US-Wahltagebuch: "Wenn er nichts ist, aber konsequent ist er"

US-Wahltagebuch: "Wenn er nichts ist, aber konsequent ist er"

Vor dem Fenster schweben Nebelschwaden über dem Columbia River, der sich durch den Glacier National Park windet. Es ist Allerheiligenwetter in Montana. Sieben Bundesstaaten durchquert der Langstreckenzug Empire Builder auf seinem Weg von Seattle nach Chicago. Die Park Ranger, die in der warmen Jahreszeit im Panoramawaggon den Leuten die Gegend erklären, gibt es Ende Oktober nicht mehr. Einen ganzen Tag lang zuckelt der Zug durch Montana. „Big Sky Country“, sagt die Frau neben mir und meint den Spitznamen des Bundesstaates.

Obama, der Polarisierende

Herinnen wird geheizt bis die schwitzenden Zuggäste murren, und über Politik geredet. Mike isst French Toast und Speck und Cola zum Frühstück. „Kaffee ist nichts für mich“, sagt er. Mike ist aus Oregon und arbeitet dort für das Verkehrsministerium. Der Job ist sicher, doch die Bürokratie geht ihm auf die Nerven. Neue Ideen umzusetzen würde Jahre dauern. „Bis dahin ist das Ganze dann ohnehin schon veraltet“, sagt er. Obama, sagt Mike, ist wahrscheinlich der polarisierendste Präsident. Ich frage ihn nach dem Grund, zumal Obama oft durchaus pragmatisch wirken würde. „Das stimmt schon“, sagt Mike, „wenn er nichts ist, aber konsequent ist er.“

Der Wirtschaft in Oregon ginge es mittelmäßig, die Arbeitslosigkeit liegt immer noch bei rund acht Prozent. „Aber ich glaube, die Leute suchen nicht so richtig“, sagt Mike. Macy’s zum Beispiel würde in der Vorweihnachtszeit landesweit 80.000 Jobs aufstocken. Da müsse man nur wollen. Mit dem ganzen Geld, das die Parteien für Wahlwerbung ausgeben, sollten sie lieber einen Teil des Defizits abdecken, findet er. Aber um das machen zu können, müsse man eben erst gewählt werden.

Gegenüber frühstücken vier Frauen. „Habt ihr schon die Schlagzeilen gehört?“ Hillary Clinton hätte bereits Wochen vor dem Zwischenfall in Bengasi von der gefährlichen Sicherheitslage in Libyen gewusst.
Die Runde wirkt erstaunt und betroffen. „Ob Obama es wusste?“, fragt die erste leise und die anderen schauen ernst.

Zweifelhafte Zeichen

Draußen ist der Nationalpark der Prärie gewichen. Die Wolken hängen tief und der Horizont ist von Nebel verschluckt. Nur manche Straßen, die die Schienen queren, sind asphaltiert. Manchmal stehen schwarze Rinder im Gras, manchmal Getreidespeicher.

Dianne möchte lieber nicht darüber sprechen. Die Leute würden sonst immer nur mit ihr schimpfen. Zögerlich sagt sie es dann doch. Sie hat Romney gewählt, kurz vor ihrer Abreise. 46 Stunden lang dauert es bis Chicago, von dort geht es nach sieben Stunden Aufenthalt mit dem Bus weiter nach Iowa City. In Iowa, wo sie lange schon nicht mehr war, liegt ihr Vater im Sterben. Romney, sagt sie, würde es zwar nicht werden, aber Obama hätte keine zweite Amtszeit verdient. Dianne wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen, christlich-konservativen Ort nördlich von Seattle. Sie ist in Pension und verdient sich ein Zubrot, indem sie Texte für squidoo schreibt und diese mit Produkten von Amazon verlinkt.

Dann taut Dianne ein bisschen auf und zeigt mir den Deckel ihres Buches: „The Harbinger“ von Jonathan Kahn. Eine Frau, die zuvor erklärte, dass fluoridiertes Trinkwasser eingesetzt würde, um die Bevölkerung passiv und lethargisch zu machen, verlässt fluchtartig den Waggon. Dianne erklärt, dass in dem Buch alte, für Israel gedachte Prophezeiungen mit den USA in Verbindung gebracht würden. Die Zeichen, sagt sie, habe es gegeben. Welche Zeichen, frage ich. Den 11. September, sagt sie, die Krise an der Wall Street, die Rezession. All das seien Warnungen.

Veto-Brandmal

Am frühen Abend geht Montana dem Ende zu. So tief republikanisch, wie man meint, sei der Bundesstaat nicht, sagt Jeff, der mir die Schüssel mit den Salatsaucen hinhält und mit seiner Frau in der Hauptstadt von Montana, Helena, wohnt. Der Gouverneur, Brian Schweitzer, ist immerhin Demokrat. Im letzten Jahr erhob Schweitzer bei 78 Gesetzesvorschlägen Einspruch. Einige darunter seien schlichtweg verfassungswidrig gewesen, sagt Jeff. Die Leute der Tea Party dachten, sie könnten das einfach so durchbekommen. Schweitzer ließ sich kurzerhand ein Brandzeichen mit dem Schriftzug „Veto” fertigen und stempelte mit dem glühenden Eisen bei einer Pressekonferenz unerwünschte Gesetzesvorschläge. Bei besonders farbenfrohen Charakteren würde Montana auch schon einmal über politische Meinungsunterschiede hinwegsehen. „Individualismus“, sagt Jeff, „geht den Leuten hier über alles.“

FORMAT-Journalistin Alexandra Riegler begleitet den US-Wahlkampf und berichtet täglich aus den USA.

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