Nach Zypern: "Es gibt jetzt neue Regeln" – kein Anleger ist sicher

Nach Zypern: "Es gibt jetzt neue Regeln" – kein Anleger ist sicher

Mit der Aktion wird ein Präzedenzfall in der Eurozone geschaffen, der den Sparern und Anleihegläubigern im Gedächtnis bleiben wird - vor allem, wenn die Debatte über das nächste potentielle Opfer der Krise entbrennt.

Investoren werden sich mehr Sorgen machen, ob sie zur Kasse gebeten werden, falls Slowenien, Italien, Spanien oder erneut Griechenland Hilfe brauchen. Damit werden Anstürme auf die Banken und Anleihe-Ausverkäufe wahrscheinlicher, wenn ein Land einen Hilfsantrag stellt, warnen Volkswirte.

“Es gibt jetzt eine neue Regel und jeder in der Eurozone muss sich anschauen, was das für seine Finanzen bedeutet”, sagt Nobelpreisträger Christopher Pissarides, der auch als Berater der Regierung Zyperns arbeitet, im Interview mit Bloomberg TV.

Am Montag gab der breit gefasste europäische Aktienindex Stoxx 600 einen Gewinn von bis zu einem Prozent ab und rutschte ins Minus, nachdem der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurozgruppe Jeroen Dijsselbloem angedeutet hatte, dass das bei Zypern verwendete Modell auch in anderen Fällen angewendet werden könnte. Der Euro sackte am Montag in der Spitze um 1,2 Prozent ab.

Bisher hatten die Politiker der Eurozone bei Rettungsaktionen in den vergangenen drei Jahren die Einlagen der Sparer sowie die Gelder der vorrangigen Anleihegläubiger unangetastet gelassen. In Spanien sind die Gläubiger vorrangiger Bankanleihen verschont geblieben, bei Bankia Group wurden nur die nachrangigen Anleihegläubiger sowie die Inhaber von Vorzugsaktien in die Pflicht genommen. Und in Griechenland wurde eine Umstrukturierung von Staatsanleihen so vorgenommen, dass ein Zahlungsausfall vermieden wurde.

Tabubruch

Bei Zypern wurde diese Regel erstmals gebrochen. Einlagen ab 100.000 Euro sollen mit einer Abgabe belegt werden. Zudem sollen erstmals die Gläubiger vorrangiger Anleihen Verluste erleiden. Bei der zweitgrößten Bank des Landes, der Laiki Bank, werden die Anleihegläubiger alles verlieren.

Zudem sollen erstmals Kapitalverkehrskontrollen von einem Euro-Land eingeführt werden. Das dürfte Ländern wie Malta, Luxemburg und Estland zu schaffen machen, die ebenfalls über hohen Einlagen aus dem Ausland verfügen, sagten Jacques Cailloux und Dimitris Drakopoulos, Volkswirte bei Nomura International Plc. “Wenn diese Gläubiger ein ähnliches Schicksal wie in Zypern fürchten, ist das Risiko hoch, dass sie ihr Engagement reduzieren, was die Länder unter Druck bringen würde”, schrieben die beiden Ökonomen in einer Studie für Kunden.

Mögliche Auswirkungen der Zypern-Vereinbarung werden sich nach Einschätzung von Analysten bei der Banken-Finanzierung bemerkbar machen. Kreditinstitute finanzieren sich normalerweise mit einer Mischung aus Einlagen, Aktien, vor- und nachrangigen Anleihen sowie forderungsunterlegten Papieren. Nach der Zypern-Rettung könnten Banken sich eher dafür entscheiden, Pflichtwandelanleihen, sogenannte CoCos, auszugeben, erklärt Chris Bowie, Leiter Anleiheportfolio-Management bei Ignis Asset Management Ltd. in London. Diese CoCos werden automatisch zu Eigenkapital oder abgeschrieben, wenn ein vorher festgelegtes Ereignis eintritt, beispielsweise wenn die Kapitalquote der Bank unter ein bestimmtes Niveau sinkt.

Kein Modell für größere Volkswirtschaften

Der wahre Test für den Erfolg der Rettungsmaßnahmen dürfte jedoch erst dann kommen, wenn sich die Probleme von Nikosia aus ausbreiten und größere Volkswirtschaften anstecken, erwartet Carsten Brzeski, leitender Volkswirt bei ING Group in Brüssel. In Italien wird noch um die Regierungsbildung gestritten, Spanien kämpft mit einer hohen Arbeitslosenquote, die eine Konsolidierung der Staatsfinanzen erschwert. In Slowenien bemühen sich die Politiker, zu verhindern, dass das Land als sechstes Mitglied der Eurozone ein Rettungspaket benötigt. Den Anlegern machen die notleidenden Kredite Sorgen, die sich inzwischen auf ein Fünftel des slowenischen Bruttoinlandsproduktes belaufen.

“Deutschland hat seine Wette gewonnen, da Zypern schließlich nachgegeben hat”, erklärt Brzeski, der früher als Volkswirt bei der Europäischen Kommission tätig war. “Diese Strategie ist jedoch nicht ohne Risiko und wird kaum bei größeren Volkswirtschaften funktionieren, die ein breiteres volkswirtschaftliches Modell haben als Zypern.”

"Normale Marktwirtschaft"

Die finnische Ministerpräsident Jyrki Katainen hält die Beteiligung privater Anleger an den Kosten einer Bankenpleite grundsätzlich für eine richtige Idee. "Ganz Europa sollte zu einer normalen Marktwirtschaft werden, wobei sowohl Eigentümer als auch Investoren im Falle einer Bankenpleite Verluste hinnehmen müssen", sagte Katainen am Dienstag in Helsinki. Eine europäische Bankenunion müsse diese Möglichkeit berücksichtigen.

In Zypern müssen sich erstmals Anleger mit einem Guthaben von mehr als 100.000 Euro mit einer Zwangsgabe an den Kosten für die Rettung des Landes vor der Staatspleite beteiligen soll. "Zypern ist ein Sonderfall", sagte dagegen das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank, Ewald Nowotny. Auch EZB-Direktor Benoit Coeure sieht in dem Vorgehen kein Vorbild für andere Krisenstaaten.

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