Exportwunder Spanien – "Wir haben uns tatsächlich geändert"

Exportwunder Spanien – "Wir haben uns tatsächlich geändert"

Das wachsende Auslandsgeschäft ist einer der Lichtblicke in dem krisengeplagten Spanien mit einer Arbeitslosenquote von 27 Prozent in der allgemeinen Bevölkerung und 56 Prozent bei den Unter-25-Jährigen. Das kleine Exportwunder schürt Hoffnung auf ein nahendes Ende der jahrelangen Rezession in der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone.

Victor Alberola Salcedo musste im Jahr 2010 schockiert mitansehen, wie der Bau einer Vorortbahnlinie in Madrid aus Geldmangel vom Staat gestoppt wurde. Damit fiel auch für sein Unternehmen mit 16 Angestellten ein wichtiger Auftrag weg. Die schwerste Rezession in der 30-jährigen Geschichte der spanischen Demokratie hatte nun auch den Kleinunternehmer getroffen.

Der Auftrag vom Staat war buchstäblich die letzte Hoffnung für das Unternehmen Voxelstudios von Alberola, spezialisiert auf Promo-Videoproduktionen für Bauunternehmen. Bereits zuvor war der Auftragsbestand mit der Krise und dem Zusammenbruch zahlreicher Bau- und Immobilienunternehmen immer weiter geschrumpft. In dem Jahr, in dem der Auftrag platzte, fiel der Gewinn bei Voxelstudios um 76 Prozent. Alberola sah eine letzte Chance - und er ergriff sie. Er reiste ins Ausland, in die boomende Golfregion, nach Asien und Lateinamerika.

Das hat sich gelohnt. Das Unternehmen wurde mit Videoproduktionen in 3D-Technik für den Bau von U-Bahnen in den Hauptstädten von Panama, Argentinien und Katar beauftragt, ebenso wie für Straßen und Tunnels in Mexiko, Kuwait und in Hongkong. Voxelstudios konnte den Gewinn im Vergleich zu 2010 im letzten Jahr mehr als verdoppeln. 29 Prozent des Umsatzes stammen mittlerweile aus dem Auslandsgeschäft, nach weniger als einem Prozent im Jahre 2009. Niemand wurde entlassen, nicht einmal zu den aussichtslosesten Zeiten.

“Wären wir nicht ins Ausland gegangen, hätten wir heute nur noch halb so viele Mitarbeiter”, sagte der 35-jährige Alberola in seinem drei Räume umfassenden Büro-Atelier in Madrid. Alle Angestellten sind geblieben, “und wir haben nicht einmal die Gehälter kürzen müssen”, sagt er. Jeden zweiten Tag erzähle er seiner Frau, wie viel Glück sie gehabt hätten.

Modernisierung und Wandel

Unternehmer Alberola ist kein Einzelfall. Im letzten Jahr erreichten die Ausfuhren von Spanien mit 223 Mrd. Euro einen neuen Rekordwert - Tendenz steigend. Das wachsende Auslandsgeschäft ist einer der Lichtblicke in dem krisengeplagten Land mit einer Arbeitslosenquote von 27 Prozent in der allgemeinen Bevölkerung und 56 Prozent bei den Unter-25- Jährigen.

Das kleine Exportwunder schürt Hoffnung auf ein nahendes Ende der jahrelangen Rezession in der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone. Die krisenbedingte Auftragsflaute im Inland beschleunigte die Modernisierung und den Wandel zum Auslandsgeschäft. Damit wird zudem ein Schritt weg von den Wachstumstreibern der Vergangenheit, Bauindustrie und Tourismus, vollzogen.

“Es gibt einen qualitativen Wandel bei den Exporten hin zu höherwertigen Produkten”, sagt Wirtschaftsprofessor Pedro Nueno Iniesta von der IESE Business School in Barcelona. “Spanien wird mit Wein und Olivenöl immer seine traditionellen Agrarprodukte exportieren, aber es ist klar, dass hoch entwickelte Güter der Pharmabranche oder Autoteile in Zukunft eine bedeutendere Rolle in der spanischen Wirtschaft spielen werden”, sagt er.

Weg von Romantik, Feiern, Sonne, Sangria, Wein, Siesta und Paella

Auch in der spanischen Politik ist diese Erkenntnis mittlerweile angekommen. “Viele Unternehmen, die von der Inlandsnachfrage abhängig waren, sind mit der Krise verschwunden. Starke Exporte haben anderen Unternehmen hingegen durch die Krise geholfen”, stellte der Vize-Handelsminister Jaime Garcia-Legaz Ponce am 17. Mai fest. Spanische Unternehmer hätten damit eine bedeutende Lektion für die Zukunft gelernt.

In den Auslandsmärkten muss der Wandel sich weiter vollziehen, sagt Emilio Lamo de Espinosa vom königlich-spanischen Elcano-Institut. Der Ruf einer Nation im Ausland sei das Produkt einer langen Geschichte und das sei nicht einfach zu ändern, sagte er im März auf einer Veranstaltung zum Image Spaniens im Ausland.

“Mit uns werden die Attribute Romantik, Feiern, Sonne, Sangria, Wein, Siesta und Paella verbunden. Spanien wird als gutes Land zum Leben, für eine Urlaubsreise oder auch für den Ruhestand angesehen, aber nicht für die Arbeit”, sagte er auf einer Podiumsdiskussion.

Es sei klar, dass ein Kühlschrank mit dem Attribut “made in Germany” besser verkäuflich sei als einer, auf dem “made in Spain” stehe. Spanien fehle ein Ruf für Ernsthaftigkeit, Gewissenhaftigkeit, Effizienz und Verlässlichkeit, mahnte er.

Nach Einschätzung von Alberola von Voxelstudios ist der Wandel aber bereits in vollem Gang. Viele seiner spanischen Kunden hätten den Weg ins Ausland anfangs als Zeit- und Geldverschwendung angesehen. Einige von ihnen hätten später selbst den Schritt ins Auslandsgeschäft vollzogen, und deren Auslandstöchter seien nun ebenfalls seine Kunden.

“Die Spanier haben sich tatsächlich geändert und die Krise war der Auslöser”, sagt Alberola. “Ebenso wie für Olivenöl und Wein gilt doch - wer etwas verkaufen möchte, der muss sich von seinem Nachbarn unterscheiden”.

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