Türkei: Proteste reißen nicht ab – erster Toter

Türkei: Proteste reißen nicht ab – erster Toter

Ein 20-Jähriger starb, als am Montag ein Taxi in Istanbul in eine Gruppe von Demonstranten raste. Die Hintergründe waren zunächst nicht klar. Die türkische Polizei hat in der Nacht zum Dienstag in Istanbul und in der Hauptstadt Ankara erneut Tränengas und Wasserwerfer gegen regierungskritische Demonstranten eingesetzt.

Nach Angaben von Augenzeugen und dem Fernsehsender CNN-Türk gingen Beamte in beiden Städten gegen hunderte Protestierende vor. Aus deren Reihen wurden demnach Steine auf Polizisten geworfen.

In Ankara setzte die Polizei CNN-Türk zufolge im Stadtteil Kavaklidere auch Gummigeschosse gegen Protestierende ein. Im europäischen Teil von Istanbul errichteten demnach Demonstranten im Viertel Gümüssuyu Barrikaden und entzündeten Feuer. In beiden Städten fanden zudem weiterhin größere Demonstrationen statt, bei denen es trotz angespannter Atmosphäre zunächst ruhig blieb.

In der Türkei gibt es seit Tagen heftige Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei. Auslöser war die gewaltsame Auflösung von Protesten gegen den Bau eines Einkaufszentrums im beliebten Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul am Freitag. Die Proteste richten sich inzwischen aber verstärkt gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Nach Angaben von Ärzteverbänden und Menschenrechtsorganisationen wurden bisher mehr als 1700 Menschen verletzt sowie ein Mann bei einer Blockade von einem Auto überfahren und getötet. Die türkische Regierung zählte hingegen bis Sonntag 173 Verletzte. Erdogan sprach am Montagabend von einer Beruhigung der Lage. International löste das Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte Besorgnis aus.

Erdogan warf den Demonstranten vor, sich von Terroristen instrumentalisieren zu lassen. Hinter den Protesten mit Zehntausenden Teilnehmern stünden "extremistische Elemente". In Deutschland appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel an die türkische Regierung angesichts der heftigsten Krawalle seit Jahrzehnten mit Hunderten Verletzten und Festgenommenen, besonnen zu handeln. Die Börsen des Landes regierten mit deutlichen Kursverlusten auf die Ausschreitungen.

In Ankara sah ein Reuters-Reporter, wie die Polizei rund tausend meist junge Leute mit Tränengas-Granaten beschoss. Die Protestierer skandierten auf dem Weg zum Kizilay-Platz "Tayyip tritt zurück".

Türken werfen Erdogan autoritären Führungsstil vor

Die Proteste hatten mit Kundgebungen gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstrationen weiteten sich zu einem Bürgerprotest gegen Erdogan aus. Bei den Zusammenstößen wurden bis zum Montag mehr als 1000 Menschen verletzt und Hunderte festgenommen. Menschenrechtsgruppen kritisierten die Polizei wegen eines unverhältnismäßig hartes Vorgehens.

Viele Türken werfen dem seit über einem Jahrzehnt regierenden Erdogan einen zunehmend autoritären Führungsstil und einen Maulkorb für die Medien vor. Zudem sehen viele Bürger die säkulare Verfassung in Gefahr, da die AKP auf ein großes Gewicht auf eine islamkonforme Lebensweise legt.

"Lady in Red" als Symbol

Eine junge Frau in einem roten Sommerkleid steht auf einem Rasen. Links von ihr hat sich eine Phalanx behelmter Polizisten aufgebaut. Einer von ihnen besprüht die Frau offensichtlich mit einer kräftigen Dosis Pfefferspray, so dass ihr die langen schwarzen Haare zu Berge stehen. Zwei andere junge Frauen nehmen erschrocken Reißaus.

Das inzwischen im Internet weit verbreitete Foto (siehe oben) wurde vom Reuters-Fotografen Osman Orsal im Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul geschossen. Dort hatten die seit Tagen anhaltenden Demonstrationen gegen den islamisch-orientierten und autoritär agierenden türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan begonnen.

Das Foto der "Lady in Red" wurde inzwischen zu einem Symbol der Protestbewegung. So sind die jungen Frauen auf dem Bild nicht verschleiert - anders als etwa Erdogans Gattin. Die Dame im roten Kleid könnte gerade aus ihrem Büro gekommen zu sein, als sie Opfer der rüden Attacke wird. Die Vorgänge auf dem Foto symbolisieren für viele Beobachter des Verhältnis zwischen Staatsmacht und ihren Bürgern in der Türkei.

Das Bild wurde auch in einem Blog der an sich regierungsnahen Zeitung "Today's Zaman" veröffentlicht. Darunter schrieb der Autor Mahir Zeynalov: "Die derzeitigen Versuche, die Menge durch exzessive Gewaltanwendung zum Schweigen zu bringen werden nur viele andere dazu bewegen, sich dem Protestreigen anzuschließen."

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