"Bill Gates imponiert mir“

"Bill Gates imponiert mir“

FORMAT: Wenn ein Alt-Abt ein Buch über das reich werden schreibt, hat das fast etwas Provokantes. War das Ihre Intention?

Gregor Henckel-Donnersmarck: Ich habe dafür schon Kritik bekommen, das stimmt. Doch es geht ja um das reich werden auf die gute Art. Ich bin in voller Übereinstimmung mit dem, was Papst Franziskus über die Wirtschaft äußerte und setze mich in meinem Buch auch damit auseinander. Die Kritik an den heutigen Praktiken der Wirtschaft ist berechtigt. Aber wir dürfen sie nicht dämonisieren. In der materiellen Welt leben wir nun einmal von Wirtschaft. Doch sie muss gut und moralisch vertretbar sein.

Ist reich zu werden moralisch vertretbar?

Henckel-Donnersmarck: Unter zwei Bedingungen ist es das: Wenn es auf die gute Art geschieht und wenn das erzielte Vermögen dann auch verantwortungsvoll eingesetzt wird. Arbeitsvorgänge müssen sozial und umweltverträglich sein. Wenn dann das angebotene Produkt sein Publikum findet, der Kunde zufrieden ist und das alles Gewinn abwirft, ist nichts dagegen einzuwenden. Doch man darf nicht in die Fallen des Kapitalismus laufen. Der Markt ist nicht heilig, er tendiert auch dazu, dass es an seinen Randzonen extrem ungerecht zugeht. Das müssen wir verhindern.

Sehr häufig wird das Verhältnis von Management-Gehältern zu Durchschnittslöhnen kritisiert. Gibt es ein Zuviel? Wo liegt es?

Henckel-Donnersmarck: Es braucht vernünftige Proportionen, keine Frage. Oft wird argumentiert, dass Managern so viel bezahlt werden müsse, weil sie einen so hohen Marktwert hätten und man sie sonst nicht engagieren könne. Das heißt aber, dass hier ein Mensch vermarktet wird. Dass der Markt den Wert eines Menschen bestimmt, ist Häresie, das ist ein falsches Menschenbild. Denn der Mensch ist nicht am Markt. Es ist in Ordnung, wenn Manager mehr verdienen als der Durchschnitt und sie Boni bekommen. Vorausgesetzt, das Verhältnis ist angemessen und die Boni werden verteilt. Jeder soll vom Erfolg profitieren.

Manche profitieren ganz ohne geleistete Arbeit - indem sie erben.

Henckel-Donnersmarck: Ererbtes Vermögen bedeutet Verpflichtung. Mir imponiert übrigens Bill Gates, Er wurde durch seine Erfindung immens reich, aber er vermag es auch, damit etwas zu bewirken. Er setzt sein Geld ein, um im Sinn der Menschlichkeit Akzente zu setzen. Ich bin nicht mit allen Projekten einverstanden, weil sie etwa bei der Bevölkerungsentwicklung mit der Lehre der Kirche nicht kompatibel sind, aber diese Art, mit Vermögen umzugehen, ist gut. Er hat es in eine Stiftung eingebracht, seine Kinder erben nur einen Teil davon.

Reichtum wird wieder stärker kritisiert, seit viele Menschen im Zuge der Krise ihr Vermögen verloren und Steuerzahler für Probleme der Banken aufkommen müssen. Kann es nicht sogar gut sein, ihn zu dämonisieren, um das Streben nach immer riskanteren Handlungen etwas zu bremsen?

Henckel-Donnersmarck: Die Intention meines Buchs ist es, Mut zur Wirtschaft zu machen. Reichtum kann sündhaft entstehen, muss es aber nicht. Wenn jemand etwas erfindet, wovon wir alle profitieren, dann soll er reich werden können und gut damit umgehen. Wenn ein Kaufmann dafür sorgt, dass seine Kunden mit den Waren, die sie brauchen, versorgt werden, dann ist das gut. Wenn ein Künstler die Menschen mit seiner Arbeit begeistert, dann soll er damit Geld verdienen. Aber es ist immer nur ein Mittel, und kein Zweck.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass wieder sehr viel über Werte wie Solidarität und Verantwortung gesprochen wird. Sind sie mehr als ein Feigenblatt?

Henckel-Donnersmarck: Aus Sicht der christlichen Soziallehre sind Werte nicht handelbar, das ist das, was sie auszeichnet. In Ausprägungen der aktuellen Wirtschaft ist das nicht der Fall. Das System ist unmenschlich, und das ist auch, was der Papst kritisiert.

Wie ist es aus Ihrer Sicht dazu gekommen?

Henckel-Donnersmarck: Die Demoralisierung hat zur Krise geführt. Die Hypothekenkrise, Fälle wie Madoff oder Lehman, all das ist moralisch verwerflich. Ein Grund dafür, dass es soweit kommen konnte, liegt wahrscheinlich im Jahr 1989. Es wurde der falsche Sieger erklärt: Nicht der Kapitalismus hat gesiegt, sondern der reale Sozialismus ist zusammengebrochen. Mit dem Sozialismus haben wir unseren besten Feind verloren. Man wusste im Westen, dass man den Kapitalismus nicht gänzlich asozial und turbomarktradikal werden lassen durfte, weil der Sozialismus ihn sonst zu Recht kritisiert hätte. Der beste Feind war immer auch unser Gewissen. Er hielt uns wach.

Mit dem Untergang des realen Sozialismus hieß es dann also: Leinen los?

Henckel-Donnersmarck: Der amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama ging so weit, das Ende der Geschichte auszurufen. Das ist bekanntlich nicht eingetroffen. Nur weil der Feind weg ist, heißt es nicht, dass es nicht auch den Feind in uns selbst gibt. Wir alle sind gefährdet, egoistisch, böse. Man darf das nicht wegwischen. Was fehlt, ist die Eigenverantwortung der Menschen. In Österreich ist die Obrigkeitshörigkeit besonders ausgeprägt, auch wenn sie langsam bröckelt, weil die Obrigkeit nicht immer vernünftig und moralisch handelt. Fälle wie die Hypo-Alpe-Adria-Bank sind auch eine Form des moralischen Versagens.

Auch dass sich die Ungleichheit gerade vergrößert, lässt sich nicht wegwischen. Wie geht die Kirche damit um, dass es beides immer gibt, Arm und Reich?

Henckel-Donnersmarck: Christus sagt an einer ganz merkwürdigen Stelle: "Arme werdet ihr immer unter euch haben.“ Wir haben keine Verheißung auf das Paradies auf Erden. Wir können uns aus dem Evangelium die Motivation holen, für die Menschlichkeit zu arbeiten, aber wir haben keine Garantie darauf. Das soll uns aber nicht entmutigen, das Gute zu tun, oder dazu führen, deshalb die Diktatur der Tugendbolde einzuführen, die uns jeder Freiheit beraubt.

Auch die katholische Kirche wird für ihren Umgang mit Geld kritisiert, wie im Fall des zurückgetretenen Limburger Bischofs Tebartz-van Elst. Er hatte die Baukosten des "Diözesanen Zentrum“ falsch angegeben, sie lagen bei 30 statt zehn Millionen Euro.

Henckel-Donnersmarck: Die Kirche muss mit äußerster Vorsicht mit Geld umgehen, und ich bin der Meinung des Papstes, hier klar vorzugehen. Sie hat Fehler gemacht. Das heißt aber nicht, dass die Kirche in Armut leben muss. Einige Orden leben nach dem Armutsgelübde, andere nicht. Auch hier geht es darum, wie sie mit Vermögen umgehen. Das Problem in Limburg war auch ein Problem der Kommunikation und des Vertrauens. 30 Millionen Euro sind natürlich viel Geld, diese Kosten wurden nicht richtig kommuniziert, auch nicht den kirchlichen Gremien.

Gegen die Vatikanbank laufen Ermittlungen wegen Geldwäsche.

Henckel-Donnersmarck: Ein neues Team mit einem deutschen Manager an der Spitze ist gerade dabei, hier wieder für Transparenz zu sorgen. Die Reformen haben bereits begonnen. Es wäre aber falsch zu sagen, der Vatikan dürfe keine Geldgeschäfte abwickeln. Die Gründung der Bank IOR geht darauf zurück, dass Mussolini die Konten von Ordensgemeinschaften sperrte.

Zur Person: Gregor Henckel-Donnermarck, 71, wuchs nach der Flucht aus Schlesien in Bayern und Klagenfurt auf. Er studierte an der Wiener Hochschule für Welthandel. Später leitete er für das Logistikunternehmen Schenker die Spanien-Niederlassung. 1977 wurde er Novize im Stift Heiligenkreuz. Von 1999 bis 2011 stand er diesem als Abt vor.

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Wirtschaft

Haselsteiner und Waffenproduzent Glock sollen Flughafen Klagenfurt retten

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Politik

Regierung einig: Steuerreform vor Beschluss

Slideshow
Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich

Wirtschaft

Shopping-Neuheiten: Diese Stores kommen heuer nach Österreich