Konklave: Bergoglio ist Franziskus I. – "ein Papst vom anderen Ende der Welt"

Konklave: Bergoglio ist Franziskus I. – "ein Papst vom anderen Ende der Welt"

Der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio ist am Mittwoch zum Papst gewählt worden. Damit ist erstmals ein Lateinamerikaner Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Kurienkardinäle stellten den Pontifex mit dem Namen Franciscus am Mittwochabend den Gläubigen auf dem Petersplatz vor.

Das Konklave für die Wahl eines Nachfolgers des zurückgetretenen Benedikt XVI. hatte am Dienstag begonnen. Der neue Papst wurde im fünften Wahlgang gewählt.

Der neue Papst Franziskus I. (Franciscus I.) wurde 1936 in Buenos Aires geboren. Der Jesuit zählte nicht zu den Favoriten, die ins Konklave für die Wahl eines Nachfolgers des zurückgetretenen Benedikt XVI. gezogen waren. Der Erzbischof von Buenos Aires, der 2001 von Johannes Paul II. zum Kardinal geweiht worden war, ist wegen seines Einsatzes für sozial Schwache bekannt. Noch nie in der Kirchengeschichte war ein Jesuit Papst.

Bergoglio zeigte Demut und scherzte über seine argentinische Herkunft. Es sehe so aus, als seien seine Brüder - die übrigen Kardinäle - fast bis ans Ende der Welt gegangen, um einen neuen Papst zu finden, erklärte der aus Argentinien stammende Bergoglio, der bisher Kardinal von Buenos Aires war. Der neue Papst segnete die Menschenmenge auf dem Petersplatz und forderte die Welt auf, den Weg der Liebe und Brüderlichkeit einzuschlagen.

Franziskus I. bat die Gläubigen, für ihn zu beten. Er dankte auch Papst Benedikt Emeritus - dem früheren Kardinal Joseph Ratzinger - für seine Arbeit für die Kirche. Der 85-jährige Deutsche hatte seinen Rücktritt mit seinem fortgeschrittenen Alter begründet. Bergoglio ist 76 Jahre alt.

Am Ende seiner kurzen Ansprache betete der neue Papst mit den Gläubigen auf dem Petersplatz ein Vater Unser und ein Ave Maria für seinen Vorgänger Benedikt. Als der Papst dann die Gläubigen um ein stilles Gebet für sich bat, wurde es auf dem mit Zehntausenden Gläubigen und Touristen gefüllten Platz ganz still. Nach dem apostolischen Segen "Urbi et Orbi" - der Stadt und dem Erdkreis - wünschte Franziskus den jubelnden Menschen eine gute Nacht und zog sich zurück.

Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 als eines von fünf Kindern italienischer Einwanderer in Buenos Aires geboren. Bis heute hat er deshalb neben der argentinischen auch die italienische Staatsangehörigkeit. Neben Spanisch und Italienisch spricht er auch Deutsch.

266. Oberhaupt der katholischen Kirche

Der neue Papst Franziskus I. ist das 266. Oberhaupt der katholischen Kirche seit dem Heiligen Petrus. Tatsächlich enthält die bisherige Liste nur 263 Namen, denn einer der Nachfolger Petri, Benedikt IX., herrschte im elften Jahrhundert insgesamt drei Mal. Eine seiner beiden Wiedereinsetzungen erfolgte, nachdem er sein Amt im Jahr 1045 an Gregor VI. verkauft hatte, um heiraten zu können. Offenbar gelang es ihm aber nicht, die auserwählte Frau zu einer Ehe zu bewegen, weshalb er nach Rom zurückkehrte.

Insgesamt 21 Päpste starben als Märtyrer. Vier verschieden im Exil, einer im Gefängnis. Acht Päpste sollen gewalttätiger Tode gestorben sein - sechs wurden ermordet, zwei erlagen Verletzungen, die sie bei Unruhen erlitten. Ein weiterer Papst wurde von einer herabstürzenden Decke erschlagen. Zwei Päpste fielen ihrer Schlemmerei zum Opfer: Paul II. starb im Jahr 1471, nachdem er zwei enorme Melonen verspeist hatte, Clemens XIV. erlag im Jahr 1774 den Folgen einer Verdauungsstörung.

Abdankungen gab es bisher, je nach Wertung, höchstens fünf. Allerdings werten Kirchenhistoriker im Allgemeinen nur einen einzigen Rücktritt als mit dem von Benedikt XVI. vergleichbar: Coelestin V., ein einfacher Einsiedler, wurde im Jahr 1294 zum Papst gewählt, um einen Streit zwischen den Kardinälen zu beenden. Er erwies sich jedoch als inkompetent. Kurz nach seiner Ernennung erließ er ein Dekret, das Papstrücktritte überhaupt erst ermöglichte, und dankte nach fünf Monaten ab.

Heiliggesprochen wurden bisher 80, seliggesprochen elf Päpste. Benedikt XVI. sprach zuletzt am 1. Mai 2011 seinen Vorgänger Johannes Paul II. selig. Seine Heiligsprechung wird von vielen Gläubigen gefordert. Sollte es auch Befürworter entsprechender Ehren für Benedikt XVI. geben, müssen sich diese allerdings noch gedulden. Lebende Selige oder Heilige sind nicht vorgesehen.

Der erste Vertreter Amerikas auf dem Stuhl Petri

Der neue Papst Franziskus I. (Jorge Mario Bergoglio, 76) ist der erste Vertreter Amerikas auf dem Stuhl Petri. Mit dem Argentinier und Jesuiten ist seit mehr als 100 Jahren auch wieder ein Ordensmann Papst. Als Erzbischof von Buenos Aires benutzte Kardinal Bergoglio bisher öffentliche Verkehrsmittel, bewohnte ein Apartment statt einer Bischofsresidenz und setzte sich für Benachteiligte ein.

Gerüchten zufolge wäre Franziskus (Franciscus) bereits 2005 fast zum Nachfolger Petri gewählt worden: Er konnte damals beim Konklave bis zu 40 der 115 Stimmen auf sich vereinen, wird gemunkelt, und erst sein Rückzug zugunsten des erstgereihten Kardinals Joseph Ratzinger habe dessen Wahl mit großer Mehrheit möglich gemacht.

Dass der charismatische Kardinal als "Kardinal der Armen" galt, kommt nicht von ungefähr: Bergoglio stammt aus einer Familie mit fünf Kindern, deren Vater aus Italien eingewandert war und in Argentinien bei der Bahn arbeitete. Wie viele seiner Landsleute besitzt der 1936 geborene neue Papst auch heute neben der argentinischen auch die italienische Staatsbürgerschaft und spricht Spanisch und Italienisch, dazu nach einem Dissertations-Aufenthalt in Deutschland 1985 auch etwas Deutsch. Der diplomierte Chemiker gilt als Multitalent - guter Koch, Opernliebhaber, Freund der griechischen Klassik, Shakespeares und Dostojewskis, guter Schwimmer und kräftig, obwohl er seit seiner Kindheit mit Lungenproblemen kämpfte. 2010 durchlebte er eine schwere Grippe, von der er sich allerdings wieder erholt hat.

Bergoglios kirchliche Laufbahn begann mit seinem Eintritt in den Jesuitenorden als 21-Jähriger. Kurz nach seiner Priesterweihe 1969 brachte er es zum Provinzial seiner Ordensgemeinschaft in Argentinien (1973). Später Theologieprofessor, wurde er 1992 zum Erzbischof-Koadjutor von Buenos Aires, 1998 zu dessen Erzbischof ernannt. 2001 machte ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal, der zuletzt Mitglied in der Lateinamerika-Kommission, des Familienrates, der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung und der Kongregation für die Ordensleute ist.

Theologisch ist der neue Pontifex als eher gemäßigt und dialogbereit einzuordnen, zudem steht er der konservativen und sozial engagierten Bewegung "Communione e Liberazione" nahe. Seine vergleichsweise wenigen Worte haben Gewicht im traditionell katholischen Argentinien, in dem sich 90 Prozent der 40 Millionen Einwohner zum katholischen Glauben bekennen. Zu Weihnachten und Ostern besuchte Bergoglio ein Krankenhaus für arme Kinder oder ein Gefängnis, wusch den Kranken oder Gefangenen die Füße, doch sind öffentliche Auftritte nicht seine Sache: Der neue Papst gilt als wortkarg und medienscheu.

Zu den Schattenseiten des bescheidenen, asketisch lebenden Kardinals rechnete man vor allem die Anschuldigungen, die auf seine Zeit als Jesuitenprovinzial zurückgehen; Während der Militärdiktatur Argentiniens (1976-1983) soll Bergoglio Ordensbrüder, die im Foltergefängnis inhaftiert waren, nicht ausreichend Rückendeckung gegenüber dem Regime gegeben haben, so der erst vor wenigen Jahren erhobene Vorwurf.

Interessant scheint zudem, dass der weithin als kirchenpolitisch gemäßigt und dialogorientiert bekannte Kirchenfürst früher zu politischen Streitereien möglichst Distanz hielt, seither jedoch eine Kehrtwende machte: Immer wieder eskalierten in den Folgejahren Streitigkeiten mit dem damaligen Präsidenten Nestor Kirchner, den Bergoglio öffentlich kritisierte: Seine Regierung respektiere die demokratischen Institutionen nicht, sie handle konfrontativ und autoritär, warf er ihr vor. Ein Hauptstreitpunkt war die Sozial- und Sexualpolitik: So hatte Kirchner etwa gegen den Wunsch des Vatikans einen argentinischen Militärbischof entlassen, der sich kritisch zur Abtreibungspolitik geäußert hatte.

Seit dem Tod Kirchners 2010 herrschte mit dessen Frau Cristina Fernandez Kirchner - der nunmehrigen Präsidentin Argentiniens - ein freundlicherer Ton.

Georg Ratzinger "ist völlig überrascht"

Für den Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. kommt die Wahl von Jorge Mario Bergoglio (76) zum neuen katholischen Kirchenoberhaupt überraschend. "Ich bin völlig überrascht", sagte Georg Ratzinger am Mittwoch in Regensburg der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Ich habe keinen Eindruck von ihm." Der 89-Jährige bekannte, dass er Bergoglio nicht "auf meiner Liste hatte". Er habe mit seinem Bruder nie über ihn gesprochen. "Der Name ist nie gefallen."

Als sehr große Überraschung hat auch der Theologe und Soziologe Karl Gabriel die Wahl des neuen Papstes bezeichnet. Der Experte der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster sieht in der Ernennung des 76-jährigen Argentiniers Jorge Mario Bergoglio einen offensichtlichen Beleg dafür, dass die Macht der Kurienkardinäle und der römischen Kräfte im Vatikan geschwächt sei. "Bergoglio ist bei Benedikts Wahl vor acht Jahren noch verhindert worden. Hier hat sich einiges verschoben", sagte Gabriel am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Der Forscher vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster geht bei einem Vertreter aus Lateinamerika davon aus, dass der Vatikan in Zukunft mit dem Thema Prunk ganz anders umgehen werde. Schon traditionell seien soziale Themen in der katholischen Kirchen in Südamerika ganz fest verankert. "Ich erwarte von ihm eine Kurienreform", sagte Gabriel.

Die Wahl

Die 115 Kardinäle haben sich am Mittwochabend im Konklave auf einen neuen Papst geeinigt. Um 19.06 Uhr stieg weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle - als Zeichen dafür, dass ein Name bei der Abstimmung die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit bekommen hat.

Tausende Pilger strömten auf den Petersplatz, um den ersten Auftritt des neuen Papstes live mitzuerleben. Seine Identität war erst um kurz nach 20 Uhr bekannt gewoden, da die Kardinäle im Konklave seit Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagten.

Der 266. Papst sollte sich innerhalb von 45 Minuten nach dem Rauchzeichen der Öffentlichkeit zeigen. Das offizielle Zeremoniell sieht unmittelbar nach der Wahl vor, dass der Kardinaldekan - zurzeit Kardinal Giovanni Battista Re - den Gewählten fragt: "Nimmst du deine kanonische Wahl zum Papst an?" Wenn der Gewählte zustimmt, wird er gefragt: "Mit welchem Namen willst du gerufen werden?"

Danach bestätigt der Zeremonienmeister als Notar die Wahl und den neuen Namen schriftlich. Mit der Annahme der Wahl erhält der Papst unverzüglich die Gewalt über die katholische Kirche. In der Sakristei der Sixtinischen Kapelle legt der Papst anschließend mit Hilfe des Zeremonienmeisters sein neues Gewand an. Daraufhin geloben die Kardinäle dem neuen Papst ihren Gehorsam.

Der Kardinalprotodiakon - zurzeit der Franzose Jean Louis Tauran - tritt dann als Erster auf den Mittelbalkon des Petersdoms und verkündet die berühmte Formel "Annuntio vobis gaudium magnum, habemus Papam!" ("Ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst!"). Unmittelbar danach tritt der Gewählte auf den Balkon, zeigt sich den Menschen und erteilt erstmals den traditionellen Segen "Urbi et orbi".

Die Wahl des neuen Oberhauptes der katholischen Kirche dauerte demnach lediglich zwei Tage. Ein erstes Signal - schwarzer Rauch - stieg am Dienstagabend nur wenige Stunden nach dem Beginn des Konklaves aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf, ebenso am Mittwoch um 11.39 Uhr.

Tausende Menschen feierten auf dem Petersplatz die Wahl des neuen Papstes. In wenigen Minuten versammelten sich Massen von Pilgern auf der Via della Conciliazione, die zum Vatikan führt, und in den Gassen um den Heiligen Stuhl. Zur Verkündung des Pontifex wurden Hunderttausende Menschen erwartet.

Der Zivilschutz war in Alarmbereitschaft. Er ist zur Ergreifung von Maßnahmen zur Regelung der Pilgerströme zum Vatikan bereit, hieß es.

In ganz Rom ertönten nach und nach die Glocken. Als erste hatte die Glocke des Petersdoms die Wahl des neuen Papstes nach dem vierten Wahlgang angekündigt. Auch die Kirchen in Österreich verkündeten die Wahl des neuen Papstes.

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa