Kanzlerin-Inside: Angela Merkel im Menschwerdungs-Interview

Kanzlerin-Inside: Angela Merkel im Menschwerdungs-Interview

Angela Merkel verbucht laut Umfragen hohe Achtungswerte. Aber im heraufziehenden Wahlkampf muss eben auch der Mensch Merkel sichtbar werden. Daher stand Sie im Maxim-Gorki-Theater in Berlin Rede und Antwort – und zwar anders als sonst.

"Gott oder Steinbrück" – vielleicht muss man wirklich erst deutsche Bundeskanzlerin werden, um einmal vor eine solche Alternative gestellt zu werden. Angela Merkel zögert jedenfalls nicht lange, als sie in einer Veranstaltung der Frauenzeitschrift "Brigitte" im Maxim-Gorki-Theater in Berlin gefragt wird, über was sie reden will – und wählt Gott.

Das Spiel mit den Doppel-Begriffen ist Teil einer der seltenen Auftritte der Kanzlerin, die man in die Kategorie "Menschwerdung" einordnen kann. Denn durch die Euro-Krise und nach acht Jahren Kanzlerschaft hat sich die CDU-Vorsitzende immer mehr zum Objekt entweder von Bewunderung oder des Hasses gewandelt. Merkel erscheint in öffentlichen Debatten oft als Symbol einer Politik. Zwar verbucht sie laut Umfragen hohe Achtungswerte. Aber im heraufziehenden Wahlkampf muss eben auch der Mensch Merkel sichtbar werden, wenn die Kanzlerin die nötige Mehrheit für die angestrebte dritte Amtszeit erhalten will.

Wohl auch deshalb hatte sich die CDU-Chefin entschlossen, sich nun fast 90 Minuten persönlichen Fragen stellen zu lassen. Jedem Zuhörer, jeder Zuhörerin soll klar werden, dass in der Kanzlerin-Rolle eine ganz normale Frau steckt – und eine lustige dazu, die im Stile eines Comedians das Publikum bereits nach drei Minuten mit lockeren Sprüchen auf ihre Seite zieht. Es geht um den Glauben, die Selbstzweifel, das vorsichtige Abwägen, aber auch die Wahrnehmung von Männern. Während ihr SPD-Herausforderer Peer Steinbrück seinen Nimbus des "Klartext"-Redners pflegt, versucht Merkel als Talkshow-Gast mit Witz, kessen Antworten selbst über ihren Mann ("Manchmal sagt er auch von selbst etwas") bis zu goldenen Worten wie "Man braucht das Schweigen, um klug reden zu können" zu glänzen.

Dabei will sie sich erkennbar nicht verstecken. Als Merkel gefragt wird, ob sie lieber über Frauen oder Männer reden wolle, wählt sie trotz des vorwiegend weiblichen Publikums und der Gastgeber sofort das Männerthema. Und "Brigitte"-Chefredakteurin Brigitte Huber stutzt kurz, als die Kanzlerin dann auch noch betont: "Ich finde nicht, dass es Männer leichter haben." Als Feministin will sich die Kanzlerin ohnehin nicht bezeichnen. Nur einmal verschlägt es ihr an dem Abend wirklich die Sprache, weiß sie erkennbar nicht, was sie antworten soll: Als sie gefragt wird, was ihr an Männern gefällt. "Die Augen", antwortet sie schließlich nach geraumer Zeit. Die Grenze der Privatsphäre ist erkennbar erreicht.

Am Ende hat Merkel aber wohl ihr Ziel erfüllt. In gut einer Stunde entsteht das Bild einer mächtigen Frau, die beim Kochen eben nicht bedeutungsschwanger daran denkt, dass sie auch Kanzlerin ist. Und das Bild einer Frau, die bei Familien- oder Freundestreffen offensichtlich mit jedem Jahr Amtszeit sich mehr danach sehnt, noch wie ein normaler Mensch wahrgenommen zu werden, eine, die auch leidet, wenn sie nicht ein gewisses Maß an Normalität leben kann. Sie wolle raus aus der "Auskunftsfunktion", bei der sie nach irgendwelchen Dingen ihrer Arbeit gefragt werde, ins Dozieren gerate und hinterher merke, dass sie das ganze Kaffeekränzchen unterhalten habe.

Merkel kann Schlaf "nachtanken"

Aber das Gegenteil sei genauso unnatürlich, meint Merkel. Sie singt ein Loblied auf ehrlich gemeinte Kritik und beklagt, dass man sie manchmal vor Unterhaltungen über Politik verschonen wolle. "Kaum bin ich um die Ecke, fangen die Leute aber an, über Politik zu reden. Kaum komme ich wieder um die Ecke - Pscht - fangen sie an, über Schuhmode zu reden", amüsiert sie sich. Ansonsten versucht sie, normal zu wirken, spricht über Selbstzweifel, ihr Hintasten zu politischen Entscheidungen und zerstört den Arbeitsbienen-Mythos a la Margaret Thatcher, dass sie mit nur vier, fünf Stunden Schlaf pro Nacht auskomme. Vielmehr habe sie "gewisse kamelartige Eigenschaften" und könne Schlaf nachtanken. Als sie dann gefragt wird, was denn den Mythos nähre, dass sie Nächte durcharbeite, antwortet sie aber trocken: "Den Mythos nährt, dass es passiert." Dann erzählt sie Episoden aus durchverhandelten Nächten etwa als Bundesumweltministerin.

Aber was locker wirkt, bleibt bei Merkel am Ende doch professionell kontrolliert. Als etwa die Frage nach Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und deren politische Ambitionen kommt, blockt Merkel freundlich, aber entschieden ab. Die Kanzlerschaft traue sie vielen zu, es werde sich immer jemand finden, der das Amt besetze, scherzt sie sich ins Allgemeine.

Und als sie nach ihren Plänen nach dem Ende der Kanzlerschaft gefragt wird, wird sie freundlich einsilbig. Darüber denke sie gar nicht nach. Wenn es soweit sei, "komme ich dann nochmal wieder", fügt sie hinzu und gibt der "Brigitte"-Chefredakteurin am Ende gut gelaunt den Rat, die Zeitschrift könne doch auch mal was über Dirigentinnen oder Komponistinnen schreiben. Da sei es mit der Frauenquote auch nicht so gut bestellt.

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