Mode mit schlechtem Gewissen

Mode mit schlechtem Gewissen

Der Unfall in einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als hundert Toten zeigt erneut die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, auf denen die Versorgung der reichen Industrienationen mit Billigtextilien beruht. Daran wird sich trotz solcher Tragödien wenig ändern.

Ein Vorschlag: Gehen Sie mal zu Ihrem Kleiderschrank und riechen Sie an ihren T-Shirts, Hosen und Pullovern. Riechen Sie nach Schweiß, Tränen, Fäkalien und Blut? Nein? Dann nur deshalb, weil wir mit viel Weichspüler die Spuren der Produktionsbedingungen aus unseren erstaunlich billigen Textilien entfernen – und damit zugleich unser Gewissen reinwaschen wollen.

Minderjährige Arbeiter. Näherinnen, die trotz verletzter Finger weiterarbeiten müssen, bis sie zusammenbrechen. Unglaubliche hygienische Bedingungen, eine Toilette für hunderte Menschen. Arbeiter, die sich aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes lieber in die Hose machen als den Vorarbeiter um eine kurze Auszeit zu bitten. Arbeiterinnen, die für wenige Euro im Monat tagtäglich bis tief in die Nacht sticken.

So sieht die Realität in den Textilfabriken in Ländern wie Bangladesch aus. Immer wieder werden wir Konsumenten in den reichen Industriestaaten dieser Zustände gewahr, etwa durch schreckliche Unfälle wie er am Wochenende in diesem Land passierte: Beim Brand in einer Produktionsstätte sind mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Bisher liege die Zahl der Toten bei 109, teilte die Feuerwehr am Sonntag mit. Darunter befinden sich neun Opfer, die aus dem Gebäude gesprungen seien. Die Katastrophe ereignete sich in einem Industriebezirk vor den Toren der Hauptstadt Dhaka. Das Feuer war nach Feuerwehrangaben am späten Samstagabend im Erdgeschoß ausgebrochen und breitete sich rasch in dem neunstöckigen Gebäude aus. Mehreren Hundert der meist weiblichen Arbeiter war der Fluchtweg versperrt.

Kein Einzelfall

2006 waren bei einem Brand in einem Hafen der Stadt Chittagong 84 Menschen gestorben. Damals konnten die Türen der Notausgänge nicht geöffnet werden. In den Fabriken Bangladeschs herrschen zumeist Arbeitsbedingungen, die sich Europäer nicht einmal ansatzweise vorstellen können: Es gibt so gut wie keine Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen, oft arbeiten viele Menschen auf engstem Raum.
Bangladesch ist nach China der weltweit zweitgrößte Textilproduzent. Gefertigt wird in landesweit rund 5000 Fabriken. Westliche Konzerne wie Tesco, Wal-Mart, JC Penney, H&M, Marks & Spencer, Kohl's und Carrefour lassen in Fabriken in Bangladesch billig produzieren. Die extrem niedrigen Lohnkosten machen das möglich.

Dunkler Schatten über C&A

In der Fabrik, in der am Samstag die Brandkatastrophe geschah, hat unter anderem der Bekleidungskonzern C&A produzieren lassen. Die Fabrik sei beauftragt gewesen, 220.000 Sweatshirts herzustellen und von Dezember 2012 bis Februar 2013 an C&A in Brasilien zu liefern, sagte ein Unternehmenssprecher heute in Düsseldorf. Es folgte die PR-Textierung: "Unser Mitgefühl gilt den Opfern dieses furchtbaren Unglücks sowie deren Familien und Angehörigen", hieß es seitens des Konzerns. Das Unternehmen fühle sich verantwortlich, sich "zu kümmern" und um Aufklärung zu bemühen, wie es dort zu der Katastrophe kommen konnte. Über die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards in der Fabrik wollte C&A aber nichts Genaueres sagen.

Kampf gegen die Gleichgültigkeit

NGO führen seit Jahren einen verzweifelten Kampf an zwei Fronten: Vor Ort wollen sie für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, im Westen wollen sie die Gleichgültigkeit der Konsumenten erschüttern. In den Fabriken Bangladeschs dürfen beispielsweise zumeist keine Frauen über 30 arbeiten, da sie die 13- bis 16-Stunden-Schichten nicht schafften. Gewerkschaften werden fast nie toleriert; Arbeitsschutz ist nicht vorhanden.

Für Aufsehen hatte vor zwei Jahren eine Reportage der ARD über den Textildiskonter KIK gesorgt. Hier ein Video des ersten Teils des TV-Berichts:

Hier der zweite Teil der Reportage der ARD aus dem Jänner 2011:

Aber wie gesagt ist KIK kein Einzelfall: So gut wie alle Billig- und Billigstwarenanbieter lassen in dem Land produzieren. Zum Beispiel auch H&M. Der schwedische Modekonzern ist sich dabei durchaus der PR-Tragweite dieses Vorgehens bewusst – und tut zumindest nach außen hin manchmal etwas. So wurden im September höhere Löhne für die Textilarbeiter in Bangladesch gefordert. Die Regierung müsse den Mindestlohn in den Fabriken anheben, sagte H&M-Chef Karl-Johan Persson nach einem Treffen mit Premierministerin Sheikh Hasina. Sein Unternehmen sei an einer "langfristigen Zusammenarbeit" mit den Lieferanten aus Bangladesch interessiert, "aber wir wollen auch, dass die Arbeiter faire Löhne bekommen", sagte Persson.

Dieser Tage wurde ein Werbevideo ins Internet gestellt, bei der H&M auf die verbesserten Produktionsbedingungen in Bangladesh hinweist:

In einem Bericht der ARD-Sendung “Monitor” wurde im Februar des Jahres ein etwas anderes Bild der Textilfabriken in Bangladesh gezeigt. Dabei wird auch die Gleichgültigkeit der Politik angeprangert.

Billig, billiger, Bangladesch

In Bangladesch werden die niedrigsten Löhne in der Textilbranche weltweit gezahlt - der von der Regierung festgesetzte Mindestlohn liegt bei rund 29 Euro im Monat. Kleidung ist Bangladeschs Hauptexportgut. 79 Prozent der Ausfuhren sind Textilien, die vor allem nach Europa und in die USA geliefert werden. Die Textilbranche macht in dem Land 80 Prozent des Jahresexports von 24 Milliarden Dollar aus.

Doch obwohl Bangladesch in den vergangenen zwei Jahrzehnten Fortschritte gemacht hat, ist es noch immer ein Entwicklungsland: Fast ein Drittel der 164 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar. Widerstand regt sich aber selten: Im Dezember 2010 hatte es gewaltsame Proteste der Fabrikarbeiter in Bangladesch gegeben, passiert ist seither wenig.

…und nun?

Möglicherweise denken wir bei unseren Weihnachtseinkäufen auch ein wenig daran, wonach unsere Kleidung riecht…

Quellen u.a.: APA

Robert Prazak

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