EU-Musterschüler Lettland erlebt "Exodus der Verzweifelten und Qualifizierten"

EU-Musterschüler Lettland erlebt "Exodus der Verzweifelten und Qualifizierten"

Sinkende Gehälter und keine Perspektive: Immer mehr Menschen verlassen auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat Lettland. Mehr als 108.000 Letten haben nach offiziellen Statistiken zwischen 2009 und 2011 das EU-Land verlassen.

"Zuletzt flossen alle Einkünfte direkt an die Bank zurück. Wir hatten gar keine andere Wahl als wegzugehen", sagt Ingvars Helmanis, der nach Lohnkürzungen den Kredit für sein Haus nicht mehr bedienen konnte. Mit einem neuen Programm will die Regierung nun Menschen wie Helmanis, der nach Schottland zog, Anreize für eine Heimkehr bieten.

Mehr als 108.000 Letten haben nach offiziellen Statistiken zwischen 2009 und 2011 das EU-Land verlassen. Nur noch etwas mehr als zwei Millionen Menschen leben in der kleinen Baltenrepublik - das sind 13 Prozent weniger als zur Jahrtausendwende. "Der Braindrain stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Zukunft Lettlands dar", warnt Präsident Andris Berzins.

Ähnlich alarmierend ist die Situation in den beiden anderen baltischen Staaten Estland und Litauen. Wegen niedriger Geburtenraten und zunehmender Vergreisung drohten die drei kleinen Völker an der Ostsee auszusterben, meinen Soziologen gar.

Dabei schien vor ein paar Jahren die Welt für Helmanis noch in Ordnung. Lettland erlebte als "baltischer Tiger", wie der Ostseestaat aufgrund seiner zweistelligen Wachstumsraten nach dem EU-Beitritt 2004 bezeichnet wurde, einen rasanten Wirtschaftsaufschwung. "Die Banken haben damals sorglos Kredite vergeben - und wir haben sie leichtfertig angenommen", erzählt Helmanis im Fernsehen.

Die Zukunft wird verspielt

Doch dann kam die Krise, die Lettland stärker als jedes andere EU-Land traf, und für die Bürger schmerzhafte Einschnitte brachte. Als die Wirtschaft zwischen 2008 und 2010 um mehr als 20 Prozent einbrach, reagierte die Regierung in Riga mit einem drastischen Sparkurs. Die öffentlichen Ausgaben wurden radikal gekürzt und die Steuern erhöht. Es kam zu Entlassungen und Gehaltseinschnitten - die Arbeitslosigkeit schnellte bis auf 20 Prozent hoch. Die Folge war ein Exodus der Verzweifelten und Qualifizierten.

Und das ist noch nicht das Ende: Etwa die Hälfte aller Letten plant nach Umfragen, in naher Zukunft das Land zu verlassen. Umgekehrt wollen nur 20 Prozent der Auswanderer innerhalb der nächsten fünf Jahre zurückkehren. "Es gibt keine Stabilität. Man kann nicht sicher sein, dass man seinen Job behält und ein geregeltes Einkommen erzielt, einen Kredit aufnehmen, heiraten und Kinder haben kann", meint die 30-jährige Frankreich-Auswanderin Irena.

Das Geld ist knapp. Im Durchschnitt verdienen die Letten etwa 680 Euro im Monat. Mehr als ein Viertel aber muss mit dem Mindestlohn von rund 290 Euro auskommen. Das Land, das 2014 den Euro einführen will, besitzt mit das höchste Armutsrisiko in Europa.

Eindringlich verweist Irena auf die unzureichende Unterstützung von Familien - pro Kind erhielten Eltern lediglich elf Euro im Monat. Zudem gebe es zu wenig Kinderärzte und Kindergärten. Auch Präsident Berzins räumt ein, die meisten Menschen verspürten trotz des Endes der Krise bisher keine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation.

Ein neues Programm soll nun Exil-Letten zur Rückkehr motivieren. Das Wirtschaftsministerium rechnet mit 120.000 neuen Arbeitsplätzen bis 2030. Besetzt werden sollen sie vorwiegend mit Auswanderern, denen die Regierung zudem finanzielle Anreize und praktische Unterstützung in Aussicht stellt. Doch der Spielraum ist eng: Für kommendes Jahr sieht der Plan 1,1 Millionen Euro vor.

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa