Internationale Pressestimmen zu Wikileaks

"The Times": Iran isoliert - "Le Monde": Iran und die Araber - "La Repubblica": Das Monster Glasnost

London/Paris/Rom (APA/dpa) - Die konservative britische Zeitung "The Times" kommentiert am Mittwoch die politische Isolation des Iran nach den Enthüllungen von Wikileaks:

"Die US-Regierung bedauert zu Recht die Veröffentlichung von Dokumenten, die die Sicherheit des Personals vor Ort gefährden. Doch im Stillen kann sie zufrieden sein. Die Enthüllungen bestätigen die internationale Übereinstimmung, dass man gegen das iranische Regime einschreiten muss. Der Iran hat das Recht auf die zivile Nutzung von Atomenergie. Dafür braucht man kein umfassendes Atom- und auch kein Raketenprogramm. Die iranische Atom-Diplomatie ist eine unverschämte Provokation. Die USA kämpfen dagegen an und handeln dadurch nicht nur im Namen der internationalen Gemeinschaft, sondern auch wie die Wikileaks-Depeschen zeigen, mit ihrer Unterstützung."

Die unabhängige französische Tageszeitung "Le Monde" kommentiert die Enthüllungen über das Verhältnis der Araber zum Iran:

"Man wusste, dass die arabischen Regierungen über die Atompläne des Iran besorgt sind. Dass sie sich jedoch so sehr vor dem Aufbau eines Atomprogramms der islamischen Republik fürchteten, gehört zu den interessantesten Aspekten der Enthüllungen von Wikileaks. Die Angst, die das Regime in Teheran in der arabischen Welt verbreitet, ist so groß, dass die arabischen Regierungen die USA dazu drängen, das iranische Atomprogramm mit allen Mitteln zu stoppen, auch mit Gewalt. Bisher wusste man nichts über das Ausmaß der arabischen Reaktionen ebenso wenig wie über den starken Druck, den die Araber auf Washington ausüben. Wikilieaks hat hier hinter den Schlagzeilen der Aktualität Hintergründe erhellt, die den Zusammenhang besser verständlich machen."

Die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" meint zu den Reaktionen auf den letzten Coup von Wikileaks:

"Nur wer eine sehr düstere Vorstellung hat von der freien und unabhängigen Information, kann im Fall Wikileaks von einem "11. September der Diplomatie" sprechen, wie es (der italienische Außenminister Franco) Frattini kürzlich tat. Nur wer von weltweiten Offensiven auf die Nachrichten träumt - obwohl diese inzwischen und schon seit längerem grenzenlos verfügbar sind, kann kriegerisch an eine "kompakte Allianz" gegen das globale Kommunikations-Chaos glauben. Rom, Moskau, Berlin und Kabul in einem Kampf gegen das weltweite Internet zusammenzuschweißen, wirkt dabei eher wie ein Kapitel aus Aldous Huxleys "Brave New World". Und dabei handelt es sich bei dem gefürchteten Monster schlicht um Glasnost, um eine größere Transparenz, die plötzlich in die politische Grauzone der Diplomatie einbricht."

Die rechtsliberale dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" (Århus) sieht eine "pervertierte Form von Nachrichtenvermittlung":

"Wikileaks ist Gewalt gegen die freie und offene Informationsgesellschaft und repräsentiert eine pervertierte Form von Nachrichtenvermittlung. Geheimdokumente sollen nicht deshalb verbreitet werden, nur weil das möglich ist. Sie sind auch nicht zwangsläufig relevant oder interessant für die Öffentlichkeit, nur weil sie geheim sind. Es ist offensichtlich, dass die jüngsten Enthüllungen von Wikileaks der internationalen Diplomatie großen Schaden zufügen. (...) Diese illegal veröffentlichten Dokumente sind von Personen verbreitet worden, die ihre Schweigepflicht gebrochen oder Dokumente direkt gestohlen haben. Man kann sie juristisch belangen und bestrafen, egal, auf welchen Kanälen sie ihr Diebesgut verbreitet haben."

Die linksliberale bulgarische Zeitung "Sega"schreibt zu den Enthüllungen über die US-Diplomatie:

"Die Enthüllungen setzen den gesamten Prediger-Wortschatz der amerikanischen Diplomatie außer Gebrauch. Das Interesse für biometrische Daten, Kreditkarten und Internet-Verkehr der Partner kombiniert sich ironischerweise mit Aufrufen zu "Transparenz ohne Grenzen", "offener Gesellschaft" und "geteilten demokratischen Werten". Die politisch korrekte Sprache wird natürlich in den Medien noch lange in Umlauf sein, allerdings als eine entwertete Währung. (...) Die Lüge ist eine der Grundlagen unserer Gemeinschaft. Die Irreführung hat verschiedene Namen und Codes: Protokoll, Freundlichkeit, Artigkeit. In den Medien heißt sie politische Korrektheit, in den zwischenstaatlichen Beziehungen Diplomatie. Eine Lüge geht nun in Rente. Es ist an der Zeit, dass eine andere sie ersetzt."

- APA

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