US-Wahltagebuch: Gezähmte Moderation

US-Wahltagebuch: Gezähmte Moderation

Erstmals seit 20 Jahren leitet heute eine Frau die US-Präsidentschaftsdebatte. Eigene Fragen soll sie keine stellen und auch nicht journalistisch in die Diskussion eingreifen.

In ungewöhnlicher Einigkeit zeigen sich beide Wahlkampflager besorgt, dass Candy Crowley bei der heutigen Fernsehdiskussion machen könnte, was Moderatoren gewöhnlich so tun: eigene Fragen stellen. Geht es nach Barack Obama und Mitt Romney, dann soll die leitende Politik-Korrespondentin von CNN nur die Fragen unentschlossener Wähler weiterleiten. Doch Crowley deutete an, dass sie ihre Rolle aktiver verstehen würde. Gegenüber Politico erklärte sie, dass sie nicht vorhabe, „Mäuschen zu spielen“.

Weibliche Moderatoren als Ausnahme

Crowley ist seit zwanzig Jahren die erste Frau, die eine Präsidentschaftsdebatte moderiert. Vor ihr führte Carole Simpson 1992 durch die Town Hall-Debatte zwischen George Bush Senior, Bill Clinton und Ross Perot. PBS-Journalistin Gwen Ifill (2004 und 2008) und zuletzt Martha Raddatz, vom Sender ABC, waren bei Vizepräsidentschaftsdebatten im Einsatz. In der MSNBC-Sendung „The Cycle“ waren sich die Kommentatoren am Montag einig, dass Moderatoren einer Town Hall-Debatte nur geringe Bedeutung zukommt: „Sie rufen im Grunde nur die Klasse herein und die Schüler auf“, so Krystal Ball, eine der Gastgeberinnen der Sendung.

Laut einer Absichtserklärung der beiden Wahlkampflager vom 3. Oktober, die Time zugespielt wurde, dürfte Crowley nicht viel Spielraum haben. Das Memo sieht vor, dass sie weder die vom Publikum gestellten Frage umformulieren, noch ein neues Thema aufbringen oder bei Fragen nachhaken darf. Crowley kann im Rahmen der zweiminütigen Antworten zwar die Diskussion „fördern“, doch wo genau die Grenze liegt, ist unklar. Neben dem Entgegennehmen der Fragen vom Publikum – sie wählt diese nicht aus – soll sie die Kandidaten noch an ihre Zeitlimits erinnern.

Journalistin Simpson erinnert sich gegenüber MSNBC an ihre enttäuschende Rolle bei der Bush-Clinton-Perot-Debatte: „Ich hatte keinen Einfluss darauf, welche Leute (aus dem Publikum, Anm.) ausgewählt und welche Fragen gestellt wurden.“ Wer als nächstes am Wort sein würde, bekam Simpson über einen Ohrstöpsel mitgeteilt. Journalistin Sarah Cupp zieht einen Vergleich mit den 1950ern. Dort hätten Frauen Dinnerpartys organisiert und mussten schließlich in der Küche bleiben, während Männer die wichtigen Unterhaltungen führten.

Crowley im Rampenlicht

Trotz der strengen Auflagen wird nicht erwartet, dass sich Wahlkampf-Insiderin Crowley eineinhalb Stunden lang im Hintergrund hält. So erklärte sie etwa in einem Interview mit CNN: „Wenn der Fragesteller bei der Diskussion Äpfel meint und die Antwort sind Birnen, dann kann ich sagen: Moment, die Frage drehte sich um Äpfel, also reden wir darüber.“ In einem anderen Gespräch deutete sie an, bei Fragen nachhaken zu wollen.

Dass beide Wahlkampfteams eine aktivere Rolle Crowleys während der Debatte fürchten, ist deutlich, seit die Beschwerde gegenüber der Commission of Presidential Debates publik wurde. Crowleys Verständnis über ihre Rolle bei der Debatte stünde im Widerspruch zur gemeinsamen Absichtserklärung, so Mark Halperin in Time über den Einspruch. Die Übereinkunft soll aber lediglich zwischen Obamas und Romneys Lager bestehen, Crowley habe nichts unterschrieben.

Nichts dem Zufall überlassen

Die Commission on Presidential Debates kümmert sich seit 1988 um die Organisation der TV-Diskussionen vor Präsidentschaftswahlen. Über die Auswahl der Moderatoren wird hinter verschlossenen Türen entschieden. 1984 noch sollen die Wahlkampfmannschaften von Ronald Reagan und seinem demokratischen Gegner, Walter Mondale, 80 verschiedene Moderatoren zurückgewiesen haben – mit ein Grund für die Schaffung der Kommission. Seither sind auch Details genau geregelt, darunter, welche Raumtemperatur bei der Debatte herrschen soll, dass keine Handys oder Unterlagen mitgebracht werden dürfen, dass aber jeder Kandidat für sich entscheiden darf, welchen Kugelschreiber er verwendet.

Absichtserklärung:

The 2012 Debates - Memorandum of Understanding Between the Obama and Romney Campaigns

FORMAT-Journalistin Alexandra Riegler begleitet den US-Wahlkampf und berichtet täglich aus den USA.

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