Nach Euro-Gipfel - Analysten vorsichtig optimistisch

Die Euro-Länder haben sich auf dem Sondergipfel auf ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Lösung der Schuldenkrise geeinigt. Die Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Länder beschlossen in der Nacht auf Donnerstag in Brüssel ein zweites Hilfsprogramm für Griechenland, einen verstärkten Einsatz der Mittel des Rettungsfonds EFSF sowie Eckpunkte zur Stärkung der Banken. Italien und Spanien verpflichteten sich zudem zu zusätzlichen Reformschritten.

Für Griechenland schnürten die Euro-Länder ein neues Rettungspaket, das einen Schuldenerlass der privaten Gläubiger von nominal 50 Prozent der rund 200 Mrd. Euro ausstehenden Staatsanleihen vorsieht. Der internationale Bankenverband IIF erklärte sich bereit, eine entsprechende "freiwillige" Vereinbarung zu entwickeln. Die 17 Euro-Länder verständigten sich zudem darauf, dem Euro-Rettungsschirm EFSF die Möglichkeit zu geben, über eine Billion Euro für angeschlagene Euro-Staaten zu mobilisieren. Analysten sagten in ersten Reaktionen:

Janwillem Acket, Chefvolkswirt Julius Bär: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich würde nicht euphorisch werden. Die Euro-Zone bleibt eine Riesenbaustelle, an der an vielen Ecken und Enden noch gewerkelt werden muss. Die Lage bleibt ernst.

Der Schuldenschnitt von 50 Prozent für Griechenland ist eher an der unteren Grenze. Wir haben eher für 70 Prozent plädiert. Entsprechend ist die Rekapitalisierung der Banken mit 106 Mrd. eher niedrig gehalten. Beides hängt zusammen. Das Geld für die Rekapitalisierung soll von privaten Geldgebern kommen. Das heißt im Grund genommen, dass einige Banken im kommenden Jahr auf Dividenden verzichten müssen. Auch könnte das zu Fusionen und Zusammenschlüssen führen. Beides ist bei den Banken sehr unbeliebt. Die deutsche Linie hat sich hier durchgesetzt, dass nicht die EZB die Banken heraushauen muss, sondern zuerst private Geldgeber gesucht werden und danach die Nationalstaaten in der Pflicht sind. Die Gruppe um Deutschland hat sich durchgesetzt.

Tilak Doshi, Energie-Experte an der Uni Singapur: "Ich denke, die fundamentale Frage ist, ob der Verzicht der Banken von 50 Prozent für einen Schuldenschnitt in Griechenland ausreicht. Preisen die Märkte den erforderlichen Schnitt nicht bei 60 Prozent ein? Und wer wird die Kosten für die Rekapitalisierung der Banken tragen? Fraglich ist zudem, ob vor allem Italien rechtzeitig glaubhafte Pläne zur Reduzierung seiner Schulden und zur Verbesserung der Produktivität liefern wird."

Barclays Capital: In einem Kommentar schreiben die Analysten des Bankhauses, dass der Gipfel "keine messbaren Ergebnisse oder wenigstens Fortschritte bei verschiedenen Themen von großer Wichtigkeit" gezeitigt habe: "Zum Beispiel sind die Nachrichten zum Hebel des EFSF bestenfalls lückenhaft und es bleibt abzuwarten, wie die endgültige Einigung aussehen wird.

Zwar hat die italienische Regierung angeblich weitere Reformbemühungen in einem Brief an die EU-Kommission versprochen, doch es bleibt abzuwarten, wie stark sich die amtierende Regierung dazu verpflichtet sieht. Fazit: die Marktteilnehmer haben es mit einer Zahl wichtiger offener Fragen zu tun, und die Regierungen müssen noch befriedigende Antworten geben."

Damien Boey, Aktienstratege Credit Suisse, Sydney: "Die Schlagzeilen sehen ganz gut aus, aber der Teufel steckt im Detail. Es ist eine super gute Nachricht, dass sie sich auf eine Hebelung des EFSF auf eine Billion Euro und auf einen Schuldenschnitt mit privaten Gläubigern bei den griechischen Schulden geeinigt haben. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, wie sie den Rettungsfonds von derzeit 440 Mrd. Euro auf eine Billion hebeln wollen. Außerdem ist nicht wirklich sicher, dass das reichen wird.

Wenn man eine Billion Euro und die EZB an Bord hätte, wäre das genug. Aber bisher gibt es keine Erklärung, dass die EZB mit dabei ist. Sollte die EZB nicht bereit sein, mit ihrem Geld den Rettungsfonds aufzupeppen, dann haben wir ein Problem."

Jeremy Friesen, Rohstoff-Stratege, Societe Generale: "Wenn der EFSF verstärkt wird, ist das eine gute Sache, denn das wird einige Risiken in den europäischen Markt reduzieren. Allerdings ist es wohl zu hoch gegriffen, auf eine schnelle Lösung der Euro-Krise zu hoffen, denn es braucht Zeit, bis die finanziellen Probleme in Griechenland oder Italien gehändelt sind. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Europäer ihre Probleme nun ernsthaft angehen."

- APA

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