"Es ist nicht glaubwürdig, dass es ’too big to fail’ nicht mehr gibt”

"Es ist nicht glaubwürdig, dass es ’too big to fail’ nicht mehr gibt”

Kaum eine Entscheidung der US-Regierung stand so in Verruf wie die Bankenrettungen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Republikaner und Demokraten, Lobbygruppen der Finanzindustrie und Aufseher, Wall-Street-Manager und Präsident Barack Obama versprechen nun einhellig, dass Steuerzahler nie mehr für die Rettung einer angeschlagenen Bank zahlen müssen.

Vor drei Jahren verabschiedete der US-Kongress das Dodd-Frank Gesetz, eine Finanzmarktreform, die auch Regelungen zur Abwicklung angeschlagener Finanzinstitute enthält. So sollte der allgemeinen Auffassung ein Ende gesetzt werden, dass einige Banken zu groß seien, um zusammenbrechen zu dürfen (“too big to fail”).

“Aufgrund dieser Reform werden die amerikanischen Staatsbürger nie wieder die Zeche für die Fehler der Wall Street zahlen müssen”, hatte Obama am 15. Juli 2010 gesagt. “Es wird keine Rettungspakete aus Steuergeldern mehr geben - Punkt.”

Vater Staat wird's nach wie vor machen

Anleger - wie sich nun herausstellt - teilen diese Überzeugung nicht, berichtet zumindest das Magazin Bloomberg Markets in seiner Juni-Ausgabe. Nach einer Studie von Deniz Anginer, ein Finanzökonom der Weltbank, setzen Anleger nach wie vor darauf, dass Vater Staat den Finanzgiganten eine Rettungsleine zuwerfen wird, wenn sie ins Trudeln geraten sollten. Und das bringt finanzielle Vorteile für die US-Großbanken mit sich.

Die Anleihegläubiger der sechs größten US-Banken sind so tief überzeugt, dass die Regierung im Fall der Fälle rettend einspringen wird, dass sie niedrigere Erträge akzeptieren. Das entspricht Berechnungen von Anginer zufolge von 2009 bis Ende 2011 einer Marktsubvention im Umfang von 82 Milliarden Dollar.

Zahlreiche finanzielle Vorteile für US-Großbanken

Die sechs US-Großbanken Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs Group, JPMorgan Chase, Morgan Stanley und Wells Fargo profitieren seit Ende 2008 auch von Steuervergünstigungen und der Freigiebigkeit der US- Notenbank in Form zusätzlicher Einnahmen durch Fed-Käufe von Hypotheken-Bonds und Zinsen auf Bankeinlagen bei der Zentralbank.

Unter dem Strich belaufen sich die finanziellen Vorteile für die sechs größten Banken seit Anfang 2009 auf mindestens 102 Milliarden Dollar, wie Daten von Bloomberg zeigen.

Anleihegläubiger großer US-Banken bauen nach Angaben von Anginer seit mindestens 20 Jahren darauf, dass der Staat den Banken unter die Arme greift. Die Studie führte er mit Viral Acharya, einem Finanzprofessor der Stern School of Business an der New York University, und Joseph Warburton, einem Professor für Rechts- und Finanzwissenschaften der Syracuse University, durch. Sie basiert auf 84.000 Datenpunkten von 567 Finanzunternehmen seit 1990.

Die implizierte Staatssubvention

Die Wissenschaftler betrachteten insbesondere die Differenz zwischen dem, was Banken ihren Gläubigern zahlen und dem was Investoren durch das Halten von US-Staatsanleihen einnehmen. Das Ergebnis zogen sie von dem entsprechenden Differenzwert für kleinere Banken ab. Nach Berücksichtigung der Unterschiede bei den Risiken, die nicht im Zusammenhang mit der Bankengröße stehen, berechneten sie so den Wert der implizierten Staatssubvention.

Der Abschlag für die obersten 10 Prozent der US-Banken belief sich zwischen 1990 und 1010 im Schnitt auf einen Wert von 20 Milliarden Dollar pro Jahr. 2009, als der Kreditmarkt austrocknete und die Regierung die Großbanken stützte, kletterte der Abschlag bei der Fremdkapitalaufnahme demnach auf etwa 100 Milliarden Dollar.

“Die großen Banken erhalten Rückendeckung durch die Steuerzahler, und damit wissen die Anleger, die ihnen Geld leihen, dass sie es zurückerhalten werden”, sagte Cornelius Hurley, Direktor beim Center for Finance Law & Policy an der Boston University und ehemaliger Assistant General Counsel bei der Fed. “Es ist nicht glaubwürdig, dass es ’too big to fail’ nicht mehr gibt.”

Ratings würden ohne Aussicht auf Finanzhilfe schlechter ausfallen

Auch Ratingagenturen sind nicht der Ansicht, dass die Wahrscheinlichkeit staatlichen Rettungsaktionen gewichen ist. Nach Angaben von Moody’s, der zweitgrößten US- Ratingagentur, fallen die Bonitätsnoten der sechs größten US- Banken aufgrund der impliziten Aussicht auf Finanzhilfen zwei bis drei Stufen besser aus. Höhere Ratings sorgen für bessere Konditionen bei der Mittelaufnahme am Kapitalmarkt.

Die Ratings von Goldman Sachs, Wells Fargo und Morgan Stanley würden ohne das Sicherheitsnetz des Steuerzahlers zwei Stufen tiefer liegen, geht aus einer Studie von Moody’s vom 27. März hervor. Jene von Bank of America, Citigroup und JPMorgan fielen ohne die Rückendeckung des Steuerzahlers sogar drei Stufen niedriger aus.

Die Schuldverschreibungen der Holdinggesellschaften von Bank of America und Citigroup, der nach Bilanzsumme zweit- und drittgrößten US-Banken, würden sogar auf Ramschniveau fallen, wenn es die implizite Staatsgarantie nicht gebe, erklärte Senior Vice President David Fanger von Moody’s. “Bei ihnen gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für staatliche Stützungsmaßnahmen”, fügte Fanger an.

Pro Bankenrettung

Es gibt aber auch Stimmen, die ein staatliches Rettungsnetz befürworten und auf die Pleite der drittgrößten US- Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 verweisen, die die längste Rezession in den USA seit den 1930er Jahren verschärft hatte.
“Der größte Fehler wäre, ein bedeutendes Finanzinstitut zusammenbrechen zu lassen”, sagte Gabriel Borenstein, Managing Director von Enclave Capital LLC in New York. “Die Folgeereignisse, die vor allem psychologischer Natur wären, können nicht quantifiziert werden”, warnte er. “Ein weiterer Kollaps wie bei Lehman Brothers könnte eine mögliche Implosion auslösen.”

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