US-Wahltagebuch: Drill, Baby, drill

US-Wahltagebuch: Drill, Baby, drill

Minot, im Bundesstaat North Dakota, ist im Ölrausch. In drei Kilometern Tiefe soll mehr Öl liegen als in Saudi Arabien.

Hier draußen, sagt Jim Carr, wohnen zu wenige Leute, um sich nicht selbst um die Dinge zu kümmern. Jim und seine Frau Carol betreiben eine Pension in Minot, in North Dakota, eine Autostunde von der kanadischen Grenze entfernt. 684.000 Einwohner hat der Bundesstaat, die sich auf einer Fläche ausbreiten könnten, die mehr als doppelt so groß ist wie Österreich. Vor dem Frühstück befestigt Jim etwas an der hundert Jahre alten Holzdecke, nach dem Frühstück ist er irgendwo im Haus mit dem Hammer zugange. „Die liberale Philosophie ist nichts für uns“, sagt er und meint Bürokratie und Kompromisse und Abhängigkeit.

Harte Arbeit wird hier vorausgesetzt, und das wirkt zunächst nicht wie Pioniergehabe oder Tea Party-Radikalismus, sondern wie Einfachheit: das raue Land und die Art der Leute, damit umzugehen. Im Winter hat es hier minus 20 Grad, und der Schnee, erzählt die Taxifahrerin, die ihren Arm beim Kleinbus zum Beifahrerfenster streckt, „geht bis hierher“.

The Magic City

Öl wird im Westen von North Dakota seit den 1950ern gefunden, im Becken von Williston, westlich von Minot, und in der Bakken-Formation. Durch seine Bodenschätze, zu denen auch Kohle zählt, schafft der Bundesstaat, der sonst vor allem von Landwirtschaft und Militärbasen lebt, ein ausgeglichenes Budget. Die Arbeitslosenrate liegt gerade einmal bei drei Prozent.

Während das Williston-Öl im gleichnamigen Ort einen Boom auslöste, dauerte es mit Bakken, das näher an Minot liegt, bis zum Jahr 2008. Erst dann ließ sich das Öl mit der neuen Fracking-Technologie anzapfen. Bakken ist nicht irgendein Ölfeld, sondern das größte, das in den USA in den letzten 40 Jahren entdeckt wurde. Drei Kilometer unter der Erdoberfläche soll hier mehr Erdöl liegen als in Saudi Arabien, sagen die Leute. Wenn die Prognosen stimmen und Bakken tatsächlich 30 Jahre lang Öl und Erdgas liefert, könnte Minot in den Beinamen „The Magic City“ noch hineinwachsen. Den erhielt es zur Zeit des Eisenbahnbaus, wurde ihm aber nie gerecht.

Teures Wachstum

Seit aus Bakken das Öl heraussprudelt, ist in Minot der Bär los. Jobsuchende kommen in Heerscharen. Die Einwohnerzahl der kleinen Stadt ist in den letzten beiden Jahren um mehr als 4000 Leute angewachsen, erzählt John MacMartin, der Präsident der lokalen Handelskammer, und die Tendenz ist anhaltend. Der Wohnungsmarkt kann den Zuzug längst nicht mehr abfangen. Seit Neuankömmlinge immer häufiger in Motels wohnen und die Ölfirmen Geld für die Unterkunft zuschießen, sind Zimmer unter 150 Dollar pro Nacht kaum noch zu bekommen. Aus den 20 Hotels, die es bisher gab, sollen bis Mitte 2013 36 werden.

Vom Flughafen, der beiläufig nur noch „International“ genannt wird, gehen inzwischen zwölf Flüge pro Tag weg, früher waren es drei. Weil die Ölfirmen, etwa bei kurzfristigen Verschiebungen von Mitarbeitern, nicht weiter auf den Preis schauen, kommen Tickets, die scheinbar kürzlich noch ein paar Hundert Dollar kosteten, heute auch schon einmal auf 2000.

Reizthema Umweltschutz

Weil das Land, auf dem die Ölfelder liegen, im Privatbesitz sei oder dem Bundesstaat gehöre, nicht aber den „Feds“, der Regierung in Washington, könne ohne große Beschränkungen gebohrt werden, so MacMartin. Die große Angst ist, dass sich Washington strengere Umweltgesetze ausdenkt und neue Richtlinien die florierende Wirtschaft über Nacht zum Erliegen bringen. Mitunter scheint es, dass die Bewohner North Dakota für zu weitläufig halten, als dass Verschmutzungen auffallen könnten. Viel geredet wird über Umweltschutz nicht. „Die Regierung übt gerne ihr Recht aus, es besser zu wissen und uns beschützen zu wollen“, sagt Jim. Zwei Kohlekraftwerke in der Gegend wollten sie gar einmal zusperren. Dabei sei man hier beim Fracking auf der sicheren Seite. Weil das Grundwasser 60 bis 120 Meter tief liegt und das Öl mehr als zweieinhalb Kilometer tiefer, bestünde die Gefahr von Verunreinigungen erst gar nicht.

Die Defizite der anderen

Washingtons Fürsorge ist nicht grundsätzlich unerwünscht. Als der Souris River im Juni 2011 über die Ufer trat und in Minot 4100 Häuser unter Wasser setzte, ein Drittel des gesamten Bestandes, stellte die Katastrophenbehörde FEMA dringend notwendige mobile Wohneinheiten bereit. MacMartin erzählt, dass bei einem Pegel des Flusses an einem einzigen Tag so viel Wasser durchkam, wie davor in 45 Jahren zusammen. Ein paar kleine Geschichten über Minot fanden sich damals zwar in den Medien, so der Handelskammer-Mann, das sei es aber schon gewesen. Weil erschwingliche Wohnungen in Minot eben so gar nicht zu finden sind und sich andere, die ein Haus besitzen, den Renovierungskredit nicht leisten können, wohnen weiterhin 900 Familien in den FEMA-Behausungen.

„Wir sind hier die Versuchskaninchen“, scherzt Jim. In der Region würden so wenige Leute wohnen, dass die Regierung hier nur Raketenbunker und Militärbasen verlegt. Tatsächlich brachten die Air Force-Niederlassung in Minot gemeinsam mit den beiden Stützpunkten der Nationalgarde, in Fargo und Grand Forks, im letzten Jahr 500 Mio. Dollar herein – Geld, das unter einem demokratischen Präsidenten zugewiesen wurde. Die Demokraten sind es auch, die sich um Stützungen in der Landwirtschaft kümmern. „Viele Bauern glauben, dass wir mit den Demokraten besser dran sind“, so MacMartin.

Mit Unbehagen sieht North Dakota der nächstes Jahr drohenden Sequestrierung entgegen, einer von den Republikanern angestoßenen Zwangssenkung des Budgetdefizits, die Kürzungen über alle Ausgabenbereiche hinweg vorsieht. Auch nicht gerne spricht man hier über Widersprüche: dass das große Defizit in Washington ein Fehlbetrag der anderen ist, der radikal reduziert gehört – es sei denn, es geht um die eigene Region.

FORMAT-Journalistin Alexandra Riegler begleitet den US-Wahlkampf und berichtet täglich aus den USA.

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa