Internationale Pressestimmen zu Libyen

Europäische Tageszeitungen haben in ihren Dienstags-Ausgaben die Situation in der libyschen Hauptstadt Tripolis kommentiert:

"Adevural" (Bukarest):

"Haben wir diesen Film nicht schon einmal gesehen? Den Film, in dem der Tyrann vor dem Volkszorn flieht und sein Nachwuchs spektakulär verhaftet wird? (...) Es gibt aber auch einen wichtigen Unterschied zwischen Rumänien 1989 und Libyen 2011. Der afrikanische Tyrann hat tatsächlich treue Truppen an seiner Seite, die bereit sind, der Sache bis zum Schluss zu dienen. (...) Was die Libyer jetzt haben und die Rumänen damals nicht hatten, ist außerdem eine Figur wie Mustafa Abdel Jalil, der politische Führer der Anti-Gaddafi-Rebellen, der mit Rücktritt von der Spitze des Nationalen Übergangsrats gedroht hat für den Fall, dass die Rebellen auf Racheakte zurückgreifen."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"In Libyen muss der - immer noch recht unscheinbare - Nationale Übergangsrat nun zeigen, dass die Vertreibung Gaddafis tatsächlich das Ende einer Ära bringt. Angesichts der Tatsache, dass der Westen frühzeitig und deutlich für den Aufstand Partei nahm, hat er nun größtes Interesse an einem Sieg der freiheitsliebenden Kräfte. Hilfe und Beistand sind geboten, eine gewisse Druckausübung ist dabei erlaubt, aber die Regie muss in Tripolis geführt werden. Deshalb sollten keine Bodentruppen entsandt werden, solange Libyen nicht nachdrücklich darum bittet."

"El Pais" (Madrid):

"Die NATO hat beim Erfolg der libyschen Rebellen eine entscheidende Rolle gespielt. Für die Aufstände in der arabischen Welt wurde eines der wichtigsten Hindernisse aus dem Weg geräumt. Nun ist abzusehen, dass dem Assad-Regime in Syrien ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie der Gaddafi-Diktatur, und dass die revolutionäre Welle, die die Region erschüttert, neue Impulse erhält.

Die unmittelbare Zukunft Libyens ist völlig unklar. Die internationale Gemeinschaft muss eine gemeinsame Haltung finden und ohne direkte Einmischung zu einer Demokratisierung beitragen. In dieser heiklen Phase darf sich niemand Fehler erlauben, weder die Führung der Rebellen noch die Weltgemeinschaft."

"Basler Zeitung":

"Gaddhafis Hinterlassenschaft ist ein schweres Erbe für alle, die sich jetzt an den Neuaufbau des Wüstenstaates wagen. Libyen ist in jeder Beziehung Wüste. Es hat keine Institutionen und keine Zivilgesellschaft. Das Justizsystem verdient seinen Namen nicht. Das Wirtschaftssystem ist durchseucht von Filz und Korruption. Die Terrorherrschaft hat die Menschen verängstigt und ihnen jedes Vertrauen in die Mitmenschen geraubt. Stunde null haben die Rebellen den Fall des Regimes in Tripolis genannt. Der Begriff ist äußerst treffend. Denn der Aufbau muss in jedem Bereich bei null beginnen."

"Tagesspiegel" (Berlin):

"In Libyen ist erstmals ein Diktator gestürzt worden, der mit Waffengewalt bis zuletzt um seine Macht gekämpft hat und die Opposition militärisch niederringen wollte. So wie dies Baschar al Assad in Syrien tut, wo der Kampf andauert. Damit ist der Fall von Tripolis ein deutliches Signal an Assad und andere verbliebene autoritäre Herrscher, die Widerspruch mit Gewalt zu ersticken suchen: Auch ihr könnt stürzen. Mit der großen Einschränkung, dass dazu in Libyen die militärische Hilfe der Nato nötig war."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Nach fast 42 Jahren zielloser, irrlichternder Herrschaft eines Narzissten haben die Libyer jetzt die Chance, eine Gesellschaft aufzubauen, die Vorbild für die arabische Welt sein könnte. (...) Ob es dazu kommt, ist eine ganz andere Frage.(...) Weder die Libyer selbst noch die internationale Staatengemeinschaft wissen, was von den Rebellenführern zu erwarten ist. (...) Ob die Militärhilfe der Nato von den Libyern jemals in Form demokratischer Verhältnisse beglichen wird, muss sich zeigen. Einklagen lässt sich das nicht. Auf dem Weg zu einem Libyen ohne Gaddafi mögen die Aufständischen fremde Hilfe angenommen haben. Am Ziel angekommen, entscheiden sie selbst über ihre Zukunft."

"Magyar Nemzet" (Budapest):

"Es fördert den Skeptizismus, wenn wir die zusammengewürfelte Truppe der Sieger betrachten, die - was für ein Zufall - von den gestrigen Helfern des eben gestürzten Diktators geführt wird. Im Zweifel wird man da dem Revolutionär, der im Siegesfieber sein Leben riskiert hat, zurufen: Pass auf, sie legen dich wieder herein. Dieser würde die Warnung aber jetzt sowieso nicht ernst nehmen. Dennoch wird die Ernüchterung kommen und dann werden wir Grund haben zu bedauern, was aus dem 'arabischen Frühling' geworden ist."

- APA

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