"Wenn eine Bank kippt, sind die Investoren, Eigentümer und wohlhabenden Sparer dran"

"Wenn eine Bank kippt, sind die Investoren, Eigentümer und wohlhabenden Sparer dran"

Davon sind Finanzexperten überzeugt - trotz aller Beteuerungen der Politiker, Zypern sei ein Einzelfall. Nicht nur die Eigentümer der Banken, sondern auch Investoren und wohlhabende Sparer müssten künftig mit Verlusten rechnen, wenn sie ihr Geld Instituten mit riskanten Geschäften anvertrauten, sagt etwa der Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest.

"Es ist nicht die Sache des Steuerzahlers, Investoren abzusichern - das ist nur schädlich, weil es dazu führt, dass zu hohe Risiken eingegangen werden", betont er.

Da Zyperns Finanzkrise vor allem von seinen maroden Großbanken herrührte, gehört zum Rettungsplan eine Verkleinerung der größten Bank und die Schließung der zweitgrößten Bank. Dabei werden Bankkunden mit Einlagen über 100.000 Euro einen Großteil ihres Geldes verlieren. Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem hatte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärt, auch in Zukunft könnten notfalls Einlagenbesitzer zur Kasse gebeten werden. Banken sollten sich in erster Linie selbst retten. Er relativierte seine Äußerungen, nachdem sie einen Kursrutsch bei Euro und Bank-Aktien ausgelöst hatten. Die Kursreaktion sei überraschend, sagte Karel Lannoo, Geschäftsführer des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel. Es sei doch klar, dass Guthaben über 100.000 Euro bei Bankpleiten verloren gehen. Bis zu diesem Betrag sind die Einlagen gesetzlich geschützt.

Gegenüber dem niederländischen Fernsehsender RTL betonte Dijsselbloem erneut seine Einschätzung, dass die Kosten für Bankenkrisen künftig nicht mehr automatisch den Staaten und Steuerzahlern angelastet werden sollten. "Diesen Automatismus werden wir durchbrechen." Der Rettungsplan für Zypern sei zwar keine "Blaupause" für andere Länder. Doch künftig würden zunächst Banken selbst und Großanleger angesprochen. Die Rechnung könne nicht einfach an Staaten und Steuerzahler weiter gegeben werden, sagte Dijsselbloem. "Daran werden sich die Finanzmärkte gewöhnen müssen."

Parlament will auch Einlagen zur Rettung heranziehen

Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 steckten die Euro-Staaten hunderte Milliarden Euro öffentlicher Gelder in die Banken aus Angst vor einem Zusammenbruch des Finanzsystems. Doch vor zwei Jahren schon gab die EU die Devise aus, Banken müssten künftig ohne Steuerzahlergeld gerettet oder geschlossen werden können. Die gesetzliche Grundlage dazu soll vom Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten bis Juni beschlossen werden. Das Parlament will erreichen, auch Einlagen über 100.000 Euro in die Konkurs- oder Sanierungsmasse einzubeziehen.

Das Vertrauen auf den Staat als Retter in der Not habe Investoren dazu verleitet, zu große Risiken einzugehen und die Krise erst möglich gemacht, erklärt ZEW-Chef Fuest. "Von dieser Mentalität müssen wir wegkommen, sonst können wir keinen privaten Bankensektor haben." Es müsse ein klares Signal geben: "Wenn eine Bank kippt, sind die Investoren dran - und zwar die Eigentümer der Bank und die nachrangigen Investoren."

"Krise wird noch schlimmer, ehe es besser wird"

Bevor die Schuldenkrise überwunden werden kann, wird sie zunächst aber schlimmer, sind die Wissenschaftler sicher. Denn im Bankensektor etlicher Länder schlummerten noch Risiken. Es werde deshalb noch weitere Bankenschließungen geben, bei denen private Gläubiger Geld verlören, sagt Fuest. Dies sei auch notwendig, um die Staaten mit den Rettungskosten nicht weiter in die Verschuldung zu treiben und das Wachstum abzuwürgen. Der ZEW-Chef vermutet die Schwachstellen bei den Banken in Spanien, Portugal und Griechenland. Lannoo sieht neue Krisenfälle auch in Belgien und den Niederlanden aufkommen. In Belgien könne die Sanierung von Dexia den Staat noch bitter zu stehen kommen, da er dem Institut schon drei Mal hohe Garantien gegeben habe. In den Niederlanden gebe es große Sorgen über die Großbank ING.

Dass ein ganzer Euro-Staat wegen seines übergroßen Bankensektors gerettet werden muss, erwarten die Experten indes nicht. Noch höher als in Zypern, wo die Bilanzsumme der Banken acht Mal so hoch war wie das Bruttoinlandsprodukt, ist die Abhängigkeit vom Finanzsektor in Luxemburg . Das Verhältnis zum BIP ist hier 20 zu eins. Trotzdem ist Luxemburg ein ganz anderer Fall als Zypern, wie Julian Presber von der Luxembourg School of Finance erklärt. Zyperns Großbanken waren nur im Heimatmarkt tätig und damit nicht erfahren im globalen Portfolio-Management. Sie steckten den Großteil der Einlagen außerdem in riskante griechische Staatsanleihen.

Der größte Teil der mehr als 140 Banken im kleinen Luxemburg haben ihre Zentralen dagegen im Ausland. Auch sei die Branche nach Produkten und Geschäftsfeldern diversifiziert. "Das ist gut gemanagt und nicht anfällig für Schocks und Krisen", sagte Presber. Und schließlich gehöre Luxemburg mit einer Schuldenquote von 20 Prozent im Vergleich zu gut 90 Prozent in der Euro-Zone zu den Musterschülern.

Entsprechend wehrte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn im Reuters-Interview am Dienstag zudem Forderungen ab, nach Zypern nun auch andere EU-Finanzplätze unter Druck zu setzen.

Spanien enteignet fast unbemerkt 200.000 Bank-Kunden

Dass Zypern längst kein Einzelfall ist, beweist Spanien: Spanien hat Ende vergangener Woche, im Windschatten der Zypern-Krise international fast unbemerkt, gut 200.000 Kunden wackelnder Banken per Dekret teilenteignet. Diese verlieren wesentlich mehr als die Einleger bei zypriotischen Banken: von dreißig bis mehr als 60 Prozent. Bei der Katastrophenbank Bankia sind de facto 100 Prozent weg, berichtet die "Presse".

Verloren haben die Spanier das Geld nicht mit Spareinlagen, sondern mit einem komplizierten Finanzprodukt namens "Participationes preferentes", kurz "Preferentes" genannt, das ihnen als todsicherer Sparbuchersatz verkauft worden ist. Zugegriffen haben überwiegend Kleinsparer. Die meisten hatten keine Ahnung, dass sie damit nicht ein Sparprodukt gekauft, sondern sich mit einem Mittelding aus nachrangiger Anleihe und Vorzugsaktie am Grundkapital ihrer Bank beteiligt haben.

Jetzt wissen sie es besser: Vergangenen Freitag hat die Regierung in Madrid die Nominalwerte der "Preferentes" aller Banken, die Hilfe vom Rettungsschirm ESM bekommen, per Dekret herabgesetzt. 100 in die Catalunya Banc investierte Euro sind jetzt gerade noch 39 Euro wert, beim Finanzinstitut Banco Gallego sind es 50 Euro. 100 Euro "Preferentes" an der aus der Fusion mehrerer Pleitesparkassen entstandenen Katastrophenbank Bankia stehen mit 62 Euro zu Buche. Bankia-"Preferentistas" sind allerdings am ärmsten dran: Die verbliebenen 62 Prozent des Kapitals können nämlich nicht mehr gehandelt, sondern nur noch in Bankia-Aktien getauscht werden.

Und die sind praktisch wertlos: Das im Sommer 2011 zu 3,75 Euro emittierte Papier ist nur noch knapp mehr als einen Cent wert. Weil der Kurs nach spanischem Börsenrecht nicht unter einen Cent fallen kann, soll er nun per "Reverse Split" (aus 100 Aktien wird eine) auf einen Euro hochgepeppt werden. Dann kann der Kursverfall munter weitergehen. Die Teilenteignung der "Preferentes"-Käufer ist Bedingung für die Auszahlung der 100-Mrd.-Euro-Kapitalhilfe, die Spaniens Banken vom Euro-Rettungsschirm ESM bekommen: Vor der Kapitalinjektion müssen sie nämlich noch umfangreiche Abschreibungen vornehmen. Und das schmälert eben auch das Kapital jener, die in der Regel Bankmiteigentümer geworden sind, ohne es zu verstehen.

Herabsetzung per Dekret trifft 300.000 Anleger

Insgesamt haben die spanischen Banken (und drei Industriekonzerne) in den vergangenen fünf Jahren "Preferentes" im Volumen von 32 Mrd. Euro an mehr als 700.000 Anleger verkauft. Von der Herabsetzung per Dekret sind knapp 300.000 Anleger betroffen, die zehn Mrd. Euro investiert haben. Die betroffenen Anleger steuern zur Bankenrettung in Spanien also rund sechs Mrd. Euro bei - mehr als die Großanleger bei zypriotischen Banken für die Pleite ihrer Institute abliefern müssen.

Der Schaden für die Anleger ist in Wirklichkeit aber noch größer: Von den zehn Mrd. entfallen sieben Mrd. allein auf die Pleitebank Bankia. Und die sind (wegen des Umtausches der "Preferentes" in Aktien) praktisch zur Gänze weg. Spanische Zeitungen nennen die "Preferentes"-Besitzer schon mitleidsvoll "unsere Zyprioten". Eine Sammelklage für mehr als 10.000 "Preferentes"-Zeichner ist bereits in Vorbereitung.

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