"Es gibt keinen Genierer in der österreichischen Politik"

"Es gibt keinen Genierer in der österreichischen Politik"

Vor 25 Jahren trat Oscar Bronner mit dem Vorhaben an, eine anspruchsvolle, unabhängige Qualitätszeitung in Österreich zu etablieren. Heute ist "Der Standard" aus der heimischen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Eine Mischung aus Untergangs- und Aufbruchsstimmung prägt derzeit die Medienbranche. Wie geht es dem "Standard" zum 25. Geburtstag wirtschaftlich?

Oscar Bronner: Prognosen sind derzeit sehr schwierig. Das heurige Jahr ist ein besonders kompliziertes. Es ist auch vorhersehbar, dass der neue Kollektivvertrag im ersten Jahr am meisten kosten wird und die Entlastung erst im Lauf der Zeit kommt. Und daher werden wir heuer voraussichtlich nicht positiv abschließen. Aber wir haben ausreichend Reserven, von daher ist es keine existenzielle Frage. Aber es kommt viel auf einmal. Die sehr starke Rezession trifft alle Zeitungen und bei uns insbesondere den Karrieremarkt, der für uns immer sehr wichtig war. Es ist der Paradigmenwechsel der Branche, der zu bewältigen ist. Wir sind offenen Auges in ein schlechtes Jahr gegangen und das hat sich leider auch bewahrheitet.

Wie steuern Sie diesen Entwicklungen auf der Kostenseite entgegen?

Bronner: Wir versuchen Sparmöglichkeiten zu finden, wo immer sie sein könnten. Es ist nicht das erste Mal. Seit der Gründung sind wir durch mehrere Rezessionen gegangen. Es ist immer wieder dieselbe Frage: Wo hat sich inzwischen Fett angesammelt, worauf kann man verzichten? Und das alles unter dem Bemühen, dass die Qualität der Zeitung nicht nur erhalten bleibt, sondern möglichst auch gesteigert wird.

Wird sich das Printgeschäft wieder erholen?

Bronner: Wir sind nicht im Papiergeschäft. Zum Zeitpunkt der Gründung war die Zeitung das einzige Transportmittel. Als wir Online entdeckt haben, haben wir uns sofort darauf geworfen, und jetzt sind wir auf beiden Kanälen gut unterwegs. Es ist absehbar, dass Print schwächer und Online stärker wird. Wie es in 20 Jahren aussehen wird? Es gibt Auguren, die trauen sich das genau festzuhalten. Ich traue mich das nicht.

Haben diese Entwicklungen negative Auswirkungen auf die journalistische Qualität?

Bronner: Ich hoffe nicht. Das Businessmodell Tageszeitung hat über viele Jahre gut funktioniert und kommt nun unter Druck. Das Businessmodell Online funktioniert bei uns derzeit, aber auch dieser Bereich kann unter Druck kommen. Die Konkurrenten auf diesem Gebiet sind heute große internationale Player, am Werbesektor etwa besonders die Googles dieser Welt. Ob Online einmal allein eine Redaktionen so finanzieren kann, wie es Print getan hat, ist heute nicht abschätzbar. Aber wir arbeiten daran und ich bin an sich ein Optimist, sonst würde man keine Medien gründen. Die große Herausforderung ist derzeit, den Paradigmenwechsel so zu bewältigt, dass wir weiterhin Qualitätsjournalismus liefern können.

Die Bezahlmodelle am Online-Sektor funktionieren ja noch etwas schleppend?

Bronner: Funktionierende Modelle gibt es bei nicht einmal einer Handvoll Medien weltweit. Alles, worüber wir jetzt reden, sind Momentaufnahmen. Die Branche ist schlicht im Fluss. Man muss eine unverwechselbare Marke sein, die einfach nicht ersetzt werden kann, um ein Bezahlmodell zu haben. Das sind die "New York Times", die "Financial Times" und das "Wall Street Journal" - dann fällt mir schon kaum etwas anderes ein. Vielleicht muss man aber erst die Wege finden. Das ist das Faszinierende an dem, was derzeit passiert: Der Markt wird neu definiert und wir sind Teil dieses Definierens. Es gibt keine Gebrauchsanweisung, so wie es früher Handbücher für Verlagsmanager gab. Das hat seine Risiken, aber auch seine Reize.

Ist die Ablehnung einer Paywall beim "Standard" in Stein gemeißelt?

Bronner: Es findet ein Wandel statt, wo man ständig dazulernen muss. Wenn man das nicht tut, wird man scheitern. Aus heutiger Warte ist es für uns sinnvoller, keine Paywall zu haben. Das kann sich aber ändern, wenn vielleicht andere Modelle entstehen. Wir würden freudig Einnahmen von Usern entgegennehmen, falls es funktionieren sollte.

Ist das Pocketformat "Standard Kompakt" ein Versuch, angesichts knapper Zeitbudgets dem Leser eine Alternative zu bieten?

Bronner: Das ist immer noch ein Experiment, das gut angenommen wird. Wir haben aber noch keine Entscheidung getroffen. Ich persönlich lese lieber die ganze Zeitung. Ob das letztlich die Antwort ist, wissen wir nicht.

Stichwort Foren-Postings derstandard.at - Kritiker monieren, dass da teils tiefer Boulevard passiere und die "Krone"-Leserbriefseiten dagegen ein Elmayer-Kränzchen wären. Stört Sie das Niveau, das dort teilweise herrscht?

Bronner: Da sind Dinge passiert, die mich natürlich stören. Wir investieren aber sehr viel Geld, um das in den Griff zu bekommen, und sind sehr gut unterwegs. Der Trend geht in die Richtung, dass mehr moderiert wird. Was allerdings nicht ganz leicht ist angesichts der Zahl an Postings, haben wir doch bis zu 20.000 am Tag. Über diese rege Teilnahme freuen wir uns natürlich, das ist ein riesiges Forum geworden, wo tolle Diskussionen stattfinden. Oft wird das als Jauchegrube der Medienlandschaft abgetan, aber man erhält dort hochinteressante Informationen. Die wollen wir fördern und die Dummheiten wegbringen.

Wie würden Sie die Medienpolitik der vergangenen 25 Jahren in drei Sätzen zusammenfassen?

Bronner: Welche meinen Sie? Ich erkenne keine.

Das ist ein vernichtendes Urteil. Warum ist das so in Österreich?

Bronner: Am Anfang war es Fahrlässigkeit und Desinteresse, danach war es ein sich Fügen an Umstände. Vor fast 40 Jahren habe ich im " profil " ein Medienkonzentrationsgesetz gefordert, weil damals schon absehbar war, dass "Kurier" und "Krone" irgendwann einmal zu einer Einheit kommen werden. Man hat es ignoriert, man hat weltweite Entwicklungen nicht beobachtet, und dann ist es dazu gekommen. Sobald so eine Einheit da ist, kann sich kein Medienpolitiker mehr trauen, etwas dagegen zu machen.

Die Verleger fordern von der künftigen Bundesregierung eine Reform und Erhöhung der Presseförderung. Sollte man die Presseförderung an die Einhaltung des Kollektivvertrags, Redaktionsstatute und die Teilnahme am Presserat knüpfen?

Bronner: Bei manchen Dingen bin ich unbedingt dafür. Erstens sollte die Presseförderung mithelfen, die Qualität zu steigern. Nicht-Qualität muss nicht gefördert werden, die gibt es sowieso. Die Teilnahme am Presserat, also dass man sich selber kontrollieren lässt, hat mit Qualität zu tun. Beim Statut bin ich anderer Meinung. Das kommt ja noch aus einer Zeit, als manche Zeitungen im Einflussbereich von parteinahen Institutionen waren und man die Journalisten vor Willkür schützen wollte. Bei einer tatsächlich unabhängigen Zeitung scheint mit das nicht notwendig zu sein. Davon abgesehen sollte man die Presseförderung in eine Medienförderung ändern. Qualitätsjournalismus sollte gefördert werden, egal wo er stattfindet.

Wie beurteilen Sie die heutige Zeitungslandschaft 25 Jahre nach der Gründung des "Standard"?

Bronner: Das Niveau einiger Zeitungen ist besser geworden. Dort wurde unsere Herausforderung angenommen und an Verbesserungen gearbeitet, was wiederum uns herausfordert. Wenn man als Einzelkämpfer agiert, kann auch die Energie nachlassen. Die negative Seite ist, dass die Boulevardisierung dramatisch gestiegen ist, was dafür sorgt, dass auch die Politik sich danach ausrichtet. Mich stört daran, dass immer mehr Menschen für blöd verkauft werden.

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Bronner: Neben der Konzentration in Form der Mediaprint und der Boulevardisierung vor allem, wie manche Politiker sich mit Steuergeldern freundliche Medien schaffen. Es wurde versucht, das mit dem Medientransparenzgesetz irgendwie in den Griff zu bekommen, unter der Annahme, dass, wenn öffentlich wird, wie viel Geld für wohlmeinende Presse fließt, Politiker anfangen, sich dafür zu genieren. Aber es gibt keinen Genierer in der österreichischen Politik. Es läuft genauso weiter wie bisher.

Sahen Sie sich seit der Gründung des "Standard" irgendwann mit Druck seitens der Politik konfrontiert?

Bronner: Es waren keine Drohungen, aber Sie brauchen sich nur die Statistiken anzuschauen, welche Zeitungen wie viel bekommen, und da ist "Der Standard" weit hinten. Weil man mit uns keine Deals machen kann.

Wird es in zehn Jahren noch die tägliche Printausgabe des "Standard" geben?

Bronner: Wenn es keine Zeitungen mehr gäbe, könnte ich mir gut vorstellen, dass jemand auf die Idee kommt, eine Zeitung zu gründen. Und ich könnte mir vorstellen, dass das sehr positiv aufgenommen wird. Eine Zeitung aus Papier hat auch ihre Vorteile, ist sie doch ein von der Redaktion meines Vertrauens zusammengestelltes Paket. Trotz der überbordenden Euphorie für Online, die ich teile, muss man Print nicht ablehnen. Es gibt ein Medienkonzert, das aus Fernsehen, Radio, Online und Print besteht. Ich halte nichts von Prognosen dieser Art, wenn man in Wirklichkeit im Blindflug unterwegs ist.

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