Merkel stellt sich der "AfD" und kämpft um Europa

Merkel stellt sich der "AfD" und kämpft um Europa

Ein Fan lauter Töne ist Angela Merkel nicht. Als sie in der Johann-Gottfried-Herder-Schule in Berlin-Lichtenberg von einer Trommelgruppe begrüßt wird und selbst die Schlegel in die Hand nimmt, verwundert es deshalb kaum, dass sie aus der Timba einer Schülerin nur ein zaghaftes Kratzen auf der Oberfläche erzeugt. Aber als sich Merkel dann in der Schulhalle den Fragen der Schüler zu Europa stellt, legt sie ihre Zurückhaltung ab.

Und damit liefert sie einen Vorgeschmack auf den Bundestagswahlkampf, der durch das Auftreten des neuen politischen Gegners eine überraschende Wende erfahren hat. Eigentlich hatten alle erwartet, dass die Entspannung in der Schuldenkrise das Thema in den Hintergrund drängt. Aber nun gefährdet die AfD mit einer diffusen "Wir-wollen-die-D-Mark-zurück"-Mobilisierung Merkels dritte Kanzlerschaft. Ziehen die Euro-Gegner als neue Protestpartei in den Bundestag ein, sinkt die Aussicht auf eine Fortsetzung der schwarz-gelben Regierung.

Plötzlich muss Merkel auch ohne kritische Bundestagsvoten über Hilfspakete wieder für Europa zu kämpfen. Und gerade in der Turnhalle im Berliner Osten merkt sie, wie nötig das ist. "Viele von uns fragen sich, was die EU noch für uns bedeutet", meint die Schülersprecherin gleich zu Beginn. Also setzt Merkel an diesem Europa-Tag an, erinnert an die gemeinsamen Werte, die Freiheiten in Europa und eine Notwendigkeit zur Zusammenarbeit in einer Welt mit sieben Milliarden Menschen.

Eine Stunde lang ist die Kanzlerin damit beschäftigt, den Schülern das große Ganze aus ihrer Sicht zu erklären: warum die EU immer enger zusammenarbeiten müsse und nicht den Weg der Deintegration gehen dürfe, wie ihn die AfD vorschlägt. Beim Thema EU ist von ihrem oft beschriebenen Dauerabwägen längst nichts mehr zu spüren: Merkel hat sich entscheiden. Als ihr ein Projekt vorgestellt wird, in dem europäische Jugendliche die Arbeit im Europäischen Parlament simulieren, stutzt sie. "Wer musste denn die Europaskeptiker spielen? Da hätte ich ja echt Mühe", platzt es aus ihr heraus. Von denen will sie sich die Arbeit der vergangenen Jahre nicht kaputtmachen lassen.

Dann liefert Merkel den Schülern einen sehr persönlichen Grundkurs in Sachen Globalisierung: Die Schüler sollten sich vorstellen, alle in großer Entspanntheit ein Abitur mit einer "4 minus" zu machen. Das klappe bis zum Wechsel an die Uni, an der sich Schüler anderer Gymnasien mit besseren Noten bewürben. "Dann wird keiner von Ihnen genommen. Also können Sie so nicht vorgehen, selbst wenn Sie sich superwohl damit fühlen, dass Sie keine so gute Zensur haben." Mit Europa und der Welt sei dies ganz genauso, überträgt sie die kleine Erfahrungswelt der Schüler auf die globalen Handels- und Wohlstandsströme.

Sicherung der Absatzmärkte

Dann kontert Merkel mit ungewohnter Offenheit die Argumentation der Euro-Kritiker, sie lasse sich von anderen ausnutzen. "Dass Deutschland Unterstützung leistet, tut es doch nicht einfach, weil es mildtätig ist - sondern aus eigenem Interesse." Die Hilfe an andere Euro-Länder leiste die Bundsrepublik wesentlich für sich selbst, zur Stabilisierung der eigenen Absatzmärkte. Deshalb werde es auch nur eine Richtung der Entwicklung geben. "Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass wir mehr Europa haben werden", auch wenn dies einen Verlust nationaler Souveränität bedeute.

Die direkte Auseinandersetzung mit der AfD versucht Merkel dialektisch zu sehen - als Chance. Es bringe nichts, deren Argumente wegzuwischen, man müsse ruhig dagegen argumentieren, warnt sie auch die Dämonisierer in den eigenen Reihen. Der Euro sei unverzichtbar und für Deutschland das Beste. "Ich kann sehr, sehr gut dafür werben."

Am Ende wirkt Merkel sichtlich zufrieden mit sich. Als sie auf dem Sportplatz der Schule ein abschließendes Statement gibt, meint sie: Das Schönste für sie sei, dass sie gespürt habe, dass die Schüler "in ihrer ganz großen Mehrheit" mehr Europa wollten. "Und das ist für mich auch persönlicher Ansporn."

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