Das große Reich des Sanierers Erhard Grossnigg

Das große Reich des Sanierers Erhard Grossnigg

Unter einem Fenster in Erhard Grossniggs Büro stehen neun dicke lederne Aktentaschen, in erdigen Braun- und Grüntönen gehalten, vollgestopft mit Dokumenten, Bilanzen, Verträgen. "Da sind meine Firmen drin“, sagt er.

Sobald Grossnigg, 67, dieser Tage von der Oldtimerrallye "Südsteiermark Classic“ - eines der wenigen Vergnügen, das sich Österreichs härtester Sanierer gönnt - nicht später als um sieben Uhr morgens in seine Zentrale in der Wiener Walfischgasse 5 zurückkehrt, wird er sich zuerst eine abgescheuerte, dunkelgrüne Tasche schnappen. Da ist Kunert drin.

Vorigen Herbst hat die Austro Holding, eines seiner Investmentvehikel (siehe Grafik ), die gesunden Teile des insolventen deutschen Strumpf- und Sockenherstellers aus der Masse herausgekauft. Für 45 Prozent an der Auffanggesellschaft hat er 1,8 Millionen Euro auf den Tisch gelegt und damit vorerst etwa 200 Arbeitsplätze am Standort Immenstadt und 650 in der Fabrik in Marokko gerettet. Und weil das Geschäft nach ein paar radikalen Hieben mit der Streitaxt des Sparens wieder angesprungen ist, will Grossnigg nun für 300.000 Euro weitere sechs Prozent an Kunert kaufen. Gerade mal zwei, vielleicht drei Tage hat er für den Abstecher ins Allgäu und die Vorbereitung des Deals eingeplant - Anreise inklusive.

Karriere-Krönung

Ein ähnliches Tempo legt Erhard Grossnigg bei seinem zweiten aktuellen Großprojekt vor - der Übernahme der Ankerbrot-Mehrheit, deren Details tief in der rotbraunen Aktentasche verstaut sind. Erst im Dezember 2013 hatte sich seine Austro Holding mit knapp 19 Prozent an der Traditionsgroßbäckerei beteiligt. Diese war nach einem Ausgleich vor gut zehn Jahren in die Hände der deutschen Familie Ostendorf (60 Prozent) und des Finanzinvestors Michael Phillips (40 Prozent) gefallen. Seit Grossnigg Anfang April 2014 die Phillips-Anteile übernommen hat, gehören ihm nun exakt 58,8 Prozent von Ankerbrot. "Wir brauchen aber noch die Zustimmung der Wettbewerbsbehörde, weil auch die Bäckerei Ölz eingestiegen ist“, sagt Kerstin Gelbmann, seine rechte Hand und Austro-Holding-Geschäftsführerin. "Die sollte Anfang Mai kommen, und dann legen wir los.“

Die knapp 130 Ankerbrot-Filialen schreiben bei rückläufigem Umsatz (2012: etwa 100 Millionen Euro) nachhaltig deutliche Verluste. Wenn Grossnigg den Turnaround nicht versemmelt, stellt dieses Engagement zweifellos einen der Höhepunkte seiner heuer 35-jährigen Laufbahn als Österreichs Paradesanierer dar.

Notfallarzt für Pleitefälle

In dieser Zeit ist sein Name wie kaum ein anderer zu einer unumstößlichen Konstante der heimischen Wirtschaftsszene gewachsen. Wo immer eine Bank einen notleidenden Großkredit nicht selbst in den Griff kriegt, wann immer eine krachende Firma kurz vor dem Gang zum Konkursrichter einen finalen Rettungsversuch unternimmt oder - falls dieser zu spät kommt - Masseverwalter Sanierungsplänen eine letzte Chance geben, dann wird nach Erhard Grossnigg gerufen.

Nach weit über hundert Sanierungen, die meisten davon erfolgreich, gilt er hierzulande zweifellos als bester Notfallarzt für Pleitekandidaten aller Art. Sein Allzweck-Erste-Hilfe-Paket: "Rasche Analyse, quick and dirty. Besser 90 Prozent der Probleme gleich checken, als hundert Prozent nie lösen.“

"Er erfasst die Schwachstellen blitzschnell und geht ohne Schnörkel zur Sache“, sagt Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner, der seit vereint gemeisterten Problemfällen wie einem Zellstoffwerk in Rechberg und der Funder-Krise in den frühen 80er-Jahren zu Grossniggs engstem Geschäftspartner geworden ist - etwa bei gemeinsamen Großinvestitionen wie WESTbahn oder Semper Constantia Privatbank.

"Und wenn er einmal einen Plan gefasst hat, zieht er ihn beinhart durch“, ergänzt der Ziviltechniker Wolfgang Reitzi, der bei Grossniggs ersten, heute noch legendären Sanierungsprojekten wie dem Zellstoffwerk Villach dabei war. "Leider sind die vielen Personalleichen, die dieser Job mit sich bringt, wohl unvermeidlich.“

Erhard Grossnigg hat, wie er selbst schätzt, bisher "sicherlich Tausende Leute“ auf die Straße gesetzt, aber aus dieser Kehrseite seines brutalen Gewerbes ein paar recht einfache, eiserne Regeln abgeleitet. Sanierungslehrsatz Nummer eins: "Sag den Mitarbeitern immer die ganze Wahrheit. Die meisten wissen sowieso, was im Betrieb falsch läuft und akzeptieren klare Worte.“

Grossnigg-Regel Nummer zwei: "Keine Salamitaktik. Wenn du kündigen musst, dann nicht erst zehn, dann 20 und schließlich nochmals weitere 30, sondern gleich soviel Leute wie nötig.“ Und drittens: "Fahr niemals mit einem dicken Mercedes, schon gar nicht mit Chauffeur, zur Arbeit. Und fang in der Frühe vor allen anderen an.“

Nicht immer hat diese "operative Case-Management-Strategie“ Früchte getragen. Oft haben ihm aufgebrachte Mitarbeiter Prügel angedroht. Manchmal musste er richtige Watschen einstecken. Einmal wurden ihm die Reifen seines bevorzugten Dienstwagens, eines VW Golf, aufgeschlitzt. Und in einigen Fällen, beispielsweise bei der Elektrokette Cosmos, der Skimarke Kneissl oder jüngst bei der Insolvenz der Praktiker-Baumärkte, war selbst sein Sanierungsgeschick nicht ausreichend. Haselsteiner: "Dass bei einer derartigen Vielzahl von Projekten auch Flops dabei sind, muss man akzeptieren.“

"Old Economy“

Doch aus den vielen geglückten Sanierungfällen ist inzwischen ein beeindruckendes Firmenimperium entstanden, das der gebürtige, immens frankophile Linzer mit einem kleinen Team rund um Kerstin Gelbmann managt. "Sie ist die Zukunft“, sagt er. Einerseits hat er in etliche Krisenfirmen, von deren Potenzial er überzeugt war, eigenes Kapital gesteckt. Zum Anderen hat seine mit immer mehr erfolgreichen Turnarounds gewachsene Reputation jede Menge Investorengelder, allen voran vom Industriellen Haselsteiner, angezogen.

Heute umfasst das Grossnigg-Reich, das sich in die beiden Dachgesellschaften Grosso Holding und Austro Holding gliedert, ein gutes Dutzend Unternehmen mit einem Rattenschwanz von Tochtergesellschaften, die insgesamt an die 7.000 Mitarbeiter beschäftigen und sich zusammengerechnet in Richtung eine Milliarde Euro Umsatz bewegen.

In der Grosso Holding sind die Großkaliber Semper Constantia, Kunert oder der Computer- und IT-Spezialist S&T angesiedelt, aber auch kleinere, bisweilen weniger profitable Liebhaberprojekte wie etwa die traditionsreiche Augarten Porzellan, deren Verluste er keck seinen "volkswirtschaftlichen Beitrag“ nennt. Grossnigg: "Hier machen wir jedenfalls die lustigen, spannenden Sachen.“

Die Austro Holding, an der Grossnig 40 Prozent hält, besteht indes aus puren "Old Economy“-Unternehmen, darunter der Büromöbelproduzent Neudörfler, der Spezialtürenhersteller Domoferm, die Heiz- und Kochgerätefirma Lohberger, die Traktorenmarke Deutz und nun eben auch Ankerbrot. 60 Prozent der Holding-Anteile sind auf zwölf weitere Investoren aufgeteilt, die für ihre Mindesteinlage von einer Million Euro jährlich eine garantierte Fixverzinsung von sechs Prozent erhalten. "Das ist nicht schlecht in Krisenzeiten“, sagt er. "Soweit ich weiß, sind alle glücklich und zufrieden.“

Nach 40 Jahren Selbstständigkeit, für die Grossnigg eine vielversprechende Bankerkarriere bei der einst mächtigen Chase Manhattan in Paris und New York aufgab, hat der Workaholic das Pensum in seiner 24/7-Woche von 4.500 Arbeitsstunden im Jahr nun auf 4.000 zurück geschraubt. Manche meinen, es täte ihm gut, noch kürzer zu treten, sich mehr seiner Kunstsammlung und der Oldtimer-Leidenschaft zu widmen.

Danach sieht es aber nicht wirklich aus. Alle neue Aktentaschen platzen nach wie vor aus den Nähten.

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