"In Italien zerstört der Staat die Firmen"

"In Italien zerstört der Staat die Firmen"

Andrea Lamberti hat in 40 Restaurants in Tessin die Qualität des Mozzarella getestet. Sein Urteil fiel eindeutig aus: sie war schlecht. Der gebürtige Italiener verließ sein Heimatland und gründete eine Käserei in dem Schweizer Kanton. “Als ich die Schweiz das erste Mal besucht habe, wusste ich sofort, dass ich da hinziehen würde, wenn ich mein eigenes Unternehmen ins Leben rufe”, sagt Lamberti, Co-Gründer von Caseificio Oro Bianco Sagl, zu Bloomberg News. “In Italien haben Unternehmen keine Chance, sich zu entwickeln. Der Staat zerstört die Firmen.”

Seine Käserei hat im September in der Schweizer Stadt Chiasso den Betrieb aufgenommen. Das Unternehmen produziert und importiert fünf verschiedene Mozzarella-Sorten in der italienischsprachigen Region.

Mit der Kampagne “Benvenuta impresa!” - oder “Unternehmen willkommen!” - will die südlichste Stadt der Schweiz bis zu 20 italienische Firmen pro Jahr anlocken. Sie sollen die Büroflächen füllen, die seit dem Rückzug des Finanzsektors leer stehen. Im Gegenzug bietet Chiasso niedrige Steuern und weniger Bürokratie, sagt Bürgermeister Moreno Colombo.

Die Stadt hat mit dem Umwerben der italienischen Firmen begonnen, nachdem die Banken in das Tessiner Finanzzentrum im nahen Lugano umgezogen sind oder dicht gemacht haben. Die Zahl der Geldinstitute in dem Kanton ist von 78 Ende 2005 auf 64 Ende 2011 gesunken, zeigen Daten des Tessiner Bankenverbands.

Bankensektor schrumpft

“Der Bankensektor im Tessin ist in den letzten Jahren stärker geschrumpft als in der restlichen Schweiz”, sagt Raoul Wuergler vom Verband der Auslandsbanken in der Schweiz. “In dem Kanton gibt es viele kleinere Finanzinstitute, die entweder fusionierten oder nicht überlebt haben - wegen der Finanzkrise oder anderer Faktoren wie strengeren Anforderungen an die grenzüberschreitenden Aktivitäten und Steuerfragen.”

Der Kanton vermarktet sich nach Angaben des Tessiner Finanz- und Wirtschaftsdepartments als eindeutig schweizerisch mit einem unverwechselbaren Hauch Italien, als Region, in der sich politische Stabilität mit entspannter Lebensart verbindet. Die Körperschaftssteuer liegt bei 19,85 Prozent - verglichen mit 27,5 Prozent in Italien, wo aber zusätzlich Regionalsteuern und unternehmensbedingte Aufwendungen entrichtet werden müssen.

Schweiz vs. Italien – kein Vergleich

Die Schweiz belegt in der Auflistung der Weltbank, die Aufschluss gibt darüber, wie leicht es Unternehmen in verschiedenen Ländern haben, den 29. Platz. Dabei spielt der Aufwand für Unternehmensgründungen, den grenzüberschreitenden Handel und Unternehmensvorschriften eine Rolle. Italien belegt Platz 65, Spitzenreiter ist Singapur.

“Als wir unser internationales Geschäft ausgebaut haben, erschien uns Italien nicht als die beste Basis”, sagt Fabio Cannavale, Gründer und Chairman des Tourismusunternehmens Bravofly SA. Er verwies auf den begrenzten Zugang zu Krediten, die Arbeitskosten, die mangelnde Arbeitsmarktflexibilität und die Bürokratie im Lande. “Wir hätten nicht so expandieren können, wie wir es gemacht haben, wenn wir in Italien geblieben wären.” Bravofly wurde 2004 in Mailand gegründet. Das Unternehmen zog zwei Jahre später nach Chiasso um.

Die Bevölkerung von Chiasso verdoppelt sich an Arbeitstagen auf etwa 16.000 - wegen der Pendler oder “frontalieri” aus Italien. Das Tessin kommt auf etwa 60.000 solcher Arbeiter, grob ein Drittel der Arbeiterschaft. “Wenn man sich die Landkarte anschaut, dann ist das Tessin im Grunde Italien”, sagt Cannavale.

Gegeninitiative von Italien

Italien hat von der Chiasso-Kampagne inzwischen Wind bekommen und hält dagegen. Roberto Maroni, Präsident der norditalienischen Lombardei, startete eine Initiative, um die Abwanderung ins Tessin einzudämmen und die Wettbewerbsfähigkeit der reichsten Region des Landes zu steigern. Maroni will demnach kleinere Unternehmen durch leichteren Zugang zu Finanzierungen und Krediten sowie Steuerbegünstigungen zum Bleiben bewegen.

Doch das Vertrauen der italienischen Existenzgründer zurückzuerobern dürfte nicht leicht sein. Italien befindet sich in der längsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg und die Arbeitslosenquote in der drittgrößten Wirtschaft des Euroraums liegt auf dem höchsten Stand seit Beginn der Datenreihe in 1977. Die Erholung im Euroraum scheint an Italien vorbeizulaufen.

Unternehmen begründen ihre Entscheidung zur Übersiedlung in die Schweiz auch mit der Finanzierungslage. EUSolar Srl, ein norditalienischer Anbieter von Solarmodulen, hat im August einen neuen Hauptsitz in Locarno eröffnet - auch wegen der niedrigeren Finanzierungskosten. “Die Kreditkosten in Italien sind unerschwinglich”, sagt EUSolar-Co-Besitzer Maurizio Guidi. Cannavale von Bravofly stimmt dieser Einschätzung zu.

In der Schweiz “ist alles sehr leicht”, da die Banken breitwillig Kredite an Privatunternehmen zu niedrigen Kosten vergeben, erklärt er. “Der Schritt an den Kapitalmarkt ist für private Unternehmen viel einfacher in der Schweiz, wegen des Zugangs zu Investoren, und weil die Leute generell Investments in Schweizer Unternehmen bevorzugen. Sie genießen ein höheres Vertrauen.”

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