Erdogan und die Araber – Von der Kultfigur zum Autokraten

Erdogan und die Araber – Von der Kultfigur zum Autokraten

Die Fernsehbilder von der Niederschlagung der Proteste auf dem Istanbuler Taksim-Platz haben den Glanz Erdogans bei vielen Menschen in der Region schwer angekratzt. Auf den Straßen heißt es vielerorts, Erdogan sei nicht viel besser als die Autokraten, die man zu Hause gestürzt habe.

Erdogan hat zweifellos noch immer zahlreiche Fans in der arabischen Welt, allerdings nicht mehr wie damals über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg. Das Ansehen des konservativ-islamischen Türken ist mittlerweile genauso gespalten wie die Bündnisse aus religiösen und säkularen Gruppen, die die Machthaber in Ägypten, Tunesien und Libyen gestürzt haben.

In Tunesien, der Wiege des arabischen Frühlings, wurde Erdogan vergangene Woche von der islamistischen Regierung herzlich empfangen, während zeitgleich die türkische Polizei Demonstranten auf den Straßen Istanbuls zusammenknüppelte. Bei den Tunesiern war - anders als 2011 - kein Enthusiasmus wegen des Besuchs zu spüren. Damals galt Erdogan noch als Vater eines Modells, in dem die Verbindung aus Islam, Demokratie und Wohlstand geglückt war.

"Erdogan war nur ein Strohfeuer", sagt Haykel Jbeli, ein junger U-Bahn-Fahrer in Tunis: "Nachdem er so viel über Menschenrechte gesprochen hat, haben die Ereignisse auf dem Taksim-Platz sein wahres Gesicht enthüllt." In Kairo, wo die Liberalen fürchten, dass Präsident Mohammed Mursi die Scharia einführen wird, sind die gleichen Töne zu hören. Dass Erdogan säkulare Türken verspotte und die Polizei gegen Demonstranten schicke, habe in Ägypten viele einstige Bewunderer gegen den einstigen Helden vom Kairoer Tahir-Platz eingenommen, sagt Chaled Dauud, der damals demonstriert hat. 2011 war Erdogan unter den ersten Regierungschefs der Region, die dem früheren Präsidenten Husni Mubarak sagten, seine Zeit sei abgelaufen.

"Wir sehen Erdogan nicht als mehr einen moderaten Islamisten, der das bestehende demokratische Modell erhalten will", sagt Dauud: "Im ägyptischen Volk gilt Erdogan mittlerweile als Unterstützer der Muslimbruderschaft Mursis." Hamma Hammami von der weltlich ausgerichteten Volksfront in Tunesien wird noch deutlicher: "Erdogan ist ein Diktator."

Religiöse verteidigen Erdogans Kurs

Zum Gesamtbild gehören aber auch viele andere Stimmen. Vor neun Monaten hatte eine Umfrage in mehreren arabischen Ländern ergeben, dass Erdogan einer der populärsten Politiker der islamischen Welt ist - gleich hinter dem saudischen König Abdullah, dem als Hüter der heiligen Stätten in Mekka eine Sonderstellung zukommt. Während bei den weltlich ausgerichteten Arabern der Unmut über Erdogan wächst, wird er von seinen religiösen Bewunderern gestützt. In Bengasi, wo die libysche Revolte gegen Muammar Gaddafi ihre Basis hatte, sagt der 25-jährige Ali Mohammed: "Erdogan hat das Recht, die Demonstranten zu stoppen." Die Proteste schadeten der türkischen Wirtschaft.

In Libyen, wie in allen arabischen Ländern, sorgt der türkische Wirtschaftsaufschwung bei vielen weiter für Staunen. "Erdogan hat so viel für die Türkei getan", sagt der libysche Ingenieur Ahmed Musa: "Ihn jetzt zum Rücktritt aufzufordern, ist einfach verrückt." Andere preisen, dass Erdogan sich vom langjährigen türkischen Verbündeten Israel gelöst habe.

Auch ein anderer früherer Freund, der syrische Machthaber Baschar al-Assad, hat die Pranke Erdogans gespürt. Bei den syrischen Rebellen bleibt er deshalb populär. Leena al-Schami, eine prominente Assad-Gegnerin, die aus Damaskus nach Istanbul geflohen ist, warnt die türkischen Liberalen vor Vergleichen zwischen den Demonstranten auf dem Taksim-Platz und Arabern, die in Diktaturen leben: "Wären das Assads Truppen gewesen, hätten sie Hunderte, vielleicht sogar Tausende auf dem Platz getötet."

Erdogans Ansehen bei den arabischen Nachbarn sei zwar angekratzt, sagt der Soziologe Chalid al-Dachil. Seine "Aura der Immunität" gegenüber Protesten im eigenen Land sei verflogen. Dass er wie die früheren Machthaber in Libyen, Ägypten und Tunesien aus dem Amt geworfen werde, sei aber unwahrscheinlich.

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