"Nicht Griechenland, Deutschland soll aus der Eurozone austreten"

Dadurch würde Deutschland “Schadenskontrolle” betreiben, um die Auswirkungen einer Ansteckung durch einen Austritt Griechenlands zu meiden. Denn das Euro-Aus der Griechen würde nach Ansicht von Nielsen die Banken und den Handel in Europa lähmen.

Für Deutschland hätte eine solche Maßnahme zur Folge, dass die neue Währung aufgrund der höheren Produktivität des Landes höher bewertet würde, erläuterte Nielsen im Telefoninterview mit Bloomberg News. “Die Diskussion wird bislang von Deutschland bestimmt, der dominanten Macht in der Region”, sagte Nielsen.

Er war im Jahr 2002 zum Finanzminister ernannt worden - wenige Monate nachdem Argentinien einen Zahlungsausfall im Volumen von 95 Mrd. Dollar bekannt geben musste. “Statt nach der Wahrheit zu suchen, bemühen sie sich weiterhin darum, die Diskussion nach politisch korrekten Richtlinien zu führen. Sie müssen den Stillstand überwinden.”

Ein Austritt Deutschlands sei einfacher zu vermitteln als eine Abwertung der Peripherie - und würde Vertrauen schaffen. Politisch sei es für Deutschland nicht machbar, weitere Mittel in die Peripherie zu leiten, sagte Nielsen, der mittlerweile in Buenos Aires Berater ist.

In der Zwischenzeit müsste der Rest Europas “radikale Änderungen” durchmachen. Griechenland sollte sofort auf eine neue Art Währung umsteigen. “Eine Mischung aus Schuldscheinen und Papiergeld würde dabei helfen, die Finanzierungslücke zu schließen und verhindern, dass Griechenland vor die Hunde geht”, sagte Nielsen. “Gleichzeitig sollte Griechenland alle Kapitalbewegungen stoppen. Sie hätten dies schon längst tun sollen.”

Massive Ausfallsrisiken

Wie gefährlich die Situation für Deutschland bereits geworden ist, zeigt ein Blick auf die Target2-Forderungen. Die Target2-Forderungen jener vier Euro-Länder, die über die Top-Bonitätsnote “AAA” verfügen, sind inzwischen auf den Rekordwert von rund 935 Mrd. Euro gestiegen. Darauf hat Volkswirt Thomas Costerg von Standard Chartered hingewiesen. Defizite gebe es hingegen bei den Peripherie-Ländern und Frankreich.

Über Target2 wird in der Eurozone der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr abgewickelt. Die vier “AAA“-Länder sind Finnland, Deutschland, Luxemburg und die Niederlande.

Deutschland kommt den Angaben zufolge derzeit auf Target2- Forderungen von insgesamt 644 Mrd. Euro, was in etwa 24 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes entspreche. “Obwohl das derzeit nur eine Frage der Buchhaltung ist, könnte sich das zu Verlusten für die Steuerzahler entwickeln, sollte die Eurozone auseinanderbrechen”, schrieb Costerg.

Deutsche Bundesbank wäre in Kapitalnot

Ein Zahlungsausfall der griechischen Notenbank und ihrer Verpflichtungen von rund 163 Mrd. Euro gegenüber dem Euro-System sei zwar letztlich “handhabbar” und würde für die 17 nationalen Notenbanken zu einem Verlust von 150 Mrd. Euro führen, wovon 41 Mrd. Euro auf die Bundesbank entfielen. Allerdings würde der 41 Mrd. Euro schwere Verlust wohl das Kapital der deutschen Bundesbank von 5 Mrd. Euro auslöschen, hieß es in der Notiz weiter. Es sei wahrscheinlich, dass die Bundesbank dann erst einmal Vermögenswerte verkaufe, um mit dieser Maßnahme Kapitalzuflüsse freizusetzen.

Auch das Brokerhaus Brockhouse & Cooper hatte in dieser Woche darauf hingewiesen, dass sich die Forderungen Deutschlands gegenüber dem Eurosystem seit Anfang 2012 um mehr als 30 Prozent erhöht hätten. “Sollte also Griechenland oder ein anderes Mitgliedsland den Euroraum verlassen, dann könnten die Deutschen ’Auf Wiedersehen’ sagen zu dem Geld, das man ihnen schuldet” über das Target2-System der Eurozone, schrieben die Strategen des Finanzdienstleisters.

Bloomberg/hahn

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