US-Wahltagebuch: "Stadtpolitik ist nicht sehr sexy"

US-Wahltagebuch: "Stadtpolitik ist nicht sehr sexy"

Während in der ersten Liga Millionenspenden und Hunderttausende Helfer im Einsatz sind, klopft Don Salyards selbst an 1900 Türen. Das Ziel: morgen Stadtrat in Winona, Minnesota, zu werden.

Es ist Samstag, und die Innenstadt ist leergefegt. Zwar gibt es in Winona zusätzlich zu drei Dutzend Spezialitäten-Läden sogar eine Biolebensmittel-Kooperative. Doch die meisten der 27.000 Bewohner kaufen in den einsamen Straßen des Zentrums, mit seinen Backsteinhäusern und breiten Straßen, nicht regelmäßig ein. Wo also sind die Nahversorger, wo lassen die Leute am Wochenende ihr Geld?

Krieg ab 18, Bier ab 21

Don Salyards zeichnet in mein Notizbuch. Winona, eine Uni-Stadt in Osten von Minnesota, ist malerisch, aber nicht bekannt. Die erste Charter School in den USA gab es hier, ebenso die erste Normalschule, J. R. Watkins erfand die Geld-zurück-Garantie, und die Schauspielerin Winona Ryder trägt den Namen der Stadt. Salyards skizziert die Umgebung: ein Dreieck, in dem Winona liegt und dessen Ecken von Städten flankiert sind, die 60.000 bis 120.000 Einwohner haben. Dort sind die Einkaufszentren, dort lassen die Leute ihr Geld.

Salyards, der morgen für einen Stadtratsposten im Wahlbezirk Nummer drei antritt, spricht eine klare Sprache. Manchmal denkt er kurz nach, bevor er antwortet, Relativierungen gibt es danach aber keine.
Weil das Alter, um legal Alkohol zu erwerben, bei 21 Jahren liegt, gibt es in der Innenstadt auch kaum Studentenlokale. Die feiern lieber daheim oder in den Verbindungshäusern. Salyards argumentiert, wie viele in den USA, denen die Schranke als zu hoch erscheint: Sie dürften in den Irak und heiraten, aber Bier könnten sie sich keines bestellen. „Das ist doch dumm, oder?“

Von Tür zu Tür

Minnesota, das seit Jimmy Carter bei Präsidentenwahlen immer demokratisch wählte, wird Umfragen zufolge auch morgen „blau“ stimmen. Gemeinsam mit Iowa und Wisconsin kommt die Region auf 27 Wahlmänner – ebenso viele wie der „große Preis“ unter den Swing States, Florida. Minnesota fällt regelmäßig durch seine hohe Wahlbeteiligung auf, 2008 waren es über 78 Prozent.

Salyards hat in seinem Wahlbezirk an 1900 Türen geklopft. Fünf Achtel seien entweder nicht da oder machen nicht auf. Der Rest hört sich seine Kurzpräsentation ein, seinen „elevator pitch“. Manchmal, schreibt er in seinem Blog, macht eine Frau die Tür auf, die keine Haare hat. Sie reden kann kurz über den Krebs, die Eckdaten, die Prognose, manchmal fragt er, ob er sie umarmen darf. Das kennt er von seiner Frau, die im Juni verstarb, und um deren Stadtratssitz er sich bemüht. Dann geht Salyards weiter bis es dunkel wird. „Wenn es ist finster ist, klopfe ich nicht mehr an.“

Obama ist zu arrogant

Hin und wieder würde er auch nach Themen wie gleichgeschlechtlicher Ehe oder Erderwärmung befragt. Doch auf Stadtebene ließe sich da kaum etwas bewegen. „Wir reparieren Straßen, stellen neue Polizisten an und halten Parks in Stand“, erklärt er und setzt nach: „Stadtpolitik ist nicht sehr sexy.“

Auf Stadtebene stehen indes Angelenheiten wie die Local Government Aid im Mittelpunkt, jener Teil von Einkommens- und Umsatzsteuer, der an die Städte zurückfließt. Durch die Wirtschaftskrise schrumpft der Rückfluss, es ist gar von einer Abschaffung die Rede.

Salyards konservative Seite fällt nicht weiter auf, bis es an seine Wahlempfehlung geht (Obama ist „mit Sicherheit zu arrogant“ für die Aufgabe) und Themen wie den Abbau von Sand für Fracking. Leute, die gegen den Abbau seien, würden sich auch gegen Fracking zur Gewinnung von Erdgas aussprechen. Doch das geschieht nicht in Winona, sondern unter anderem einen Bundesstaat weiter westlich, in North Dakota. „Das ist nicht mein Thema“, sagt Salyards. Sein Thema sei es, Abbau und Transport des Sandes sicher zu gestalten. Der Rest ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Der Sand ist selten und teuer. Und wenn ihn Winona nicht liefert, erledigen das eben andere.

FORMAT-Journalistin Alexandra Riegler begleitet den US-Wahlkampf und berichtet täglich aus den USA.

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa