Kroatien vor dem EU-Beitritt – "die einzige realistische Option"

Kroatien vor dem EU-Beitritt – "die einzige realistische Option"

Die Bevölkerung hofft auf Stabilität, damit die nationalistischen Spannungen in der Region nicht mehr in Gewalt umschlagen. “Kroatiens Beitritt zeigt, dass die Erweiterung der EU trotz Krise anhält. Der Block muss wachsen, um im Wettbewerb mit Asien und den BRIC-Staaten bestehen zu können”, sagt Tvrtko Jakovina, Geschichtsprofessor an der Universität von Zagreb, in einem Telefoninterview. Die Mitgliedschaft berge die “Möglichkeit, eine der heikelsten Regionen in Europa zu stabilisieren.”

Kroatien hatte sich 1991 einseitig von Jugoslawien unabhängig erklärt. In den folgenden Kämpfen verloren mehr als 20.000 Kroaten ihr Leben. Der kroatische Unabhängigkeitskrieg war einer in einer Reihe von Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens - der blutigste Waffengang in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

“Es war ein scheußlicher Krieg”, sagt die 34-jährige Maja Biloglav bei einem Glas kroatischem Rotwein in einem Café in Zadar. Am Weihnachtsabend 1991 war die damals 13-Jährige unter Beschuss der jugoslawischen Armee in einem Boot aus der Stadt geflohen. Sie hofft, dass der Nationalismus in der Region durch den EU-Beitritt nicht mehr in einen bewaffneten Konflikt eskalieren wird. “Die EU ist nicht perfekt, sie scheint für uns aber die einzige realistische Option zu sein.”

Ratifizierung von Deutschland fehlt noch

Der Beitritt Kroatiens zur EU muss nur noch von Deutschland ratifiziert werden. Der Bundestag stimmt am Donnerstag im Anschluss an eine um 16.30 Uhr beginnende Debatte darüber ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich dafür ausgesprochen, dass Kroatien der 28. EU-Mitgliedstaat wird.

Das Land an der Adria will damit seine konfliktreiche Vergangenheit hinter sich lassen und Mittel aus EU-Fonds für den Wiederaufbau nutzen. Bis zu 10 Mrd. Euro an EU-Fördermitteln könnten bis 2020 fließen, um Schienennetze, Brücken und Kanalisation aus Sowjetzeiten zu modernisieren, die Binnenwirtschaft zu diversifizieren und den Lebensstandard an das Niveau der östlichen EU-Mitglieder anzupassen.

Vier Jahre Rezession

Im vergangenen Jahr betrug das Pro-Kopf-BIP in Kroatien 12.971 Dollar, verglichen mit 18.579 Dollar in der Tschechischen Republik, 22.192 Dollar in Slowenien und 41.512 Dollar in Deutschland, zeigen Daten des Internationalen Währungsfonds. Der Tourismus, insbesondere an der 5800 Kilometer langen Küste, trägt etwa ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung bei.

Regierungschef Zoran Milanovic versucht nach vier Jahren Rezession und Stagnation, das Wirtschaftswachstum im Lande anzukurbeln, und wirbt um ausländische Investoren. Denn die Direktinvestitionen aus dem Ausland waren 2012 im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise auf knapp ein Fünftel der 2008 registrierten 4,2 Mrd. Dollar abgesackt. Aufgrund der niedrigeren Auslandsinvestments kürzte die Regierung im Februar ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,8 Prozent auf 0,7 Prozent.

Kroatische Unternehmen betrachten den EU-Beitritt mit gemischten Gefühlen. Einige Firmen müssen neue oder höhere Zölle zahlen, wenn sie Waren in ihre Nachbarstaaten liefern wollen, wo es zuvor noch Freihandelsabkommen gegeben hat. Der EU-Markt bietet ihnen zwar viele Exportmöglichkeiten, doch herrscht hier auch ein hoher Wettbewerb.

“Der EU-Markt birgt ein erhebliches Potenzial, aber es ist auch ein sehr gesättigter, anspruchsvoller Markt”, sagt Vandri Montabelo, Chef des Spirituosenherstellers Maraska d.d. Zadar. Das Unternehmen ist nach der 2000 Jahre alten Stadt benannt und stellt seinen Kirschlikör Zadarski Maraschino nach einem Rezept aus dem Jahre 1768 her.

Kroatische Staatsanleihen werden beliebter

Der bevorstehende EU-Beitritt hat bereits erste positive Auswirkungen gezeigt: Anleger greifen verstärkt bei kroatischen Staatsanleihen zu. Und das obwohl die Ratingagenturen Standard & Poor’s und Moody’s Investors Services Kroatiens Bonitätsnote im Dezember beziehungsweise Februar auf “Ramsch“-Niveau gesenkt hatten. Die Rendite der in Dollar denominierten Anleihen mit Fälligkeit im März 2021 fiel am Montag auf 4,28 Prozent - verglichen mit rund acht Prozent im Dezember 2011. In dem Monat hatte Kroatien den Beitrittsvertrag unterschrieben.

“Entscheidend ist, dass Kroatien den Beitritt nutzt, um Greenfield-Investments anzuziehen, damit die Exportbasis erweitert wird, und indem von den EU-Fonds so weit wie möglich Gebrauch gemacht wird”, sagt Vladimir Gligorov, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. “Letztendlich hängt es von Kroatien selbst ab.”

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa