"Ich habe mein Leben lang Schuhe verkauft, ich kann nichts anderes"

"Ich habe mein Leben lang Schuhe verkauft, ich kann nichts anderes"

Reportage: Zweimal standen im Mittelalter die Kreuzritter vor der Stadt, zweimal scheiterten ihre Bemühungen Aleppo zu erobern. Heute liefern sich syrische Regierungstruppen und Aufständische einen mörderischen Kampf um die Stadt, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert vor Christus zurückreichen.

Ein Kampfflugzeug der Armee überfliegt Aleppo im Tiefflug. Aber Ahmed Schamta achtet gar nicht auf die Maschine, sondern verhandelt mit einem Kunden weiter über ein Paar Sandalen aus dunkelbraunem Kunstleder. 250 syrische Pfund, umgerechnet rund drei Euro, will der Händler für die Schuhe haben; der Käufer willigt letztlich ein. Andere Einwohner der umkämpften syrischen Stadt beobachten währenddessen unaufhörlich den Himmel, wo das Flugzeug weiter Kurven fliegt. Jedes Mal, wenn die Maschine auf ein Haus feuert, ist eine Explosion zu hören.

Gegenüber von Schamtas Marktstand brüllt ein Rebellenführer Kommandos und schickt Kämpfer in die Stadtteile, die das Flugzeug angreift. Er feuert die Männer noch einmal an, ehe sie in einem Pick-up mit aufmontiertem Luftabwehrgeschoss davonfahren.

Mitten im Kampfgeschehen versucht Schamta zusammen mit ein paar anderen Händlern, die in weißen Kleinbussen an einer Autobahnauffahrt ihre Ware anbieten, so etwas wie Normalität aufrechtzuerhalten. Dass in Aleppo nach Darstellung der Regierung seit mehr als einem Monat die "Mutter aller Schlachten" tobt, hindert sie nicht an ihren Geschäften.

"Ich habe mein Leben lang Schuhe verkauft, ich kann nichts anderes", sagt Schamta. "Ich komme jeden Tag hierher, egal, ob gekämpft wird oder nicht. Ich habe eine Familie zu ernähren", ergänzt der 48-Jährige und stellt stolz zwei seiner Söhne vor. An guten Tagen verdient er etwa 70 Euro mit seinen Schuhen.

An einem benachbarten Stand verscheucht Mohammed Hamsa unermüdlich die Fliegen, die sich auf seine reifen Weintrauben setzen. "Klar ist es hart, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Aber wenn wir nicht arbeiten, haben wir auch nichts zu essen." Seit er 13 ist, verkauft Hamsa Obst und fährt jeden Tag zum Großmarkt, um seine Ware zu holen und im von den Rebellen kontrollierten Stadtteil Schaar anzubieten. "Es gibt immer noch Leute, die essen müssen. Sie kaufen auch mitten im Krieg ein."

Gegenüber von Hamsa schwitzt Anwar Eskaif hinter seinem Olivenstand. "Ich bin wie alle Leute, ich muss arbeiten, um zu leben, auch wenn der Tod lauert", sagt der 19-Jährige. Er hat nicht die Absicht, die Stadt mit 2,5 Millionen Einwohnern zu verlassen. "Ich bin aus Aleppo, ich gehe nirgendwo hin", versichert er.

Mehr als 200.000 Einwohner der Wirtschaftsmetropole, die in der Nähe der türkischen Grenze liegt, sind bereits aus der zweitgrößten syrischen Stadt geflüchtet. Überall in Aleppo, dessen Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt, türmt sich der Müll, aus dem Rauchwolken aufsteigen.

"Es ist traurig zu sehen, wie nicht nur unsere Stadt, sondern auch unsere Erinnerungen zerstört werden", sagt Abu Hischam, der sich über das Internet telefonisch aus dem umkämpften Gebiet zu Wort meldet. "In fast jeder Familie ist jemand getötet oder verletzt worden." Ständig sind in Aleppo Taxis zu sehen, die mit einer Höllengeschwindigkeit Verletzte abtransportieren.

Wer in den seit 20. Juli tobenden Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen von Präsident Bashar al-Assad die Oberhand hat, ist umstritten. "Wir kontrollieren mehr als 60 Prozent von Aleppo", sagt der Rebellenchef der Provinz, Abdel Jabbar al-Okaidi. "Völlig falsch" sei das, heißt es dagegen von Regierungsseite. Die Armee, die durch ihre Flugzeuge im Vorteil ist, rücke langsam in Aleppo vor. Die syrischen Sicherheitskräfte gehen von einem Krieg aus, "der noch lange dauern wird." Für die Händler von Aleppo bleibt ihre Arbeit lebensgefährlich.

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