"Krieg und Militarismus sind der Krebs auf unserem Planeten"

"Krieg und Militarismus sind der Krebs auf unserem Planeten"

"Ich verlasse einen Raum normalerweise, indem mich ein Sicherheitsdienst hinausträgt", sagt Rae Abileah schmunzelnd. Die jüdisch-amerikanische Friedensaktivistin israelischer Abstammung ist als Co-Leiterin der Initiative Codepink eine profilierte Stimme gegen Waffenlobby, US-Kriegsteilnahme und vor allem gegen die Israel-Politik ihres Landes.

Sie reist den Machthabern zu Reden und Versammlungen hinterher - und unterbricht sie mit ihren Friedensforderungen. Im Gespräch mit der APA berichtet Abileah vom Konflikt der Aktivisten im Angesicht der Präsidenschaftswahl: Von Obama ist man bitter enttäuscht - aber Alternativen fehlen.

APA: Sie arbeiten für eine Friedensorganisation, Präsident Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Verdient er ihn?

Rae Abileah: Als Präsident Obama den Friedensnobelpreis erhalten hat, war er Commander-in-Chief der Nation mit den größten Militärausgaben der Welt. Mit Kriegen in Afghanistan und Irak. Am dritten Tag seiner Amtszeit hat er die Drohnenattacken gegen Pakistan bewilligt, die noch immer tausende unschuldige Zivilisten töten. Als einer seiner größten Momente als Präsident gilt der Mord von Osama Bin Laden. Obama hat seine Friedensversprechen aus 2008 nicht gehalten.

APA: Die Hoffnungen auf Obama waren sehr groß. Waren sie je realistisch? Ist es fair, so enttäuscht zu sein?

Abileah: Ich denke, wir dürfen enttäuscht sein, dass in Zeiten massiver ökonomischer Probleme im Land auf Kosten von uns Steuerzahlern weiterhin eine Politik der Aggression betrieben wird. Gleichzeitig müssen wir natürlich sehen, dass Obama nicht in einem Vakuum agiert. Er arbeitet für eine Veränderung in einem kaputten System, das durch Millionen von Dollars aus den Lobbys am Leben erhalten wird. Wir sollten vor allem enttäuscht sein vom Mangel an wahrer Demokratie in Amerika.

APA: Ist die Enttäuschung größer als die Hoffnung auf eine mutigere zweite Amtszeit?

Abileah: Ale Repräsentantin von Codepink, einer unparteiischen Organisation, kann ich keine Wahlempfehlung aussprechen. Persönlich denke ich, dass Obama in einer zweiten Amtszeit vielleicht mehr Spielraum hätte, echte Reformen durchzubringen, wenn er sich nicht um eine Wiederwahl sorgen muss.

APA: Was müsste der nächste Präsident in seiner ersten Woche im Amt unternehmen?

Abileah: Er müsste Einsparungen beim Militärbudget vornehmen, Obamacare auf die nächste Stufe heben, sich gegen den Klimawandel aussprechen, die unsinnigen Sanktionen gegen den Iran lockern und Premierminister Netanyahu anrufen und ihm sagen: Als wahrer Freund von Israel werden die USA aufhören, Kriegsverbrechen zu unterstützten. Er müsste die Epidemie von Selbstmorden unter Kriegsveteranen ernst nehmen und sich bei den Amerikanern dafür entschuldigen, dass das Ziel, die Nummer eins Nation im Kriegstreiben zu sein, auf Kosten von Bildung, Gesundheit um Umwelt gegangen ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendetwas davon passiert. Aber ich wüsste eine bessere Frage!

APA: Und zwar?

Abileah: Was müssten die Amerikaner in der ersten Amtswoche des neuen Präsidenten machen? Denn als Obama 2008 gewählt wurde, da waren Hoffnung und Freude, aber auch Erschöpfung nach acht Jahren Protest gegen Bush und wegen der zusammenbrechenden Wirtschaft so groß, dass es uns den Wind aus den Segeln genommen hat. Die Organisationen waren viel zu langsam, als es darum ging, Druck zu machen, um Obama seine Friedensversprechen vorzuhalten. Die Anzahl der Aktivisten ist gesunken, viele verharrten in einer Art Abwarteposition.

APA: Diesmal wird das anders?

Abileah: Diesmal machen wir ein starkes Statement für Frieden unmittelbar nach der Wahl. Es wird eine Pressekonferenz und eine Demonstration vor dem Weißen Haus am 14. November geben. Wir von Codepink feiern unser zehnjähriges Jubiläum.

APA: Was wäre Ihr persönlich vordringlichstes Anliegen?

Abileah: Ich bin sehr besorgt über die Situation im Nahen Osten. Die Spannungen mit dem Iran werden von der israelischen Regierung andauernd angefeuert. Bei beiden Präsidentschaftskandidaten befürchte ich eine Eskalation - beide sind nicht bereit, Israels Politik kritisch zu betrachten, sondern stellen sie über das Gesetz, über Menschenrechte und lassen amerikanische Steuerzahler dafür jährlich drei Milliarden Dollar an militärischer Unterstützung an Israel zahlen.

APA: Das sind harte Worte für eine israelstämmige Jüdin...

Abileah: Gerade als jüdische Amerikanerin möchte ich eine Rückkehr zu internationalem Gesetz und Menschenrechten, wenn es um die Israelische Besatzung der Westbank und die Teilung der Palästinenser geht.

APA: Als Sie im Vorjahr Benjamin Netanyahu bei seinem USA-Besuch in seiner Rede vor dem Kongress unterbrochen haben, gab es ein rechtliches Nachspiel...

Abileah: Ich wurde von Vertretern der zionistischen Lobby brutal zu Boden gerissen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Das hat eine ziemliche Diskussion ausgelöst - gerade auch, weil ich gläubige Jüdin bin. Viele haben mich als Verräterin beschimpft. Aber ich habe auch viele Reaktionen erhalten von Menschen, die sagten, sie bewundern meinen Mut.

APA: Was ist Ihre Motivation?

Abileah: Ich bin inspiriert, Aktionen gegen Krieg und Militarismus zu setzen, weil ich sie für einen katastrophalen Krebs auf unserem Planeten halte. Ich weigere mich, still zu halten im Angesicht von Unrecht und Gier. In unserem Namen wird grauenhafte wirtschaftliche, ökologische und Kriegspolitik betrieben. Ich denke wir müssen zumindest laut sagen: Nicht in unserem Namen. Andererseits sind meine Motivation Menschen wie Malala Yousafzai, eine mutige 15-Jährige, die von den Taliban angeschossen wurde, weil sie in die Schule gehen wollte oder Marla Ruzika, die unermüdlich für Kompensationen für irakische Kriegsopfer gekämpft hat und in Bagdad durch eine Autobombe getötet wurde. Oder auch die Gruppe kleiner Kinder in Gaza, die tausende Papierdrachen gebastelt haben, um ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen - weil sie Hoffnung haben und an eine bessere Zukunft glauben.

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