Türkei: Der brüchige Boom

Türkei: Der brüchige Boom

Die Türkische Wirtschaft steht gemessen an den wichtigsten Indikatoren kerngesund da, hat aber zugleich ein riesiges Leistungsbilanzdefizit aufgebaut.

Die türkische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren um rund neun Prozent gewachsen, 2012 werden es immer noch 2,5 Prozent sein. Das Defizit liegt unter drei Prozent, die Verschuldung unter 40 Prozent – vor zehn Jahren waren es noch 70 Prozent. Damit würde die Türkei im Gegensatz zu den meisten Euro-Staaten die Maastricht-Kriterien erfüllen. Die Währung ist stabil, das Bankensystem ist streng reguliert, ausländisches Kapital und Kredite strömen ins Land.

Gerade hier aber sieht Sönmez, auf Einladung des vidc (Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit) in Wien, den Schwachpunkt der türkischen Wirtschaft. Denn das hereinströmende Geld verbirgt, dass die Leistungsbilanz tiefrot ist, im Spitzenjahr 2011 waren es zehn Prozent des BIP, 2012 dürften es wieder sieben Prozent sein (50 Mrd. Dollar). Seit 1990 steigen die Importe deutlich stärker als die Exporte. Die Ursache: Die Türkische Lira ist um etwa 30 Prozent überbewertet. Das hat zu massiven Einfuhren geführt, sogar Fleisch und Getreide sind im Ausland billiger als in der Türkei. Die Exporte steigen nicht einmal ansatzweise so rasch wie das BIP und machen mit 135 Mrd. Dollar nur mehr 17 Prozent der Wirtschaftsleistung von rund 800 Mrd. Dollar aus. Fast zwei Drittel der Wertschöpfung im Export beruht noch dazu auf Importgütern.

Seit 2005 gab es Privatisierungen im Wert von über 36 Mrd. Dollar (27,5 Mrd. Euro), viele Schlüsselsektoren von der Industrie bis zu Banken gingen an ausländische Investoren. Aber es fließt nicht nur Kapital ins Land, sondern auch spekulatives Geld für die Börse und Kredite an Unternehmen.

Bauboom

Auch strukturell ist die türkische Wirtschaft nicht im Gleichgewicht. Das Wachstum wird von der Bauwirtschaft getrieben, und vom Großraum Istanbul. Dort liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf fünf Mal höher als im armen Südosten. Die Industrie verliert hingegen international an Wettbewerbsfähigkeit. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell knapp 10 Prozent, in Wahrheit sind es wohl 19 Prozent.

Originellerweise ist derzeit der Irak – konkret der kurdische Nordirak – zweitwichtigster Handelspartner der Türkei nach Deutschland. Das lässt in manchen Köpfen die Fantasie einer türkisch-kurdischen Föderation, mit dem ölreichen kurdischen Teil des Irak aufblühen, sagt Sönmez. Angesichts des Öls könne man das vielleicht sogar der türkischen Öffentlichkeit schmackhaft machen, sinniert er.

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