„Ein neuer, starker Wirtschaftszyklus könnte bevorstehen“

„Ein neuer, starker Wirtschaftszyklus könnte bevorstehen“

Philippe Waechter ist Chefvolkswirt von Natixis Global Asset Management. Die Investmentgesellschaft mit rund 30 Investmentboutiquen in Europa und den USA verwaltet ein Vermögen von 838 Milliarden Dollar und ist damit die 15. größte Investmentgesellschaft der Welt und ist damit größer als Invesco, BNP Paribas Investment oder UBS Global Asset Management.

Format: Die Weltwirtschaft erholt sich, die Konjunkturdaten großer westlicher Länder verbessern sich. Wird dieser Trend anhalten?

Waechter: Seit vergangenem Sommer ist das Momentum der globalen Wirtschaft deutlich stärker geworden. Die USA übernehmen dabei die Führung. Der gesamte Handel zieht seither an und hat sich im letzten Quartal 2013 fast verdoppelt. Auch die Industrieproduktion ist seit Sommer deutlich gestiegen. Das führt zu einer Verbesserung auf allen Ebenen und die allgemeine Unsicherheit sinkt.

Wie stark ist die US-Wirtschaft tatsächlich und wie nachhaltig ist die Entwicklung?

Waechter: Bereits in der zweiten Hälfte 2013 ist das US-Wirtschaftwachstum um 3,7 Prozent gestiegen. Für 2013 geht der Konsensus von einem dreiprozentigen Wachstum aus. Ursache für den starken Aufschwung ist, nach massiven Restrukturierungen, eine anspringen des Konsums. Denn die Arbeitslosigkeit sinkt und das Problem der hohen Verschuldung privater Haushalte ist praktisch ausgestanden. Der Erholungsprozess ist auf ein neues, höhes Niveau geklettert. Auch der gesamte Welthandel gewinnt an Fahrt und könnte zu einem neuen starken Wirtschaftszyklus führen.

Wie schätzen Sie die Situation in Europa ein?

Waechter: Die Euro-Zone ist zwar der Rezession entkommen, aber die Wachstumdynamik ist minimal. Dennoch entwickelt sich die Wirtschaft in den einzelnen Staaten nach wie vor sehr differenziert. Deutschland steht mit seinem hohen Wachstum an der Spitze, gefolgt von Österreich, Belgien und Frankreich. In diesen Ländern ist das Wirtschaftswachstum wieder so hoch wie vor der Krise oder höher. Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland sind jedoch noch meilenweit vom Vorkrisenniveau entfernt. Diese inhomogene Entwicklung bedeutet nichts anders, als dass die Maßnahmen, die die EZB gesetzt hat, keine Wirkung gehabt haben.

Trotz der schwachen Entwicklung in Europa steht der Euro kurz vor einem neuen Jahreshoch. Experten prognostizieren gar einen Anstieg auf 1,39 Dollar. Ist der starke Anstieg des Euro gerechtfertigt?

Waechter: Mittlerweile ist innerhalb der beiden Währungen ein großes Ungleichgewicht entstanden, was eine starke Anpassung des Euro nach unten notwendig macht. Es mehren sich auch bereits Anzeichen, dass Europa die Zinsen senken wird und in den USA diese moderat steigen werden. Dollar rauf, Euro runter ist also ein wahrscheinliches Szenario.

In Europa ist der Spielraum für Zinssenkungen allerdings gering. Was kann die Wirtschaft zusätzlich in Schwung bringen?

Waechter: Europa ist tatsächlich in einer schwierigen Situation. Von der EZB sollte man sich nicht erhoffen, dass sie die Wirtschaft anzukurbelt. Die Zentralbänker in Europa haben im Grunde keine Ahnung wie sie die Liquidität erhöhen soll. Das bedeutet auch, dass die EZB keine Instrumente hat, um deflationäre Tendenzen zu verhindern.

Welche Auswirkungen hat diese Machtlosigkeit der EZB auf die EU?

Waechter: Es bleibt den Staaten nichts anderes übrig, als sich selbst so gut wie möglich der Situation anzupassen. Für Unternehmen bedeutet das, dass sie die eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern müssen. Sie müssen, wie etwa die USA, Produkte auf den Markt bringen, die man unbedingt haben will. Ein schwieriger Prozess für Europa. Mercedes ist zum Beispiel bereits ein solches Produkt, bei Peugeot beispielsweise ist das wieder eine andere Geschichte. Aber nicht nur Firmen müssen sich den Auswirkungen der Wachstumsschwäche anpassen, auch die Menschen müssen zurückstecken und sich Redimensionierung. Denn die Einkommen werden in vielen Ländern sinken. Die Gefahr neuerlich in eine Rezession zu schlittern, ist nicht vom Tisch.

Der Ölpreis ist derzeit sehr niedrig. Firmen können nun zu günstigeren Konditionen produzieren. Das wäre doch eine günstige Voraussetzung um die Wirtschaft anzukurbeln.

Waechter: Grundsätzlich ist ein niedriger Ölpreis für die Wirtschaft von Vorteil, aber da wir derzeit mit einer sehr niedrigen Inflation kämpfen, ist das nicht der Fall. Die Förderquoten sind derzeit an einem Höchststand angelangt. Durch den anhaltend niedrigen Ölpreis gibt es auch keinen Druck auf die Preise und treibt die Inflation auch nicht nach oben, was für Europa aber gut wäre um nicht so nahe am Rande einer Rezession zu schrammen.

Welche Länder sind besonders den Gefahren einer Deflation ausgesetzt?

Waechter: Griechenland und Zypern sind bereits mitten in einer Deflation. Griechenland weist eine Inflationsrate von knapp minus zwei Prozent auf, Zypern von minus 1,5 Prozent. Portugal, Irland und Spanien sind nah dran in die Deflation zu schlittern.

Schwappt diese positive Dynamik, die die deutsche Wirtschaft derzeit aufweist, nicht auf andere EU-Staaten über?

Waechter: Leider nicht. Der Großteil der deutschen Exporte geht nach Asien. Auf andere europäische Staaten ist der Warenaustausch sehr beschränkt und deren Dynamik damit ohne nennenswerte Auswirkungen.
Was sind die größten Probleme mit denen diese Länder und die EU generell zu kämpfen hat.

Waechter: Die Konsumnachfrage ist in den meisten Ländern schwach bis sehr schwach. Hinzukommt, dass der Euro so stark ist, wodurch die Deflationsdynamik von außen importiert wird.

Reicht ein Prozent Wachstum in Europa fürs erste nicht aus, um die Wirtschaftsmotor zumindest etwas anzukurbeln und die Deflation zu überwinden?

Waechter: Ein Prozent Wachstum ist nicht genug, um neue Jobs entstehen zu lassen. Zudem sinkt bei diesem niedrigen Wachstum die soziale Sicherheit und der Lebensstandard muss über kurz oder lang nach unten angepasst werden.

Gibt es auch Hoffnung auf ein dynamischeres Wachstum in Europa?

Waechter: Ja. Der Hoffnungsträger für Europa ist die USA. Das Land ist derzeit der Wachstumsmotor des aktuellen Wirtschaftszyklus und hat China abgelöst und stimuliert auch das Wachstum in Europa. Eine gute Nachricht für Europa ist auch, dass das systemische Risiko stark gesunken ist. Das bedeutet, die Entwicklung in Spanien ist unter Kontrolle, wenn die Probleme dort auch weiterhin groß sind. Portugal und Irland haben nie ein Risiko dargestellt, dass die EU bedroht. Was bleibt sind spezifische Risiken wie hohe Arbeitslosigkeit und ein hoher Grad an Verschuldung in diesen Ländern. Das Ziel ist jedoch in erster Linie die Exporte in allen EU-Staaten anzukurbeln.

Wie wird sich Asien ihrer Ansicht nach weiter entwickeln, wenn China als Wachstumslokomotive schwächelt?

Waechter: Seit China im Jahr 2010 der Welthandelsorganisation beigetreten ist, lagen die Import- und Exportraten in den vergangenen Jahren im hohen zweistelligen Bereich. Die chinesische Regierung hat aber beschlossen, die interne Situation besser in den Griff zu bekommen und strebt deshalb ein langsameres, geordnetes Wachstum an – mit erheblichen Auswirkungen für die anderen asiatischen Staaten.

Warum trifft die Verlangsamung des Wachstums in China andere Emerging Markets so stark?

Waechter: Nehmen wir das Beispiel Brasilien. Das Land hat enorme Mengen an Rohstoffen nach China exportiert. Anstatt aber während dieser Zeit mit Investitionen das Wachstum auch auf anderen Ebenen anzukurbeln, hat es, in der Annahme die hohe Nachfrage in China würde noch lange anhalten, Schulden angehäuft. Jetzt ist Brasilien hoch verschuldet und so arm wie zuvor. In fünf von sieben der vergangenen Quartale war das Wachstum in Brasilien negativ. Eine ähnliche Entwicklung kann in vielen Schwellenländern beobachtet werden. Viele wissen jetzt nicht wie sie ihr hohes Leistungsbilanzdefizit wieder sanieren sollen.

Wie sehen sie die Zukunft von Ländern wie die Türkei oder Indonesien?

Waechter: Die Situation, die wir in den vergangenen zehn Jahren hatte, war sehr speziell. China hat in dieser Zeit einen starken Wachstumstrend vorgegeben, der nicht mehr existiert. Schwellenländer, die besonders stark davon profitiert haben, müssen nun ihr eigenes Wachstumsmodell entwickeln. Aber ich denke, das wird nicht allzu lange auf sich Warten lassen und in ein, zwei Jahren werden diese Länder wieder ein starkes Comeback liefern.

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