"Große Vermögen sind das Krebsgeschwür der Wirtschaft"

"Große Vermögen sind das Krebsgeschwür der Wirtschaft"

Der Zinseszins-Effekt ist pfui, Vermögenssteuern und Negativ-Zinsen für große Geldvermögen hui: Für den deutschen Ökonomen Kreiß liegt die Ursache der Wirtschaftskrise vor allem darin, dass die Reichen immer reicher werden und ihr Geld nicht mehr ausgeben können. Er ortet aber noch andere Systemfehler…

FORMAT : Sie rechnen mit einem kurzfristigen Einbruch der Wirtschaft um 25 Prozent. Das hört sich nach Untergangs-Propheterie an...

Christian Kreiß : Nein, ich bin absolut kein Untergangs-Prophet. Meine Schlussfolgerung beruht auf Analysen, auf deren Basis ich in den nächsten ein bis drei Jahren eine Bereinigung der Wirtschaft um rund 25 bis 30 Prozent erwarte.

Warum?

Kreiß : Der Mittelschicht ist in den vergangenen Jahren systematisch Kaufkraft entzogen worden, deshalb wird die Nachfrage weiter einbrechen. Ganz nüchtern betrachtet ist derzeit etwa jede dritte Fabrik zu viel.

Insgesamt ist der Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten doch deutlich gestiegen.

Kreiß : Ja, aber die Vermögensverteilung ist dramatisch auseinandergedriftet. In den USA etwa ist das Medianeinkommen in den vergangenen 30 Jahren gerade mal um acht Prozent gestiegen, die Wirtschaftsleistung aber um 130 Prozent. Profitiert haben davon aber nur die oberen fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung. In Europa ist es nicht viel anders.

Was ist daran so schlimm?

Kreiß : Einerseits ist es ungerecht, dass der Anteil der Mittelschicht, also der arbeitenden Bevölkerung, am Kuchen immer kleiner wird. Anderseits ist es ökonomischer Unsinn. Denn große Vermögen würgen die Wirtschaft ab, weil das Geld dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird. Die wirklich Reichen können ja gar nicht so viel ausgeben, und dieses Geld fehlt bei der Nachfrage.

Was ist für Sie die Konsequenz daraus?

Kreiß : Das Grundübel ist der Zinseszins-Effekt, durch ihn werden die Reichen immer reicher, ohne dafür zu arbeiten. Und dieses Anhäufen großer Vermögen ist das Krebsgeschwür der Wirtschaft.

Das hört sich ziemlich kommunistisch an...

Kreiß : Nein, ich argumentiere rein volkswirtschaftlich. Die Anhäufung großer Vermögen führt regelmäßig zu Krisen, weil das zu viele Geld "vagabundiert" und auf der Suche nach Rendite zu Investitionsblasen führt, wie wir das bei Immobilien, Unternehmensübernahmen und auch Rohstoffen erlebt haben. Deshalb sollte man diese Form der Vermögenskonzentration einschränken.

Muss ich mich jetzt schäbig fühlen, weil ich eine Zwei-Zimmer-Wohnung besitze und vermiete?

Kreiß : Überhaupt nicht, das ist aus Ihrer Sicht ja vernünftig. Aber wenn Sie zehn Zinshäuser besitzen und sich allein aus den Mieteinnahmen jedes Jahr ein neues leisten können, dann wird das zum Problem. Denn dieses weitere Zinshaus zahlt ja am Ende der einfache Verbraucher über den Milch- und Brotpreis im Supermarkt, der in einem dieser zehn Häuser eingemietet ist und die Miete auf die Produkte umlegen muss. Das ist dann eine Umverteilung von unten nach oben, vom Konsumenten zum Zinshaus-Besitzer.

Wie wollen Sie das ändern?

Kreiß : Wir brauchen Vermögenssteuern auf Grund und Boden, der nicht selbst bewohnt oder bewirtschaftet wird. Besteuert man diesen Immobilienbesitz, mit dem arbeitsloses Einkommen erzielt wird, mit jährlich drei Prozent des Verkehrswertes, würde das alleine in Deutschland jährliche Steuereinnahmen von rund 78 Milliarden Euro bringen. Damit könnte man die Beitragssätze zur Rentenversicherung um über acht Prozentpunkte senken, was den Arbeitnehmern mehr Nettolohn und den Unternehmen niedrigere Lohnkosten bringen würde – ein gewaltiges Konjunkturprogramm. Ähnlich wären Unternehmensanteile zu besteuern, wobei ich einen Freibetrag von vielleicht zwei Millionen Euro vorschlagen würde. Es geht also nicht um den Kleinaktionär oder den Handwerksbetrieb, sondern um Großeigentümer wie etwa die Familie Quandt, die als BMW-Erben umgerechnet täglich eine Million Euro an Dividenden verdienen.

Was passiert mit den Geldvermögen?

Kreiß : Auch hier muss es Negativ-Zinsen geben von null bis vier Prozent per anno. Damit entfällt der Zinseszins-Effekt als Hauptmotor der Vermögenskonzentration und es wird ein Anreiz geschaffen, das Geld wieder in Umlauf zu bringen und so die Wirtschaft anzukurbeln.

Aber schon jetzt werden Kapitalerträge mit 25 Prozent besteuert, auch Einkünfte aus Vermietung unterliegen der Einkommenssteuer. Reicht Ihnen das nicht?

Kreiß : Nein, weil damit nur ein Teil des Flusses abgeschöpft wird, der aus dem Berg entspringt. Notwendig ist es aber, den Berg abzutragen.

Wie realistisch ist die Umsetzung Ihrer Ideen?

Kreiß : Zur Zeit ist das nicht sehr realistisch. Aber immer mehr Menschen spüren, dass die Dinge in der Wirtschaft falsch laufen, und das gibt Anlass zur Hoffnung.

Ist das nicht auch eine Neid-Debatte?

Kreiß : Ich hoffe nicht. Ich bin frei von Neid, meine Frau kommt selber aus einer Unternehmerfamilie.

In Ihrem neuen Buch " Profitwahn – warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt " üben Sie Kritik an der Bankenrettung im Zuge der Euro-Krise. Was hätten Sie getan?

Kreiß : Ich verurteile die Banken-Rettung nicht grundsätzlich, es gab dazu keine Alternative. Aber die Lasten sind falsch verteilt, weil der Steuerzahler zahlt. Über Vermögensabgaben hätte man die Reichen stärker zur Kasse bitten müssen, die ja jahrelang von dem System profitiert haben.

Ist das nicht reiner Populismus?

Kreiß : Nein, das ist nüchterne Volkswirtschaft.

War die Euro-Einführung aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Kreiß : Ja. Denn dadurch wurde die Zinslandschaft in Europa auf den Kopf gestellt. Die Deutschen und Österreicher mussten höhere Zinsen zahlen, in Griechenland und Spanien wurde Geld billiger. Schulden machen war dort plötzlich clever. Das war absurd und hat zu dieser katastrophalen Fehlentwicklung geführt.

Als Professor für Ökonomie gehören auch Sie zu den Besserverdienern. Geben wenigstens Sie persönlich ihr Einkommen zur Gänze aus, um die Nachfrage anzukurbeln?

Kreiß : Meine Frau und ich unterrichten an Fachhochschulen, da verdient man weniger als an der Universität. Außerdem haben wir vier Kinder, dadurch geben wir fast alles aus. Was übrig bleibt, lege ich auf ein Konto bei der GLS Bank, eine Genossenschaftsbank, die die Spareinlagen als Kredite an soziale und ökologische Projekte vergibt. Deren Motto lautet: "Geld ist für die Menschen da". Und so sehe ich das auch.

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Zur Person
Prof. Dr. Christian Kreiß, 51, unterrichtet an der Fachhochschule Aalen (Raum Stuttgart) Finanzierung und Wirtschaftspolitik. Der ehemalige Investmentbanker steht nicht nur in kritischer Distanz zu seinen früheren Kollegen, sondern auch zur Zunft der Wirtschaftsexperten. So eben ist sein neues Buch „Profitwahn – Warum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt“ im Tectum Verlag erschienen.

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