„Europa steht lange Stagnation wie in Japan bevor“

„Europa steht lange Stagnation wie in Japan bevor“

Professor Gunther Schnabl ist Leiter des Institutes für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig. Der in Stanford, Tübingen und Leuven promovierte und habilitierte Professor war auch Berater bei der Europäischen Zentralbank. Seine Forschungsschwerpunkte sind Währungspolitik, monetäre Krisen sowie Finanzmärkte in aufstrebender Volkswirtschaften.

Philoro: Unser Wirtschaftssystem ist stark auf Wachstum ausgerichtet. Ist das auch in Zukunft das richtige Wirtschaftsmodell?

Schnabl: Wir haben zwar einen hohen Grad an Wohlstand erreicht, aber wir brauchen Wachstum um Verteilungskonflikte zu vermeiden. Wenn eine Bevölkerungsgruppe, beispielsweise Ärzte, höhere Löhne fordert, ist das bei Nullwachstum nur auf Kosten einer anderen Bevölkerungsgruppe, etwa den Krankenschwestern, möglich. Stagniert das Wachstum, was für die kommenden Jahre kein unrealistisches Szenario ist, dürften sich Verteilungskonflikte mehren.

In Ihrem Blog haben Sie bereits Anfang letzten Jahres das Aufblasen von Zentralbankbilanzen kritisch beleuchtet. Kommt die Europäische Zentralbank ihrer Aufgabe nach wie vor nach, für Geldwertstabilität zu sorgen?

Schnabl: Es ist der Europäischen Zentralbank zwar in vorbildlicher Weise gelungen die Preise stabil zu halten, allerdings hat das unkontrollierte Aufblasen der Zentralbankbilanzen - als Reaktion auf Finanzmarktkrisen - zu unkontrollierbaren Spekulationswellen auf den Finanzmärkten geführt. Diese ziehen ähnliche Effekte wie Inflation nach sich. Die Folgen sind Umverteilungseffekte zugunsten weniger Privilegierter, Druck auf die Reallöhne großer Bevölkerungsschichten und sinkende Investitionen und Wachstum.

Sind negative Effekte durch die Vorgehensweise der EZB bereits ersichtlich?

Schnabl: Dies ist in Industrieländern, vor allem in Japan und Europa offensichtlich. Aus meiner Sicht dürfen die Zentralbanken deshalb die Auswirkungen sehr expansiver Geldpolitik auf den Finanzmärkten in Form von Boom-und Krisen-Zyklen nicht mehr länger ignorieren. Sie sollten ihre Bilanzen endlich im Zaum halten.

Glauben Sie, dass wir uns aktuell in einer Katastrophenhausse befinden, oder sehen sie eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung?

Schnabl: Die derzeitige wirtschaftliche Erholung wird weitgehend von billigem Geld getragen und ist nicht nachhaltig. Die Frage ist nur, ob es irgendwann zum großen Crash kommt. Ich denke eher nicht, da der große Kollaps immer durch eine Verstaatlichung des Finanzsektors verhindert werden kann. Wir dürften diesen Weg schon weiter gegangen sein, als viele denken mögen. Mein Szenario ist deshalb eher ein japanisches: eine lang anhaltende Stagnation mit einzelnen Erholungsphasen bei schleichendem Wohlstandsverfall.

Ist es sinnvoll eine Intervention in die Finanzmärkte der Politik zu überlassen oder sollen die Märkte sich selbst überlassen werden?

Schnabl: Kurzfristig sind Interventionen sinnvoll, weil sie in der Not die Finanzmärkte stabilisieren und Ansteckungseffekte verhindern. Langfristig sind sie der Nährboden für neue spekulative Blasen und noch größere Krisen. Deshalb wäre es zielführend gewesen, schon in den 80er Jahren bei Finanzmarktkrisen die Märkte sich selbst zu überlassen. Damals hätten die Selbstheilungskräfte des Marktes noch ohne große Krisen wirken können. Das wäre ein Signal an die Märkte gewesen, nicht zu spekulieren. Weil dem aber nicht so war, antizipieren heute die Finanzmärkte die öffentlichen Rettungsaktionen und spekulieren deshalb
umso freizügiger. Inzwischen ist das Krisenpotential, das man aufgebaut hat, so groß, dass geldpolitische Rettungsaktionen unvermeidbar sind.

Die Weltwirtschaftskrise 2008/09 war das Resultat von Exzessen im Immobiliensektor, von Fehlinvestitionen, spekulativen Blasen, ausgelöst durch ein Überangebot von billigem Geld. Wurden diese Fehlentwicklungen korrigiert?

Schnabl: Nur bedingt. Dadurch dass die Finanzmärkte mit noch mehr billiger Liquidität geflutet wurden, wurden viele Fehlentwicklungen einfach zugedeckt bzw. zementiert. Es wurden zwar in den europäischen Krisenländern einige Reformen auf den Weg gebracht, doch entstehen aufgrund der beispiellosen geldpolitischen Rettungsaktionen neue Verzerrungen. Das beste Beispiel sind viele Aktienmärkten und Märkten für Unternehmensanleihen. Ebenso sehe ich immense Verzerrungen in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften.

Das Ausmaß der Verschuldung in den OECD-Staaten beträgt teilweise ein Vielfaches des jeweiligen BIPs. Ein wichtige Ursache dafür ist, dass die Verschuldung des Finanzsektors in die öffentlichen Haushalte transferiert wurde. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Schnabl: Auch diese Entwicklung geht von den Zentralbanken
aus. Diese emittieren billige Liquidität, die die Finanzinstitutionen zur Spekulation verleitet. Wenn spekulative Blasen platzen, kommen die Finanzinstitute in Schieflage und müssen vom Staat gerettet werden. Entweder müssen diese mit Steuergeldern rekapitalisiert werden, was schmerzhaft ist, oder mit frischem Geld geflutet und so stabilisiert werden. Doch das ist ein Teufelskreis.

Die Angst vor hoher Inflation geht um. Viele haben Angst, dass ihr Vermögen stark entwertet wird. Ist die Angst begründet?

Schnabl: Mit Blick auf die Bilanzen der Zentralbanken, die
immens aufgeblasen wurden, ist die Inflationsangst begründet. Allerdings haben wir in den letzten Jahrzehnten beobachtet, dass strukturelle Zinssenkungen gegen Null nicht mit dem Anstieg von Konsumentenpreisinflation verbunden waren. Die Inflation hat mehr in den Finanz- als in den Gütermärkten stattgefunden. Das Ergebnis ist übrigens ähnlich wie das von Inflation. Verschuldung wird begünstigt. Mit der steigende Inflation der globalen Vermögenspreise ist ein Rückgang des Wachstums verbunden, ebenso dass nur einige wenige davon profitieren. Mich beunruhigt die reale Entwertung von Ersparnissen durch Finanzmarktrepression, wie sie in vielen Industrieländern bereits zu beobachten ist.

Wie hoch sollte der Goldbestand eines Landes wie Deutschland sein, um einen effektiven Inflationsschutz bieten zu können?

Schnabl: Gold kann dazu beitragen, bei inflationären Tendenzen
auf Güter- und Vermögensmärkten einem Vermögensverlust entgegenzuwirken. Allerdings ist der Goldpreis auch großen Schwankungen unterworfen. Einen optimalen Goldbestand kann man leider sehr schwer bestimmen.

Sehen Sie in den Industrieländern derzeit eher inflationäre oder deflationäre Tendenzen?

Schnabl: Neuer Instabilität auf den internationalen Finanzmärkten dürfte mit noch größerer monetärer Expansion
durch die Zentralbanken begegnet werden. Dies muss nicht zwingend zu Inflation führen. Denkbar ist auch, dass es, wie in Japan, zu einer schrittweisen Verstaatlichung des Finanzsektors und damit indirekt auch der Unternehmen kommt. Die Versuchung könnte auch groß sein, inflationären Tendenzen auf Güter- und Finanzmärkten mit Preiskontrollen zu begegnen. Das Ergebnis wäre die schrittweise Verstaatlichung unseres Wirtschaftssystems, die mit einer anhaltenden Stagnation cum Deflation verbunden wäre. Diese Entwicklung könnte mit einer sinkenden Geldumlaufgeschwindigkeit verbunden sein.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Inflationsrate??

Schnabl: Die aktuelle Inflationsrate ist aus meiner Sicht
angemessen. Selbst eine Deflation von 1% wird aus meiner
Sicht die Menschen nicht dazu bewegen, Konsum in die Zukunft zu verschieben.

Vor mehreren Dekaden war im sogenannten
Bretton-Woods-System der Dollar als Leitwährung mit Gold hinterlegt. Was würden Sie von einem neuerlichen Goldstandard halten und welche wäre die Leitwährung?

Schnabl: Das Bretton-Woods-System war so lange stabil,
solange die USA als Leitwährungsland geldpolitische
Stabilität verfolgten. Als die USA zu hohe Staatsausgaben mit der Notenpresse zu finanzieren begannen, wurden inflationäre Dollars in Gold getauscht. Der Verlust der Goldreserven hat die USA schließlich dazu bewegt, die Goldbindung des Dollars aufzulösen. Dies hat in
Europa zu einer Entkopplung vom Dollar geführt.

Warum ist der Dollar nach wie vor die Leitwährung?

Schnabl: Der Rest der Welt ist aus Mangel an Alternativen an den Dollar gebunden geblieben, so dass der Dollar auch ohne Goldbindung nach wie vor Weltleitwährung ist. Leider verleitet dieser informelle Dollarstandard, der Giganten wie China, Japan und Indien umfasst, die USA dazu hohe Kosten von Kriegen und Finanzmarktstabilisierung auf die Peripherieländer des Weltdollarstandards zu verschieben. Eine erneute Kopplung des Dollar an Gold könnte helfen, die Instabilität zu vermeiden, die mit der äußerst expansiven Geldpolitik der USA verbunden ist. Allerdings müsste dazu die USA die Initiative ergreifen. Das ist eher unwahrscheinlich.

Welche Rolle könnte ihrer Meinung nach Gold
in einer modernen Finanz- und Wirtschaftswelt spielen?

Schnabl: Ich sehe derzeit für Gold keine zentrale Rolle
im Weltwährungssystem. Allerdings könnte die Nachfrage nach Gold weiter steigen, wenn mit der anstehenden geldpolitischen Straffung in den USA die Instabilität in aufstrebenden Volkswirtschaften und den Finanzmärkten in den großen Industrieländern wieder zunimmt. Da die
Wertaufbewahrungsfunktion des Dollars und aller anderen Währungen untergraben würde, könnte die Attraktivität des Goldes weiter steigen.

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