre derzeit eine Mehrheit von 60 Prozent gegen deren Abschaffung.

Das ist überraschend. Eigentlich würde man denken, zumindest einige Personengruppen würden gegen die Wehrpflicht sein: Zum Beispiel alle, die die Besonderheiten eines Wehrdiensts selbst erlebt haben. Und alle, die Kinder oder Enkel haben, denen solches blüht. Und alle, die sich über die veränderte Situation in Europa im Klaren sind. Und alle, die wissen, dass nur noch 6 der 27 EU-Länder eine Wehrpflicht haben. Weshalb also der Trend gegen ein Berufsheer?

Alleine an der Abneigung gegen Herrn Darabos kann das nicht liegen, auch das seltsame Personenkommitee „Unser Berufsheer“ (mit Uschi Fellner, Andrea Fendrich und Mausi Lugner!) kann ja nicht so kontraproduktiv sein und die Angst vor einem Berufsheer, das außer Kontrolle geraten könnte, wird auch nicht so viele überzeugt haben.

Ich vermute: Es liegt an einer diffusen Abwehrreaktion gegen etwas, das die Jugend „stählen“ und „härten“ soll, das man selbst erlebt hat („warum dann nicht die anderen auch?“), das einfach zu unserem schönen Land dazu gehört. Die Monate beim Bundesheer sehen viele Österreicher offenbar als Initiationsritual für ein späteres gemütliches Leben zwischen Alkohol, ordinären Liedern, verhaltenskreativen Vorgesetzten, Langeweile und sinnentleerten Beschäftigungen. Außerdem: Schadenfreude ist bekanntlich des Österreichers größte Freude und daher freut er (und sie) sich, dass andere diese besondere Schule durchmachen müssen.

Zitat aus einem Eintrag einer Pro-Wehrpflicht-Plattform: “Kameradschaft, Pünktlichkeit und ein besseres Benehmen schaden der heutigen Jugend nicht.“ Sollte denn die „heutige Jugend“ das nötig haben, kann ich als ehemaliger Wehrpflicht-Leistender sagen: Nichts davon lernt man beim Bundesheer. Eher findet man sich in der Geiselhaft von Personen, die außerhalb dieser (an sich nicht sinnlosen) Institution Heer wenig zustande bringen.

Aber vielleicht liegt die Zustimmung zur Wehrpflicht ja gerade daran: Die, die das erlebt haben, entwickelten eine Art Stockholm-Syndrom. So nennt man es, wenn sich Geiseln eine positive Einstellung zu ihren Entführern aufbauen. Vielleicht tut einem die leid, die man vor Jahren verachtet hat? Vielleicht hat sich die Wehrpflicht bei vielen im Nachhinein verklärt: Aus dem Herumgebrülle auf dem Kasernenhof wurde ein wildromantisches Pfadfinderabenteuer, aus wankenden Vizeleutnants wurden sympathische Intelligenzbestien, aus dem allnächtlichen Saufgelage eine elitäre Diskussionsrunde.

Wenn das so ist, scheint die Schlacht der Wehrpflicht-Gegner verloren. Da würde es nicht mal helfen, wenn man die Wehrpflicht-Befürworter dazu zwingen könnte, nochmals über ihre Meinung nachzudenken. Acht Monate lang.

Robert Prazak

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