Keine Risiken, keine Boni: Wall Street-Banker werden depressiv

Keine Risiken, keine Boni: Wall Street-Banker werden depressiv

US-Psychologe: Fehlendes Risiko ist für diesen Berufsstand „wie ein Drogenentzug“.

Für die Banker, so ein weit verbreitetes Klischée, sind die Probleme der „realen“ Wirtschaft so weit weg wie Disneyland vom echten Amerika. Ein Report des Nachrichtendienstes Bloomberger, für den Banker und Händler der Wall Street befragt wurden, bestätigt dieses Vorurteil aber zumindest teilweise.

Demnach ist die Wall Street nicht mehr das, was sie einmal war: Banker und Händler, die ihr Lebenselixier aus dem täglichen Umgang mit hohen Risiken gesogen hatten, klagen über Langeweile und Depressionen. Heute bestimmen Restriktionen den Alltag, klagen mehr als zwei Dutzend derzeitige und frühere Mitarbeiter der Investmentbanken, die Bloomberg News interviewt hat. “Die Luft ist raus”, resümiert ein Banker.

Erträge sind geschrumpft

Die fünf größten Banken an der Wall Street - JPMorgan, Bank of America Corp., Citigroup Inc., Goldman Sachs Group Inc. und Morgan Stanley - haben für das erste Halbjahr die niedrigsten Erträge seit dem Jahr 2008 vorgelegt. Die Kredit-Finanzierung ist um durchschnittlich 44 Prozent zurückgeführt worden. Die Aktienkurse sind in den letzten zwölf Monaten um durchschnittlich 33 Prozent eingebrochen - viermal stärker als im 81 Mitglieder umfassenden Standard & Poor’s 500 Financials Index. Die Bonuszahlungen wurden um 20 bis 40 Prozent gekürzt.
Die Banken sind mit neuen Restriktionen konfrontiert, die verhindern sollen, dass es zu einer weiteren globalen Finanzkrise kommt. Beschränkungen beim Eigenhandel und schärfere Eigenkapitalvorschriften erschweren es, geliehenes Geld einzusetzen, um die Erträge zu steigern. “Es ist nicht mehr sexy, es macht keine Spaß mehr, es gibt keine intellektuellen Intrigen mehr”, beschreibt Ethan Garber. Er leitete bei Credit Suisse Group AG und Bear Stearns Cos. im Eigenhandelsbereich Credit-Arbitrage-Portfolios. “Die Luft ist raus”, resümiert der 45-Jährige, der nun Chef von IdleAir ist. Die Firma bietet Energieversorgung an Fernfahrer während ihrer Ruhezeiten an.

Keine Risiken mehr

Risiko sei es gewesen, was ihn und seine Kollegen an die Wall Street getrieben hatte, berichtet Sean George. Der 39- jährige leitete früher den Handel in Investment-Grade Kreditausfallswaps bei der Deutsche Bank AG. Heute ist er Leiter Handel Kredit-Derivative bei der Investmentbank Jefferies Group Inc. In seinen besten Zeiten konnte er in einem Monat Millionen Dollar hereinholen. Bei seiner jetzigen Arbeit treffe er nun weniger Risiko- Entscheidungen - “aber ich gehe gerne Risiken ein”, sagt er. Zum Ausgleich hat er ein Kampfsport-Studio eröffnet und sich ins Thai-Boxen gestürzt.

Der 32-jährige Sam Polk war bis 2010 Kredit-Derivate- Händler bei Bank of America und dem Hedgefonds King Street Capital Management LP in New York. Er beschreibt die Anziehungskraft der Wall Street so: “Du konntest in deinen 20er Jahren ein Händler sein, der gerade drei Jahre aus der Schule ist und du konntest jede Nacht ein Restaurant, einen Club oder eine Sportveranstaltung deiner Wahl besuchen - und alles wurde bezahlt. Es war ein enormes Gefühl von Macht”. Fabrizio Capanna gab im Mai seinen Job als Leiter Credit- Trading Einzelhandel und Elektronik bei Frankreichs größter Bank BNP Paribas SA auf und gründete die Finanzberatung JCI Capital Ltd. in London. In dem Monat hatte BNP mitgeteilt, dass sie ihren Bonustopf 2011 für Händler und andere Mitarbeiter in Risiko-Bereichen um 52 Prozent verkleinert habe, da die Schuldenkrise in der Eurozone die Erträge beeinträchtige. “Der Grund weshalb ich den Bankensektor verlassen habe ist, dass er sich drastisch verändert hat”, erläutert der 48- jährige Capanna. Er sei finanziell weniger motivierend geworden, weniger herausfordernd in Bezug auf das Eingehen von Risiken und deutlich bürokratischer, führt er aus.

“Das Leben wird so bald nicht besser“

Michael Meyer, früherer Leiter Investment-Grade-Handel weltweit bei Bank of America, verließ die Bank bereits 2007. Nach seiner Einschätzung wird das Leben bei den großen Banken “so bald nicht besser.” BoA hatte am 18. Juli angekündigt, die jährlichen Kosten im Bereich Investmentbanking, Handel und Vermögensverwaltung um 3 Mrd. Dollar zu kürzen. Und zwar zusätzlich zu dem vorgesehen Abbau von 30.000 Stellen in anderen Geschäftsbereichen. “Das Licht am Ende des Tunnels ist trüb”, sagt Meyer, der jetzt in ähnlicher Funktion bei der New Yorker Investmentbank Seaport Group arbeitet.

Auch Citigroup, die drittgrößte US-Bank baut etwa 5.000 Stellen ab, da die Kunden weniger Risiken eingehen und um sich an die neuen Handelsbestimmungen anzupassen. Die Arbeit bei den großen Häusern mache jetzt viel weniger Spaß, sagt Herald “Hal” Ritch, Vorstandschef der New Yorker Investmentbank Sagent Advisors LLC. “Es nagt an den Leuten und zieht sie psychologisch runter.” “Ich verstehe ihre Frustration, aber wir können das Rad nicht zurückdrehen und zu einer Welt der enormen Risikofreude zurückkehren”, sagt Eugene N. White, Professor für Volkswirtschaft an der Rutgers University in New Brunswick, New Jersey. “Da gab es Personen, die Risiken eingegangen sind und private Gewinne kassiert haben. Aber wenn ihr Glücksspiel zu Verlusten führte, wurden diese sozialisiert”.

Neil M. Barofsky, früherer Generalinspekteur für das US- Bankenrettungsprogramm Troubled Asset Relief Program, sagt, die Banker verwechselten mitunter, was das Beste für sie und was das Beste für andere sei. Übergroße Risiken und Vergütungen an der Wall Street zu begrenzen “wäre fraglos eine sehr gute Sache für das Land”, meint er.

Kleiner Trost: Hohe Gehälter

Doch selbst nachdem bei Goldman Sachs der Gehaltsaufwand gesunken ist, verdient jeder Angestellte in den ersten sechs Monaten durchschnittlich 225.789 Dollar. Das ist fünfmal mehr als ein Feuerwehrmann der Stadt New York als Jahresanfangsgehalt erhält. Für George geht es bei der Erfüllung weniger ums Geld als um die Aufregung. “Die Leute sind traurig”, äußert er über seine Wall-Street-Kollegen. “Sie haben kein Risiko mehr. Es gibt nichts, dass Stress verursacht.” Die mögliche Aufwärtsbewegung sei, ein bisschen mehr als das Grundgehalt zu bekommen, die Abwärtsbewegung, gefeuert zu werden.

McWelling Todman, Professor für Klinische Psychologie an der New School in New York, sagt, Einschränkungen frustrieren risikofreudige Personen. “Wenn man ihnen im Grunde sagt, sie sollen sein wie alle anderen auch und die Regeln befolgen, dann amputiert man eine großen Teil dessen, was sie sind und für was sie sich halten”, erläutert Todman. Leo Goldberger ist emeritierter Professor für Psychologie an der New York University und Experte für Stress. Werde das Risiko beschnitten, sei das wie ein Drogenentzug für solche Personen. “Es ist wie bei einem Drogenabhängigen, der nicht bekommt, was er braucht”.

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