Franziskus I.: Ein Papst mit harter aber sozialer Hand

Franziskus I.: Ein Papst mit harter aber sozialer Hand

Als Kardinal von Buenos Aires war sich Papst Franziskus I. nicht zu schade, den Bus oder die U-Bahn zu nehmen statt einer Limousine. Statt in der erzbischöflichen Residenz wohnte er in einem einfachen Apartment.

Von seiner Biografin Francesca Ambrogetti wird der 76-Jährige Bergoglio als Mann des Ausgleichs mit großem Verhandlungsgeschick und einem ausgeprägten sozialen Gewissen beschrieben. Er wurde auch "Kardinal der Armen" genannt. Theologisch gilt er als konservativ. Mit Politikern spricht er Klartext, weshalb seine Beziehungen zu Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez und ihrem verstorben Mann und Vorgänger Nestor Kirchner nicht immer störungsfrei waren.

Bei der Papst-Wahl 2005 war Bergoglio der Hauptkonkurrent von Joseph Ratzinger, der sich allerdings durchsetzte und als Papst Benedikt XVI. acht Jahre die römisch-katholische Kirche führte. Damals wurde der Argentinier von den moderaten Kardinälen als Gegengewicht zum dogmatischen damaligen Leiter der Glaubenskongregation unterstützt. Wie sein deutscher Vorgänger Benedikt verfolgt auch der neue Papst Franziskus I. einen starken missionarischen Ansatz. "Er ist absolut in der Lage, die notwendige Erneuerung vorzunehmen, ohne sich kopfüber ins Ungewisse zu stürzen", sagt Biografin Ambrogetti.

Schatten aus der Militärdiktatur

Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires geboren. Nach einer Ausbildung als Chemietechniker entschied er sich für das Priesteramt und wurde 1969 zum Priester geweiht. Schon nach vier Jahren wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens für Argentinien gewählt und leitete dann bis 1979 den Orden in dem lateinamerikanischen Land. Während dieser Zeit begann die Militärdiktatur, in deren Verlauf rund 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. In seiner Heimat wurde der Vorwurf erhoben, Bergoglio habe als Jesuiten-Provinzial während der Militärdiktatur Ordensbrüdern nicht ausreichend Rückendeckung gegeben.

Der ehemalige Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Buenos Aires, Fortunato Mallimacci, beschrieb ihn als einen Mann, der gegen jegliche Neuerung in der Kirche war und während der Diktatur große Nähe zum Militär pflegte. "Die Geschichte verurteilt ihn", so sein hartes Verdikt. Andere sagen zu seiner Verteidigung, für die Vorwürfe gebe es keinerlei Beweise. Vielmehr habe Bergoglio vielen Dissidenten geholfen, den Schergen der Junta zu entkommen.

1992 wurde Bergoglio von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt, 1998 wurde er Erzbischof des Bistums.

Es wird erwartet, dass der als medienscheu geltende Bergoglio die Kirche mit harter Hand und einer starken sozialen Ausprägung führen wird. Dass er aus seinen konservativen Einstellungen keinen Hehl macht, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010, als er die argentinische Regierung wegen der Legalisierung der Homo-Ehe angriff. "Wir dürfen nicht naiv sein. Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören", schrieb er in einem Brief wenige Tage vor Verabschiedung des Gesetzes.

Maradona lässt Grüßen

Für viele Argentinier hat die "Hand Gottes" wieder zugeschlagen. Doch diesmal feiern sie nicht einen Erfolg ihrer Fußball-Legende Diego Maradona, sondern den neuen Papst Franziskus I. Die Wahl des Kardinals von Buenos Aires zum ersten Papst aus Lateinamerika lässt die Herzen seiner Landleute höher schlagen. Die Argentinier strömen in die Kirchen und feiern die völlig überraschende Wahl des 76-jährigen zum Pontifex Maximus. Viele Menschen in dem überwiegend katholischen Land weinen und schicken Dankgebete zum Himmel. Sie hoffen, der Jesuit wird die Glaubwürdigkeit von Kirche und Vatikan nach den Skandalen der letzten Jahre wiederherstellen.

Auch in anderen lateinamerikanischen Ländern überwiegt die Freude. "Ein Südamerikaner ist einfach offener als andere, während ein Europäer verschlossener ist", sagt der Mitarbeiter eines Krankenhauses in Santiago de Chile: "Ein Wandel wie dieser - mit einem Lateinamerikaner im Zentrum - ist sehr wichtig für den Kontinent", freut sich der Mann.

"Ich bin froh", bekennt auch ein 49-jähriger Taxifahrer in Mexiko Stadt. "Ein Papst aus Europa wäre so gewesen, wie wenn man dasselbe Brot jeden Tag isst." Endlich habe die Kirche ein Tabu gebrochen, stimmt ein 43-jähriger Katholik vor den Toren der Kathedrale in Sao Paulo in Brasilien zu.

Lateinamerika, Kontinent der Katholiken

In Lateinamerika leben rund 42 Prozent aller 1,2 Milliarden Katholiken. In Europa sind es nur 25 Prozent. Die Papstwahl zeige, dass die Kirche nun nach Lateinamerika schaue, erklärt Orani Tempesta, Erzbischof von Rio de Janeiro.

Die Argentinier jedenfalls hoffen für ihr eigenes Land. "Das ist ein Segen für Argentinien", ruft eine Frau im Zentrum von Buenos Aires aus. "Ich hoffe, er macht all diesem Luxus im Vatikan den Garaus", erklärt Jorge Andres Lobato, ein pensionierter Staatsanwalt. Er wünsche sich, dass Bergoglio die Kirche in Richtung einer stärkeren Demut führen werde - "näher am Evangelium". Der neue Papst ist für seinen bescheidenen Lebensstil und seine Anteilnahme mit den in Armut lebenden Menschen bekannt.

Viele von Bergoglios Landsleuten sind von der Wahl ebenso überrascht wie die meisten Katholiken weltweit. Deswegen war für sie "wieder die Hand Gottes" im Spiel. So jedenfalls lauten spontane Kommentare auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Sie spielen an auf eine Äußerung des Fußballhelden Maradona, der im Viertelfinale bei der WM 1986 ein Tor mit der Hand erzielte. Für seine Gegner war es eine grobe Schummelei, für seien Verehrer ein Wink des Schicksals: Argentinien wurde später Weltmeister.

Twitter völlig verpapstet

Die Papst-Wahl war am Mittwoch natürlich das beherrschende Thema beim Online-Kurznachrichtendienst Twitter. Insgesamt brachte der Tag über sieben Millionen Tweets zu dem Thema, wie der Anbieter mitteilte. Nachdem der Argentinier Jorge Mario Bergoglio als neuer Papst Franziskus vorgestellt wurde, habe die Aktivität der Twitter-Nutzer mit 130.000 Mitteilungen pro Minute ihren Höhepunkt erreicht. Allein die Nachricht "HABEMUS PAPAM FRANCISCUM" vom offiziellen Vatikan-Konto "@pontifex" wurde mehr als 68.000 Mal von anderen Nutzern wiederholt.

Dem Papst auf Twitter folgen:

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa