Kapitalflucht, Zweiteilung, Desintegration, Zerfall

Kapitalflucht, Zweiteilung, Desintegration, Zerfall

Das belegt der weiter anhaltende Abfluss von Einlagen aus Banken in vier Ländern der Währungsunion. Die Voraussetzung für erneutes Wirtschaftswachstum ist damit ebenso in Gefahr wie ein Eckpfeiler der Gemeinschaftswährung: ein integriertes Finanzsystem.

In den 12 Monaten bis Ende Juli haben Anleger Bankeinlagen aus Spanien, Portugal, Irland und Griechenland im Gesamtumfang von 326 Mrd. Euro abgezogen. Das zeigen von Bloomberg erfasste Daten. Damit hat sich der Abfluss, der 2010 noch auf Irland und Griechenland konzentriert war, vergangenes Jahr auf Portugal und Spanien ausgeweitet.

Die Abflüsse in diesen Ländern stehen im Gegensatz zu einem Anschwellen der Einlagen bei Banken jener sieben Länder, die zum Kern der Eurozone gerechnet werden, darunter Frankreich und Deutschland. Mit einer Größenordnung von rund 300 Mrd. Euro bewegen sich diese Zuflüsse nahezu auf dem Niveau der Abflüsse andernorts.

Daraus folgen eine Fragmentierung der Kreditmärkte und eine Zweiteilung im Bankensektor. Damit ist die Erholung der Wirtschaft in Gefahr und die Politik der Europäischen Zentralbank im dritten Jahr der Staatsschuldenkrise in Europa wird zu einem stumpfen Schwert.
“Die Kapitalflucht führt zu einer Desintegration der Eurozone und gegenläufigen Tendenzen an der Peripherie und im Zentrum”, sagt Alberto Gallo, Leiter Kreditresearch bei der Royal Bank of Scotland Group Plc in London. “An der Peripherie bezahlen Unternehmen einen oder zwei Prozentpunkte mehr für Kredite. Wachstum zu bekommen mit solchen Diskrepanzen ist unmöglich”, ergänzt Gallo.

Kampf um Einlagen

Das Abwandern der Einlagen zwingt Banken in den betroffenen Ländern dazu, mehr zu zahlen, um sie zu behalten - in Griechenland bis zu fünf Prozent an Einlagenzinsen. Die höheren Finanzierungskosten spiegeln sich wiederum in den Zinssätzen für Kredite an Unternehmen und Verbraucher. Der durchschnittliche Zins für neu ausgereichte Kredite an Unternehmen lag im Juli in Griechenland bei über sieben Prozent, in Spanien bei 6,5 Prozent, in Italien bei 6,2 Prozent und in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden bei vier Prozent, zeigen EZB-Daten.

Ein Teil der Rückgänge bei den Bankeinlagen ist darauf zurückzuführen, dass deutsche und französische Banken ihr Engagement in den betroffenen Ländern einschränken. In den zwölf Monaten bis Ende März haben sie die Kredite an andere Banken in den vier Ländern der Peripherie und in Italien um 100 Mrd. Dollar abgebaut, zeigen die jüngsten von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich verfügbaren Daten. Die EZB zählt Kredite im Interbankengeschäft auch zu den Einlagen.

Ein weiterer Trend besteht im Abbau der Positionen, die Banken aus Ländern, die zum Kern der Eurozone gezählt werden, bei Staatsanleihen von Ländern der Peripherie halten. Davon betroffen sind Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und Irland. Gleichzeitig haben Banken aus diesen Ländern mehr Anleihen ihrer jeweiligen Regierungen erworben.
Die Folge ist eine weitere Fragmentierung der Finanzmärkte in der Währungsunion entlang nationaler Grenzen. Banken sammeln Einlagen von Unternehmen und Haushalten in ihren Ländern und reichen diese innerhalb der Landesgrenzen weiter.

"Es wird immer schwieriger, auszubrechen"

Diese Desintegration kann eine Tendenz auslösen, in der sich eintrübende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die schwache Verfassung der Banken wechselseitig bedingen, sagt David Powell, Volkswirt bei Bloomberg in London. Je mehr die Banken für Einlagen zahlen, desto weniger profitabel entwickeln sich einige ihrer Geschäftszweige, sagt Powell. Eine Bank aus Spanien, die auf Einlagen vier Prozent Verzinsung bietet, durch europaweite Leitzinsen beschränkt und Hypotheken zu 2,5 Prozent anbietet, verliert Geld.

“Das Auseinanderdriften im Finanzsektor ist ein Symptom für die zugrundeliegenden wirtschaftlichen Unterschiede, aber beide schaukeln sich gegenseitig auf, deshalb wird es immer schwieriger, auszubrechen”, sagt Powell. “So lange Unternehmen und Privatpersonen nicht überzeigt sind, dass der Euro überleben wird, werden sie nicht in der Peripherie investieren - und das wird Kapital von dort fernhalten.”

Mit ihrer Geldspritze in Form dreijähriger Refinanzierungsgeschäfte (LTRO) ist die Europäische Zentralbank an die Stelle der Sparer und anderer Gläubiger gerückt. Bloomberg-Daten zeigen, dass die EZB Ende Juli an Banken aus den fünf Peripherie-Ländern 820 Mrd. Euro ausgeliehen hatte. Hinzu kommen weitere 148 Mrd. Euro, ausgereicht von den Notenbanken in Dublin und Athen an Finanzmarktteilnehmer, deren Sicherheiten von der EZB nicht akzeptiert wurden.

Da die Finanzierungen durch die Notenbanken in den Bilanzen der Geschäftsbanken als Einlagen verbucht werden, verbergen die offiziellen Statistiken die Verschlechterung in gewissem Umfang. Werden diese Beträge abgezogen, zeigt sich eine größere Kapitalflucht aus Spanien, Irland, Portugal und Griechenland. Was im Fall italienischer Banken als Anstieg um zehn Prozent ausgewiesen wird, ist faktisch ein Rückgang um weniger als ein Prozent. Wird die Finanzierung durch die Notenbanken herausgerechnet, zeigt sich, dass die Einlagen bei griechischen Banken in den zwölf Monaten bis Ende Juli um 42 Mrd. Euro zurückgingen, ein Minus von 19 Prozent. In Spanien sanken die Einlagen im gleichen Zeitraum um 224 Mrd. Euro oder zehn Prozent, in Irland um 37 Mrd. Euro oder neun Prozent und in Portugal um 22 Mrd. Euro oder acht Prozent.

Gegensteuern mit Bankenunion

Die Gefahr der Fragmentierung des Finanzmarkts in der Währungsunion ist den Politikern bewusst. Mit ihrem in der Vorwoche präsentierten Plan für eine Bankenunion will die EU-Kommission gegensteuern. Beim EU-Finanzministertreffen auf Zypern zeigte sich Uneinigkeit bei der Frage einer zentralisierten Aufsicht. Nicht nur die Niederlande und Deutschland äußerten Bedenken gegen eine zu hastige Einführung, auch Schweden kritisierte das Vorhaben, da für jene Länder der Europäischen Union, die nicht Teil der Währungsunion sind, keine Schutzmechanismen vorgesehen seien.

“Wir sind immer noch im Unklaren darüber, wer bei diesen politischen Entscheidungen enormer Tragweite letztlich die Rechnung zahlen wird, wie Absicherungsmechanismen greifen und so weiter”, sagte Alexander White, politischer Analyst bei JPMorgan Chase & Co in London im Gespräch mit Investoren in der Vorwoche. Das von den Politikern mit Januar in Aussicht genommene Anfangsdatum für die Einrichtung einer zentralen europäischen Bankenaufsicht erweise sich als wenig wahrscheinlich. “Vor uns liegt noch ein schwieriger Weg”, ergänzt White.

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