"Ich fürchte, dass es zu einem Bürgerkrieg in Ägypten kommen wird"

"Ich fürchte, dass es zu einem Bürgerkrieg in Ägypten kommen wird"

FORMAT : In Ägypten ist die Stimmung seit der gewaltsamen Räumung des Islamisten-Protestcamps aufgeheizt , auch heute gibt es wieder blutige Auseinandersetzungen. Lässt sich ein Bürgerkrieg noch vermeiden?

Karin Kneissl : Auch wenn ich das Wort "Bürgerkrieg" nicht gerne in den Mund nehme, ich fürchte, dass es dazu kommen wird. Es entlädt sich jetzt eine Spannung, die schon lange in der Luft liegt. Als ich während des arabischen Frühlings 2011 in Kairo war, trugen dort viele Menschen T-Shirts mit der Aufschrift "I'm proud to be an Egyptian". Als ich jetzt Ende Mai in Ägypten war, sah man auf den Straßen nur zwei Arten von T-Shirts: Pro Mursi und contra Mursi. Die Spannung auf den Straßen war regelrecht zu spüren.

Worum geht es im Kern bei diesem Konflikt: Um Religion? Um Politik? Um Wirtschaft? Um das Duell Muslime gegen Nicht-Muslime?

Kneissl : Das mag überraschend klingen, aber es geht in erster Linie um die klare Trennung von Religion und Politik. Die Ägypter sind sehr fromme, sehr gläubige Menschen, aber vor allem die Jüngeren wehren sich dagegen, ihre komplette Lebenswelt von der Religion bestimmen zu lassen. Hinzu kommt, dass die Muslimbrüder auf die drängenden Probleme des Landes wie Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung keine Antwort haben, außer: "Der Islam ist die Lösung." Aber wenn stundenlang der Strom ausfällt, hilft das eben auch nicht.

Wie ist die wirtschaftliche Situation?

Kneissl : Es hat Milliarden-Hilfen aus den Golfstaaten gegeben, um die Wirtschaft zu stabilisieren, aber gebracht hat das wenig, weil niemand Entscheidungen trifft. Westliche Unternehmen beklagen seit langem diesen Schwebezustand, es gibt viele Projekte, aber nichts wird entschieden. Und natürlich leidet das Land unter dem zurückgehenden Tourismus – der 30 Prozent der Einnahmen ausmacht. Da spürt man auch am Zorn der Basar-Händler. Die sind auch Muslime und beten, aber sind gegen die Muslimbrüder, weil die ihnen das Geschäft ruinieren und die Existenzgrundlage rauben.

Wie geht es nach Ihrer Einschätzung in Kairo weiter?

Kneissl : Ich fürchte, dass die Situation weiter eskaliert. Im Großraum Kairo leben rund 30 Millionen Menschen; wenn dort die Strom- oder Wasserversorgung zusammenbricht, gibt es ein Chaos. Auch die Sicherheitssituation ist beunruhigend. Es gibt täglich Entführungen, aber nicht von politischen Gegnern oder Reichen. Gekidnappt werden normale Kinder, die dann für ein Lösegeld von 50 Dollar wieder freikommen. Das alles trägt zu der explosiven Stimmung bei.

Die EU-Außenminister planen eine Initiative, um die Lage in Ägypten zu beruhigen. Hat das Aussichten auf Erfolg?

Kneissl : Von außen ist dieser Konflikt nicht zu lösen. Zudem hat die EU keinen Hebel. Will man Ägypten drohen, dass es nicht in die EU aufgenommen wird? Das macht wenig Sinn. Und auch die USA haben dort wenig Einfluss. Nachdem die Amerikaner Mubarak fallengelassen haben, haben sie in den alten Zirkeln, die jetzt teilweise wieder an der Macht sind, keine Verbündeten mehr.

Der "arabische Frühling" wirkte ansteckend auf die Nachbarländer, wird die "arabische Eiszeit" auch auf andere Länder übergreifen?

Kneissl : Ägypten ist schon aufgrund seiner großen Bevölkerung ein Sonderfall. Wenn bei uns 100 Leute demonstrieren, sind es in Kairo gleich 100.000 – das macht von der Angespanntheit der Atmosphäre schon einen Unterschied. Wenn sich allerdings in Ägypten ein autokratisch-militärisches System mit harter Hand behauptet, dann droht auch in anderen Ländern ein Rückschlag der Demokratiebewegungen und ein Rückfall in die Zeit vor 2011.

Würden Sie jetzt nach Ägypten auf Urlaub fahren?

Kneissl : Das muss jeder für sich entscheiden. Auf der einen Seite ist es kein schönes Gefühl, wenn man am Strand liegt und einige hundert Kilometer entfernt sterben Menschen. Umgekehrt schadet ein Reiseboykott in erster Linie den Menschen, deren Arbeitsplätze damit in Gefahr sind.

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