"So kann ein Land nur zerstört werden"

"So kann ein Land nur zerstört werden"

Selbst wenn es Griechenland gelingen sollte, das Defizit zu reduzieren und die Hilfskredite weiter ins Land fließen, werden sich die Bedingungen für den Mittelstand im nächsten Jahr eher weiter verschlechtern.

Anastasia Karagaitanaki hat früher europaweit als Model gearbeitet und war danach jahrelang Besitzerin eines Cafés in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Nachdem sie ihr Geschäft im Zuge der Finanzkrise verloren hat, schläft sie jetzt in der Küche der Wohnung ihrer Mutter und lebt von deren Rente und Almosen.

“Es fühlt sich an, als sei mein Leben wie Sand durch meine Finger geronnen”, sagt die 57-Jährige. Ihr ebenfalls arbeitsloser Bruder schläft im Wohnzimmer der Wohnung mit einem Schlafzimmer. “Es kommt mir vor als sei ich schon tot.”

Tausende Griechen wie Karagaitanaki erfahren zurzeit, wie sich die Mittelklasse in ihrem Land auflöst. Lehrer, deren Gehalt um ein Drittel gesenkt wurde, stehlen Strom. In früher stabilen Stadtteilen steigt die Kriminalität und Familien haben Angst, mit ihren Kindern in den Park zu gehen.

Die Familie von Karagaitanaki kann sich Gas zum Heizen in diesem Winter nicht leisten und verlässt sich stattdessen auf Heizdecken. Sie leben von den 785 Euro, die die Mutter von der monatlichen Pension des toten Vaters erhält. Was sie machen sollen, wenn es die 84-Jährige eines Tages nicht mehr gibt, wissen sie nicht.

Vor zwei Jahren hat Karagaitanaki ihren Schmuck für 3000 Euro verkauft, um ihre Söhne damit zu unterstützen. Sie hat Diabetes und ihr Blutzuckerspiegel steigt, weil sie sich das Fleisch und Gemüse nicht leisten kann, das sie den Ärzten zufolge essen sollte. Stattdessen lebt sie von Reis und Bohnen, die sie von der Kirche erhält.

Zerstörung der Mittelschicht ist nicht zu stoppen

Selbst wenn es Griechenland gelingen sollte, das Defizit zu reduzieren und die Hilfskredite weiter ins Land fließen, werden sich die Bedingungen für die Mittelklasse im nächsten Jahr eher weiter verschlechtern, sagt Giorgos Tzogopoulos von der Hellenic Foundation for European & Foreign Policy in Athen. “Ich glaube nicht, dass auch nur ein einziger Grieche mit einer Verbesserung der Lage rechnet”, sagt er. “Die Menschen haben kein Geld, das sie ausgeben könnten.”

Anzeichen für die zunehmende Verschlechterung sind überall in Thessaloniki auszumachen. Läden im früher angesagten Einkaufsbereich in der Innenstadt bleiben geschlossen. Neben einer Filiale von Yves Saint Laurent sucht ein Mann in der Mülltonne nach Metallresten, die er dann in einem Einkaufswagen sammelt, in dem auch seine kleine Tochter sitzt.

Vor einer kirchlichen Suppenküche drängeln sich Hungrige zwei Mal wöchentlich vor der Essensausgabe. Ihre Zahl ist in fünf Jahren von 25 auf etwa 140 gestiegen, sagt Antonis Sakellariou, einer der Kirchenältesten.

Ein soziales Netz gibt es nicht

Für viele arbeitslose Griechen existiert das vielgerühmte soziale Netz Europas nicht. Lediglich 17 Prozent der 1,2 Millionen Arbeitslosen erhalten staatliche Bezüge, erklärt Manos Matsaganis, Dozent an der Athener Universität.

Die effektive Armutsquote ist auf 36 Prozent gestiegen, verglichen mit etwa 20 Prozent 2009, erläutert Matsaganis. Etwa 8,5 Prozent der Griechen leben in extremer Armut und können sich noch nicht einmal Basisgüter und -dienste leisten, sagt er.

Die Krise zerstört die Mittelklasse, erläutert Elias Papaioannou, Dozent für Wirtschaft an der London Business School. Sie leiden am stärksten unter den Gehaltskürzungen im öffentlichen Sektor und unter Arbeitsplatzverlusten, müssen aber gleichzeitig höhere Steuern zahlen.

Das Gehalt von Afrodity Giannakis, einer 52-jährigen Lehrerin, wurde von 1200 Euro im Monat auf 800 Euro gekürzt. Als sie sich weigerte, eine neue Grundsteuer von 420 Euro jährlich zu zahlen, die an die Stromrechnung gekoppelt war, wurde ihr die Elektrizität abgestellt. Mit Hilfe eines Nachbarschaftsverbandes und eines freundlich gesinnten Elektrikers wurde sie wieder illegal ans Netz angeschlossen.

“Wir befinden uns im Kriegszustand”, sagt sie. “Der Staat ist gegen uns und wir versuchen, uns und unsere Rechte so gut wie möglich zu verteidigen.”

Kostenexplosion

Als die frühere Café-Besitzerin Karagaitanaki ihren Laden eröffnete, betrug die Miete 400 Drachmen im Monat. Bis 2010 schnellte sie auf 3000 Euro hoch, zudem vervierfachten sich die Steuern und Nebenkosten allein seit 2000. Als Konsequenz musste sie die Preise anheben, woraufhin die Kunden wegblieben. Das Fass wurde zum Überlaufen gebracht, als ihr Vermieter erneut die Miete anhob und für einen 12-Jahres-Vertrag zusätzliche 40.000 Euro verlangte. Sie schloss das Café im Jahr 2010.

Geblieben sind ihr aus der Zeit Fotos und Unterlagen für einen Gerichtstermin, da sie wegen ihres Cafés 34.000 Euro an Steuerschulden hat. Sorgen macht sie sich deswegen kaum, da sie sowieso kein Geld hat. Karagaitanaki hat keine Krankenversicherung mehr, da sie die Gebühren nicht mehr zahlen konnte.

Um ihren Diabetes zu behandeln, geht sie in eine Solidaritäts-Klinik, in der Ärzte und Pfleger arbeiten, die ihre Dienste unentgeltlich zur Verfügung stellen. In der Klinik erhält sie Insulin und Spritzen, die sie sonst 150 Euro monatlich kosten würden. Dort helfen ihr auch Zahnärzte, nachdem ihre Zähne durch ihre Krankheit zerstört wurden.

Als die Klinik im November 2011 in Chinatown von Thessaloniki aufmachte, rechneten die Ärzte damit, dass sie hauptsächlich illegalen Einwanderern helfen würden, die über keine anderen Optionen verfügen, sagt Stathis Giannakopoulos, der als Allgemeinmediziner einmal im Monat in der Klinik arbeitet. Stattdessen seien jedoch mindestens die Hälfte der Patienten Griechen, die ihre Krankenversicherung verloren haben. Medikamente würden von Apotheken oder Privatpersonen gespendet.

“So sollte ein Land nicht behandelt werden”, sagt Giannakopoulos. “So kann ein Land nur zerstört werden.”

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