"Das ist die ganz große Botschaft"

"Das ist die ganz große Botschaft"

"Man kann die Gegenwart nicht verstehen, ohne die Vergangenheit zu kennen." Unter diesem Motto startet der ORF ab 26. Oktober die Neuauflage von Hugo Portischs legendärer Zeitgeschichtereihe "Österreich II".

Die Neuauflage von "Österreich II" startet am Nationalfeiertag auf ORF III. Bei "Österreich II" gab es deutlich mehr zu überarbeiten als noch bei "Österreich I". Warum?

Hugo Portisch: An "Österreich I" war aus historischer Sicht wenig zu revidieren. Bei der Produktion von "Österreich I" war die Geschichte der Ersten Republik von den Historikern bereits komplett aufgearbeitet und man konnte auf alle Quellen und Archive zurückgreifen. Als wir in den 1980er-Jahren mit "Österreich II" begonnen haben, waren die Archive hingegen noch geschlossen. Und die Historiker konnten sich damals noch nicht so ausführlich mit der Geschichte der Zweiten Republik befassen. Wir mussten also alles, was ab 1945 geschehen ist, selbst recherchieren. Wir haben Tageszeitungen durchgeschaut, alles was an Dokumentationen und Biografien vorlag gesichtet, Augen- und Zeitzeugen selbst beschafft. Es gab in Österreich kaum Videomaterial. Vieles war verbrannt, das audiovisuelle Gedächtnis der Nation war sehr reduziert. Wir mussten deshalb Filmmaterial aus der ganzen Welt zusammentragen, von Kameraleuten der Sowjets, der Briten, der Franzosen und anderen.

Welche neuen Erkenntnisse gab es nun bei der Überarbeitung von "Österreich II"?

Portisch: Inzwischen haben Historiker die Zweite Republik aufgearbeitet, und diese Erkenntnisse haben wir eingefügt. Es hat sich die Sicht auf die Dinge geändert. Ein Beispiel: Die Unabhängigkeitserklärung, die Geburtsurkunde Österreichs, die Karl Renner im April 1945 im Parlament verlesen hat, die haben wir in der Ursprungsversion von "Österreich II" noch als Verteidigung für Österreich interpretiert. Inzwischen wissen wir, dass in dieser Unabhängigkeitserklärung ein Geburtsfehler drinnen stand. Damit wurde die Theorie der Opferrolle Österreichs geschaffen, die uns lange verfolgt hat. Das war zu korrigieren.

Die Geschichte der Zweiten Republik wurde vor allem von den Großparteien SPÖ und ÖVP dominiert. Nun haben beide gerade noch 50 Prozent - Tendenz weiter fallend. Neigt sich die Zweite Republik, wie wir sie politisch kennen, damit langsam ihrem Ende zu?

Portisch: Wenn die Parteien die Botschaft richtig verstehen, die "Österreich II" von Anfang an transportiert, nämlich, dass man handeln muss, dass man Entscheidungen schnell fällen muss, und dass man dazu auch vereinte Kräfte braucht, dann ist das die Erkenntnis für die heutige Politik. Am 4. April 1945 erreichte die Rote Armee Wien. Es begann die Schlacht um Wien, die bis 13. April dauerte. Am 13. April fiel der letzte Schuss in Wien. Vom 13. bis 27. April waren 14 Tage Zeit. In diesen 14 Tagen wurde die SPÖ gegründet, wurde die ÖVP gegründet, wurde der ÖGB gegründet, und in fünf Tagen stellte Karl Renner die erste Bundesregierung auf. Das alle innerhalb von 14 Tagen. Da sind Leute ans Werk gegangen, die genau gewusst haben, jetzt geht's ums Ganze. Bei großen Aufgaben braucht man Ziele und man muss schnell handeln. Das lange Zögern, das gegenseitige Haxlstellen, das alles ist damals niemandem in den Sinn gekommen. Ganz im Gegenteil: Die Lehre aus der Ersten Republik war, wir behindern uns gegenseitig, wir schalten uns gegenseitig aus, wir schießen sogar aufeinander. In der Zweiten Republik war deshalb die sofortige Erkenntnis: Um Gottes Willen, jetzt nur nicht wieder anfangen, sich gegenseitig zu misstrauen oder sich zu behindern. Gleichzeitig gab es ein volles Bekenntnis zur Demokratie. Das ist die ganz große Botschaft.

Die Zweite Republik ist also noch lange nicht am Ende?

Portisch: Nein, nein. Es neigen sich vielleicht manche Parteien ihrem Ende zu, wenn sie sich nicht wandeln, wenn sie sich selbst aufgeben und keine Lehren ziehen, aber nicht die österreichische Demokratie. Und es bilden sich ja auch neue Parteien, die vielleicht einmal in der Lage sein werden, die alten Parteien abzulösen.

Sie haben im Vorjahr beim Europa-Forum in der Wachau ein leidenschaftliches Plädoyer für die EU abgelegt. 2014 stehen die nächsten EU-Wahlen an, vor wenigen Wochen erst erhielten EU-kritische Stimmen in Österreich rund ein Drittel der Stimmen. Sehen Sie der Wahl besorgt entgegen?

Portisch: Die EU-Skepsis ist leider nicht geringer geworden. Es ist ein großer Fehler der EU, dass sie ihre eigenen Ziele nicht ordentlich vermittelt und dass sie mitunter selbst Hürden baut, die ihrem Ansehen schaden. Und es war ein schwerer Fehler unserer Parteien im letzten Wahlkampf, Europa nicht zur Kenntnis zu nehmen und nicht zu thematisieren, wofür Europa steht, und welchen Stellenwert es hat und was wir von der EU schon alles haben.

Was bedeutet das Europa-Projekt für Österreich?

Portisch: Diese Projekt bedeutet unendlich viel, keineswegs nur Frieden und Sicherheit und keineswegs nur offene Grenzen. Es bedeutet auch ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. Wenn wir heute wirtschaftlich so gut dastehen, wie wir dastehen, dann ist das vor allem dem europäischen Projekt zu verdanken und der Teilnahme am gemeinsamen Markt und dass wir uns mit Europa auch global behaupten können. Allein wären wir nichts. Das haben die Parteien zu vermitteln. Wenn sie das der Bevölkerung nicht vermitteln können und antieuropäischen Parolen den Raum freigeben, dann ist es höchst bedauerlich.

Nach den Tragödien von Lampedusa sorgte zuletzt das Thema Migration für heftige Diskussionen. Besteht hier Handlungsbedarf für Europa?

Portisch: Ja natürlich. Das ist ein Problem, das die gesamte EU angeht. Das sind unsere Außengrenzen, die europäischen Außengrenzen, und da kann man die Italiener und auch die Griechen nicht einfach allein lassen.

Die Neuauflage von "Österreich II" startet auf ORF III am 26. Oktober um 20.15 Uhr

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