Cash und Crash am Burgtheater

Cash und Crash am Burgtheater

Die auffällige Barzahlungspraxis an der Burg hat nun auch das Interesse von Finanzamt, Rechnungshof und Staatsanwaltschaft geweckt.

Was macht der Mann eigentlich? Mit einem Jahresgehalt von 261.700 Euro zählt Georg Springer seit vielen Jahren zu den bestverdienenden Kunstmanagern der Republik. Seine Hauptaufgabe als Alleingeschäftsführer der Bundestheater-Holding wäre klar umrissen: Er soll Volks- und Staatsoper sowie das Burgtheater kontrollieren. Das ist ein verantwortungsvoller Job. Immerhin werden die Bühnen jährlich mit rund 150 Millionen Euro subventioniert. Von dieser "Basisabgeltung für die Erfüllung des kulturpolitischen Auftrags“ (Bundestheaterorganisationsgesetz) erhält die Burg 46,43 Millionen Euro pro Jahr.

Eigentlich hatte Springer, 69, damit kokettiert, dass sein mit Jahresende 2014 auslaufender Vertrag als Holding-Chef um weitere zwei Jahre verlängert wird. Doch daraus wird wohl nichts. Und das hat mit dem aktuellen Crash am Burgtheater zu tun, wo sein Kontrollversagen evident wurde. Vor Springers Augen wurde dort mit Bargeld jongliert und viel Steuergeld versenkt - und das mit System.

Cash is king

Doch es kommt noch schlimmer: Geheime Gelddepots, mysteriöse Scheinrechnungen und eine obszöne Cash-Kultur beschäftigen nicht nur Rechnungshof und Finanzamt seit Monaten, sondern auch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Sie prüft den Anfangsverdacht gegen unbekannte Täter: Bilanzfälschung, Betrug und Untreue sowie Steuerhinterziehung stehen im Raum.

Kurze Rückblende: Am Beginn der Burgtheater-Affäre stand der Rauswurf der ehemaligen kaufmännischen Direktorin, Silvia Stantejsky, im November 2013. Gefolgt von der Entlassung von Matthias Hartmann, dem künstlerischen Direktor, im Frühjahr 2014. Auch Springer musste seine Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Burgtheater GmbH zurücklegen. Das Misstrauensvotum des Ensembles ließ ihm keine andere Wahl. Den einflussreichen Posten des Holdingchefs konnte er aber behalten, weil sich der öffentliche Zorn gegen Hartmann - er sieht sich als Springers "Bauernopfer“ - richtete. Tatsächlich existierte das dubiose System, wo über Scheinrechnungen Bargeld ein- und ausgezahlt wurde, bereits unter Hartmanns Vorgänger, Klaus Bachler. Aufgezogen wurde es von Stantejsky, die sich selbst als Springers "Sündenbock“ empfindet. Stantejsky: "Die Kontrollinstanzen des Burgtheaters waren immer über die Buchführung informiert.“ Hartmann und Stantejsky bekämpfen ihre Entlassung vor Gericht, wo am 24. Juni wieder verhandelt wird.

"Ich ärgere mich jeden Tag darüber, dass wir nicht früher draufgekommen sind, ob Sie es glauben oder nicht“, rechtfertigte sich Georg Springer bei einer Pressekonferenz nach Ausbruch des Skandals. "Aber ich glaube, dass es nicht möglich war, früher draufzukommen. Wir sind hintergangen worden.“

Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Denn entgegen Springers Aussagen wurde er im Jahr 2011 sehr wohl über strukturelle Missstände am Burgtheater informiert. Das legen FORMAT exklusiv vorliegende Berichte der Internen Revision der Bundestheater-Holding aus 2011 und 2013 nahe. Die vertraulichen Dokumente werden eine Reihe von berühmten Schauspielern und Regisseuren sowie den einflussreichen Burg-Betriebsrat in die Bredouille bringen. Ihnen droht eine Steuerprüfung. Denn der von der Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG verfasste Bericht vom 27. Februar 2014 (Titel: "Projekt Sopran“) hat das Interesse der Finanz geweckt.

Immerhin ließen sich zahlreiche Künstler ihre Spielgelder, Pauschalen oder Tantiemen bequem in Cash auszahlen, was aus Sicht der Finanzamts aufklärungswürdig ist. Zudem machten die Sonderprüfer einen Zufallsfund: Auch ORF-Tantiemen wurden Mitgliedern des Ensembles "bar aufs Handerl“ ausbezahlt. Dubios an der jahrelangen Praxis: Als Zahlstelle fungierte der Betriebsrat. Das KPMG-Urteil über die Bezahlkultur an der Burg ist eindeutig: "Der Grund dieser Vorgehensweise der (teilweisen) Barauszahlungen von vertraglichen Ansprüchen und Honoraransprüchen an Künstler ist betrieblich und betriebswirtschaftlich nicht nachvollziehbar und kann als fremdunüblich beurteilt werden. Die Vorgehensweise birgt das Risiko, dass die Burgtheater GmbH zu Abgabenhinterziehung beiträgt.“

Für die Burgtheater GmbH wird das jedenfalls teuer. Für nachzuzahlende Steuern und Sozialversicherungsbeiträge sowie den Rechtsstreit mit Hartmann und Stantejsky mussten 9,9 Millionen Euro rückgestellt werden. Zudem musste die vom langjährigen Wirtschaftsprüfer PwC geduldete Praxis, Produktionen über fünf Jahre abzuschreiben, ebenfalls geändert werden. Sie gab den katastrophalen Zustand des Burgtheaters nicht korrekt wieder. Laut Neo-Buchprüfer KPMG wäre eine Abschreibungsdauer von drei Jahren zulässig gewesen. 6,3 Millionen Euro kostete die buchhalterische Anpassung. Das und die Korrektur von Stantejskys Bilanzkosmetik führten zum Rekordverlust.

Das Minus ist dicker als erwartet. Bis dato war von 19,6 Millionen Euro Bilanzverlust die Rede. Doch die neue Burgtheater-Bilanz weist einen noch größeren operativen Verlust aus: 21,3 Millionen Euro. Nur durch Auflösung von Rücklagen und zusätzlichen Finanzerträgen wurde der Bilanzverlust unter die 20-Millionen-Marke gedrückt. Springer war das recht, es milderte den politischen Druck auf ihn.

Das Kontrollversagen

Das gigantische Defizit, das am Ende der Steuerzahler abdecken muss, hätte womöglich von Burg-Oberkontrollor Springer verhindert werden können. Im Bericht der Bundestheater-Revision zum Thema "Bareinzahlungen (Honorare, Gagen, Eintrittsgelder)“ wurde 2011 festgehalten, dass mehr als 30 (!) Prozent aller Honorare, Spesen, Wohnzuschüsse über Barauszahlungen abgewickelt werden. So etwas muss einfach auffallen. Zum Vergleich: In der Staatsoper lag die Cash-Quote bei sechs Prozent. "Kassenprüfungen werden durch die kaufmännische Direktorin des Burgtheaters vorgenommen“, schreiben die Revisoren. Stantejsky habe nicht nur den Überblick über die Kassa, sie führe auch das Kassenbuch alleine. Eine "schriftliche Kassenordnung“ sei nicht vorhanden. Zuviel Macht in einer Hand, war das Fazit. Ein neues Kontrollsystem wäre ratsam: "Die Interne Revision vertritt die Auffassung, dass es nicht zu den Hauptaufgaben einer kaufmännischen Geschäftsführerin gehören sollte, Kassenprüfungen durchzuführen.“

Doch die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Der Revisonsbericht landete in der Schublade. Stantejsky durfte weitermachen. Als sei nichts gewesen. Erst im November 2013 stellten Revisoren abermals zähneknirschend fest: "Im Burgtheater ist der Anteil an Barzahlungen und Akontierungen höher als im Vergleich zu den beiden Musiktheatern (…) Das birgt nicht unerhebliche Risiken (und) wurde bereits in Berichten der Internen Revision 2010/11 angesprochen.“ Aber nun war es zu spät.

Geht es nach den KPMG-Prüfern, dann hätte der Aufsichtsrat schon vor Jahren feststellen müssen, dass im Burgtheater nicht alles astrein abläuft. Die laut dem "Sopran“-Bericht befragten Auskunftspersonen vermitteln Stantejskys lockeren Umgang mit Bargeld. Dort werden etwa die Schauspieler Michael Maertens ("Der ideale Mann“), Christiane von Poelnitz ("Elektra“) und Gert Voss sowie Starregisseur Jan Bosse ("Robinson Crusoe, Projekt einer Insel“) als Fans von Cash statt Banküberweisung geoutet.

"Nestroy“-Preisträger Michael Maertens, der Ehemann von Mavie Hörbiger, bunkerte bei Stantejsky in Summe 99.000 Euro. Er habe "bis etwa 2004 kein eigenenes Bankkonto besessen“ ("Sopran“-Bericht) und habe Stantejskys Angebot, sein Geld zu verwalten, gerne angenommen. "Ich fand das sehr nett“, sagt Maertens gegenüber FORMAT. "Ich wollte ja sparen.“ So behielt die Burg ab 2001 sein "Monatsgehalt in Form von Spielgeld, Pauschalen etc.“ ein. Wenn er Kohle brauchte, ging er "zur Hauptkasse des Burgtheaters“. Die "bar erhaltenen Summen“ habe er gegengezeichnet. "Das Geld ist versteuert worden“, betont Maertens. Lohnsteuer und Sozialversicherung wurden abgeführt. Maertens: "Ich war ein Trottel, dass ich Stantejsky mein Geld gab.“ Zumindest hat er nichts verloren. Im Gegensatz zu Regisseur David Bösch (“Parzival“), der um rund 200.000 Euro zittert.

Akontos bei der Hauptkasse

"Nestroy“-Preisträger bekamen offenbar eine Sonderbehandlung. "Christiane von Poelnitz gab an, von Frau Stantejsky viele Akontos abgeholt zu haben“, heißt es im "Sopran“-Bericht. "Die Übergabe fand immer bar in der Hauptkasse statt.“ Am 31. August bzw. 21. November 2012 holte sie 7.000 bzw. 7.500 Euro ab. Von Poelnitz: "Jede Akonto-Auszahlung an mich wurde dem Gehalt abgezogen und damit ordnungsgemäß versteuert.“ Auch andere liebten Cash. "Stantejsky sendete ein E-Mail mit der Bitte um Baranweisung der Monatsgage September von Gert Voss und teilte mit, dass die weiteren Zahlungen dann wieder aufs Konto erfolgen sollten“ - ("Sopran“-Bericht). Warum das Splitting? Wurde alles versteuert? "Herr Voss ist derzeit für Dreharbeiten unterwegs und steht nicht zur Verfügung“, schreibt Voss-Agentin Patricia Baumbauer an FORMAT. Mehr will sie nicht sagen.

Bei Starregisseur Jan Bosse konnte die KPMG konkrete Geldsummen festmachen: "Stantejsky sendete ein E-Mail, aus dem hervorgeht, dass sie Jan Bosse einen Vertrag über 30.000 Euro zukommen ließ und dazu noch ein weiteres Honorar von 10.000 Euro dazukomme, für welches die Honorarnote dann bei Barbehebung in Wien ausgestellt wird.“ Auch hier stellt sich die Frage: Wurde alles versteuert? Bosse ließ eine FORMAT-Anfrage unbeantwortet.

"Künftig wird es keine Barauszahlungen mehr geben, sondern nur von Konto zu Konto“, versichert Neo-Burg-Direktorin Karin Bergmann. Sie will einen Schlussstrich unter das leidige Kapitel ziehen und die Skandale hinter sich lassen. Doch für die Interimschefin - ihr Vertrag läuft bis 2016 - wird das nicht leicht. Auch ihr Name findet sich in Stantejskys berüchtigter "Depots“-Liste. Dabei handelt es sich um spezielle Verrechnungskonten, wo Stantejsky Cash bunkerte. Neben Bergmann scheinen auch die Regisseure Karin Beier, Nicolas Stemann, Tom Stromberg und der verstorbene Christoph Schlingensief auf. Pikant: Wie viele andere wussten auch sie nicht, dass sie ein Depot besaßen, was den Untreueverdacht gegen Stantejsky nährt.

Zu den "Sopranos“, wie ein Prüfer alle in die Affäre verwickelten Personen liebevoll nennt, zählt auch Burg-Betriebsratschefin Dagmar Hölzl. Immer wieder wanderten Zehntausende Euro von der Burgkasse zum Betriebsrat, der das Cash auf Basis von skurrilen Rechnungen in Empfang genommen haben soll: "Abrechnung künstlerische Lizenzen“ (18.000 Euro), "Personalangelegenheiten“ (18.000 Euro), "TV-Auszahlung“ (12.000 Euro), "Diverse Lizenzen“ (20.000 Euro) oder "Zurverfügungstellung von Personal“ (26.646,35 Euro). Die Papiere interessieren den Staatsanwalt. Es könnten Scheinrechnungen sein, weil Hölzl sagt: "Ich habe das Geld nie gesehen.“ Die Belege seien "falsch“.

Seltsame Bräuche

Tatsächlich hantiert der Betriebsrat aber immer wieder mit Cash. So etwa als Vertretungsbevollmächtigter des Ensembles bei Urheberrechten. Unter dem Titel "Erlöse aus Rundfunk-und Fernsehübertragungen“ kassiert das Burgtheater viel Geld, das zum Großteil an die Künstler weitergereicht wird. Die Direktion überweist das ORF-Geld an den Betriebsrat, der es verteilt: Der Künstler wird angerufen, er solle doch "kurz vorbeischauen“, um "sein Geld“ abholen. Einige hundert bis ein paar tausend Euro wechseln dann den Besitzer. Wieso keine Überweisung, sondern Cash? Hölzl: "Das war schon immer so und wird so bleiben.“ Der Betriebsrat weist zwar darauf hin, dass das Geld als Einkommen zu versteuern sei. Doch überprüft wird das nicht. Die Finanz weiß nichts davon und wird offenbar nicht informiert.

Das wird sich nun ändern. Allen ORF-Geldempfängern, die in der vom Betriebsrat geführten Liste aufscheinen, droht eine Steuerprüfung. Wer die Mittel brav versteuert hat, braucht sich nicht fürchten. Der Rest schon. Auch Dagmar Hölzl befindet sich in einer unangenehmen Situation.

Laut KPMG tauschte sie sich mit Stantejsky auch in Steuersachen aus. Zudem war sie als einziger Burg-Aufsichtsrat gegen Stantejskys Entlassung. Hölzl erklärt das so: "Das war ein Einspruch aus rechtlichen Gründen.“ Stantejsky sollte der Klagsweg offen bleiben. Hätte der Betriebsrat zugestimmt, wäre das nicht möglich gewesen. Geldgeschäfte mit Stantejsky weißt Hölzl zurück. "Unterschriften auf Empfangsbestätigungen wurden durch Hölzl nicht als ihre eigenen identifiziert“ ("Sopran“-Papier). Der Verdacht der Urkundenfälschung steht im Raum.

Der Betriebsratskrimi

Der Burg-Betriebsrat ist nicht das erste Mal in Troubles. Im Juni 2013 wurde ein Mitglied rechtskräftig zu acht Monaten bedingter Haft verurteilt. Der Grund: Von Februar 2010 bis November 2011 soll die Person aus dem Betriebsratsfonds 78 Mal Geld entnommen haben - Schaden: 52.000 Euro. Es wurden Fernseher, Geschirrspüler oder Kaffeemaschinen für Kollegen gekauft, erklärte Strafverteidigerin Astrid Wagner damals vor Gericht. Bereichert habe sich ihr Mandant aber nie. Er habe vielmehr "eine finanzielle Gebarung übernommen, die ein Schlendrian im übelsten Sinne“ war.

Das "Kollegen mit kurzfristigen Engpässen Geld aus der Kassa“ bekamen, war an der Burg kein Thema, sondern Tradition. Weil der angeklagte Betriebsrat keine Rechnungen vorweisen konnte, wurde er verurteilt. Dass "alle“ Unterlagen, die ihn entlasten sollten, verschwunden waren, glaubte ihm der Richter damals nicht. Dass es im Burgtheater so übel zuging, war nicht vorstellbar.

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