Kroatien: Mit großer Skepsis ins vereinte Europa

Kroatien: Mit großer Skepsis ins vereinte Europa

Handelsketten locken mit billigen EU-Preisen, Medien bringen immer mehr Schlagzeilen über Entscheidungen der EU, weil sie Kroatien ab dem 1. Juli ebenfalls betreffen werden – seien es die vermeintlich absurden Entscheidungen zur Saatgutverordnung oder zum Verbot des Olivenölkännchens in der Gastronomie.

Die Fischhändlerin Dorijana, die ihren vollen Namen nicht nennen will, ist nicht gerade begeistert: „Also ich habe keine gute Meinung von der EU“, sagt die 48-Jährige. Ihre Skepsis begründet die Kroatin, die jeden Tag in der zentralen Markthalle in Rovinj steht und frischen Fisch verkauft, mit der Schweiz: „Ich habe 15 Jahre dort gelebt, und dort wurde der EU-Beitritt immer abgelehnt. Das sagt uns viel“, so die Verkäuferin.

Mit der Schweiz hat Kroatien jedoch nur die Kredite in Schweizer Franken gemeinsam. „Unser Land ist von sogenannten Eliten bestohlen worden. Würden wir nur 50 Prozent von dem zurückbekommen, wären wir schuldenfrei“, kontert die Marktfrau. Eine Kundin, die sich von Frau Dorijana Sardellen um fünf Kuna abwiegen lässt, ist pro EU. „Man muss sich ab jetzt an die Regeln halten. Das kann nur positiv für Kroatien sein“, sagt die Frau. „Mehr Ordnung“, pflichtet ihr die Händlerin bei, ihren skeptischen Gesichtsausdruck behaltend.

Auf der anderen Seite der Uferpromenade des istrischen Städtchens ist die Zentrale der Adris Gruppe, der größte Zigarettenhersteller Kroatiens und des ex-jugoslawischen Raums. Ronhill-Zigaretten der Tabakfabrik Rovinj (TDR) sind auch fast jedem Österreicher ein Begriff. Die Räumlichkeiten der ehemaligen K.u.K.-Zigarettenfabrik wurden in einen architektonisch ansprechenden Unternehmenssitz umgewandelt, von Fischgeruch bemerkt man hier keinen Hauch. Das Unternehmen hat Berührungspunkte mit der Fischerei, aber auch mit der EU in zwei weiteren Bereichen: Zigaretten und Tourismus. Der Export in die EU-Länder beträgt 57 Prozent.

Für die Fisch-Sparte von Adris, Cromaris, werde der EU-Beitritt große Vorteile bringen, da frischer Fisch von den vier Zuchtgebieten an der kroatischen Küste durch den Wegfall der Zölle innerhalb weniger Stunden beim Kunden sein wird. Etwa 60 Prozent von ihnen sind im Ausland, die Mehrheit davon in Italien, hieß es bei Adris. Problematisch werde es bei den Zigaretten. Ab dem Beitritt gehört Kroatien nicht mehr der CEFTA an, weswegen beim Handel mit diesen Ländern Zölle anfallen und die Produkte teurer werden. Die Kosten für die zusätzlichen Gebühren beziffert man bei Adris mit zehn Millionen Euro. Die Produktion findet ausschließlich in Kroatien statt. Ein Sprecher dementierte gegenüber der APA Spekulationen, dass die Produktion nach Bosnien und Herzegowina verlegt werden könnte.

Kommt Tourismus-Boom?

Der Tourismus wird durch den EU-Beitritt einen Aufschwung erfahren, nicht nur an der Küste, sondern auch im Landesinneren. In der Hauptstadt Zagreb genießt die EU laut dem EU-Referendum im Jänner 2012 die Unterstützung von 65 Prozent der Bürger. Zagreb wird Jahr für Jahr von immer mehr ausländischen Touristen heimgesucht, Balkan-Vergleiche fallen immer seltener in der zukünftigen EU-Metropole. „Ich habe mehr Fragen als Meinungen zur EU“, sagt die Zagreber Studentin Otilija R. „Zum Beispiel, wie das mit der Reisefreiheit für Studenten ist. Wir können doch jetzt schon woanders studieren“, so die 25-Jährige.

„Ich bin unglaublich skeptisch, aber ich würde gerne sehen, dass es Kroatien besser geht“, sagt die Studentin weiter. Aufseiten der Korruptionsbekämpfung habe der EU-Beitrittsprozess definitiv etwas Positives bewirkt, so Otilija. „Aber was passiert mit den Milchbauern, die alle paar Monate ihre Milch aus Protest verschütten, wie wird es ihnen gehen“, fragt sie sich.

Eine Frage, auf die es von Experten nur niederschmetternde Antworten gibt. Die Krise in Kroatien werde noch sieben Jahre dauern, sagte etwa der Wirtschaftsexperte Zeljko Lovrincevic bei einer Tagung der kroatischen Notenbank in Opatija. Um Investitionen ins Land zu holen, die mehr Arbeitsplätze schaffen sollen, begann die kroatische Regierung mit der Privatisierung von ihren Minderheitsanteilen an Staatsfirmen. Lovrincevic warnte: Privatisierungen sollen nicht zum Stopfen von Budgetlöchern dienen, sondern um Firmen zu stärken.

Während die kroatische Wirtschaft Einbußen durch den Beitritt befürchtet, ist der österreichische Unternehmer Michael Markota einer der wenigen, die positiv auf den EU-Beitritt des Landes blicken. Für sein Unternehmen Alca in Zagreb, das sich auf Distribution von internationalen Produkten spezialisiert hat, sieht er Vorteile: „Ich rechne mit einem Umsatzwachstum von zehn Prozent“, so Markota. Die Krise des Einzelhandels, der wegen des Rückgangs der Kaufkraft um bis zu 17 Prozent zurückgegangen war, hatte ihm in den Krisenjahren nur geringes Wachstum beschert. Mit dem EU-Beitritt würden zu Slowenien, Bosnien und Herzegowina und Serbien, neue EU-Märkte dazukommen, so Markota.

Eine benachbarte Branche, jene der Spediteure, bangte schon seit Jahren dem EU-Beitritt entgegen. Kündigungen waren absehbar, da Kroatien 60 Prozent seines Handels mit der EU betreibt und das Zollregime ab 1. Juli liberalisiert wird. Etwa 80 Prozent des Geschäfts für kroatische Spediteure dürften demnach wegfallen, bis zu 3.500 Spediteure werden daher arbeitslos, warnten die Branchenvertreter in Medien.

Daher heißt es, Kroatiens Wirtschaft auf neue Beine zu stellen. Das Land wird zwar Zugang zu mehr Geld aus EU-Fonds haben, doch mit dem Erfolg, es zu beziehen, rechnet nicht einmal der Premier. „Das Geld wird uns nicht auf dem Silbertablett serviert. Wir werden hart arbeiten müssen“, sagte Zoran Milanovic.

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