Warum die Briten besser in der EU bleiben...

Warum die Briten besser in der EU bleiben...

Cameron hat signalisiert, dass er sich ein Referendum über den EU-Austritt bis 2017 vorstellen kann, sollte er 2015 wiedergewählt werden. Umfragen zeigen, dass die Briten durchaus für eine solch radikale Kehrtwende stimmen könnten. Wirtschaftlich wäre dies aber hochriskant, wie Experten betonen.

Großbritannien müsste seine Handelsbeziehungen mit den jetzigen EU-Partnern neu verhandeln. Auch die Rahmensetzungen für Geschäfte mit Ländern außerhalb der EU, womöglich auch die Position innerhalb der Welthandelsorganisation WTO bedürften einer Überarbeitung. Der in Großbritannien besonders wichtige Finanzsektor könnte unter Druck kommen.

"Ich sehe keinerlei Vorteile, die das bringen würde", sagt der Brite Roderick Abott, ehemals einer der Top-Leute in der WTO und auch der EU-Handelsbehörde. Ob die EU im Falle eines Austritts noch bereit wäre, Großbritannien in den Genuss der Handelsvorteile eines einheitlichen EU-Binnenmarktes kommen zu lassen, wäre fraglich. "Wenn man sagt, wir wollen die Tür zu euch zuschlagen und nicht mehr in euer Budget einzahlen, kann man dann fordern: ermöglicht uns freien Handel, und zwar ohne Gegenleistung?" Möglich sei zwar alles, aber sicher sei nichts, so Abott.

Großbritannien würde wahrscheinlich im Handel schlechter gestellt werden. Denn die EU erhebt auf Waren aus Ländern außerhalb des eigenen Binnenmarktes Importzölle - die würden dann auch britische Exporteure treffen. Diese Zölle beliefen sich im Jahr 2011 im Güterverkehr auf durchschnittlich 5,3 Prozent, im Agrarbereich sogar auf 13,9 Prozent. Über die Hälfte der britischen Waren-Exporte und ein Drittel der Dienstleistungen wie etwa Finanzgeschäfte gingen 2011 in die Union - mit einem Volumen von umgerechnet 356 Milliarden Euro.

Schlechter gestellt als Südafrika oder Südkorea

Würde es Großbritannien nicht schaffen, einen vorteilhaften Deal mit der EU auszuhandeln, wäre die Insel noch schlechter gestellt als Konkurrenten wie Norwegen, die Schweiz, Südafrika oder Südkorea. Diese profitieren nämlich immerhin von Sonderregelungen mit der EU. Der Vorteil dadurch: Importzölle auf beiden Seiten werden nach und nach abgebaut. Scheiden die Briten aus der Union aus, profitierten sie nicht mehr davon.

Mehr noch: Derzeit ist die EU dabei, neue umfassende Freihandelsabkommen mit den USA und Japan abzuschließen oder in Angriff zu nehmen. Die transatlantische Vereinbarung soll weit über den Abbau von tarifären Handelsschranken hinausgehen. So soll es für Unternehmen auf beiden Seiten erheblich leichter werden, in der jeweils anderen Region aktiv zu werden und dort Geschäfte zu betreiben. Auch dieses Abkommen würde für ein Nicht-EU-Mitglied Großbritannien nicht mehr gelten.

Fredrik Erixon, der dem Europäischen Zentrum für Internationale Politische Ökonomie in Brüssel vorsteht, nennt einen weiteren Aspekt: Das Gewicht Großbritanniens in der Weltwirtschaft nehme rasch ab. Dadurch werde es für andere Länder immer weniger interessant, sich vorrangig um vorteilhafte Handelabkommen mit der Insel zu bemühen.

Die Finanzbranche wäre der große Verlierer

Auch in der WTO könnte es bei einem EU-Austritt für die Briten schwieriger werden. In den komplexen Verhandlungen über zulässige Subventionen, etwa im Agrarbereich, über Importquoten und vieles mehr müssten Großbritannien und der Rest der EU ihre Interessen aufwendig auseinanderdividieren. Schließlich treten sie bisher gemeinsam auf.

Noch folgenschwerer wäre es für Großbritannien, wenn das Land den Zutritt zum EU-Binnenmarkt für Dienstleistungen verlöre. Denn gerade im Geschäft mit Finanzdienstleistungen hat Großbritannien gegenüber der Rest-EU - im Gegensatz zum Handel mit Waren - eine starke Überschussposition. "Ich denke, die City of London sollte sich hier erheblich größere Sorgen machen", sagt Ex-WTO-Mann Abbott. Hat das Vereinigte Königreich innerhalb der EU nichts mehr zu sagen, würde das Land die Möglichkeit verlieren, sich gegen Maßnahmen zu wehren, die seine Interessen berührten. "Das würde eine Menge Finanz-Aktivitäten aus London heraus und in die Euro-Zone hinein treiben", mahnt auch Wirtschaftsexperte Erixon.

Einkommensplus von bis zu 109 Milliarden Euro

Vorstandschefs und Mitglieder mehrerer großer britischer Unternehmen haben sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. "Die ökonomischen Argumente dafür, in der EU zu bleiben, sind überwältigend", hieß es in einem am Montag in der linksliberalen Zeitung "The Independent" veröffentlichten Brief.

Unterzeichnet war der Brief unter anderem von den Aufsichtsratschefs des britischen Telekommunikationsunternehmens BT und der Lloyds Banking Group, Virgin-Group-Chef Richard Branson sowie hohen Vertretern von Shell und des britischen Industrieverbandes.

Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens bringe jährlich schätzungsweise zwischen 31 und 92 Mrd. Pfund (zwischen 36,7 und 108,9 Mrd. Euro) an Einkommensplus ins Land, pro Haushalt seien das 1.200 bis 3,500 Pfund. Politische Interessen dürften nicht über wirtschaftliche gestellt werden, hieß es. Allerdings müsse es durchaus Reformen geben. So fordern die Wirtschaftsbosse, den Londoner Bankendistrikt zu schützen und den EU-Binnenmarkt etwa in den Bereichen Transport und Energie zu stärken.

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