"Doch, es gibt 'den' Deutschen – das ist die Frau Bundeskanzlerin"

"Doch, es gibt 'den' Deutschen – das ist die Frau Bundeskanzlerin"

Vielleicht liegt es an der prächtigen Kulisse des goldenen Alexandersaals im Kreml, vielleicht auch nur daran, dass der sonst so betont sportliche Wladimir Putin derzeit gesundheitlich angeschlagen und deshalb etwas milder gestimmt ist.

Jedenfalls liefern Angela Merkel und Putin am Freitag im Moskauer Präsidentensitz das Kunststück ab, sich einen ungewohnt offenen politischen Schlagabtausch zu liefern und trotz großer Vorwürfe nie die Leichtigkeit zu verlieren - was beiden danach sogar ein Lächeln abringt.

Dabei ist dies vor der Sitzung des Petersburger Dialoges, der seit Jahren breite gesellschaftliche Gespräche zwischen beiden Staaten organisiert, alles andere als einfach. Denn auf deutscher und russischer Seite gingen die Emotionen in den vergangenen Wochen hoch. In Deutschland sitzt trotz florierender Wirtschaftsbeziehungen die Enttäuschung tief, dass Putin in seiner dritten Amtszeit das Vorgehen gegen die Opposition verschärft statt gelockert hat - was sogar zu einer scharfen Bundestagsresolution führte. In der russischen Führung reagiert man dagegen zunehmend dünnhäutig auf die Kritik aus dem Westen, zumal man sich von den hoch verschuldeten Europäern im Überschwang der eigenen guten Finanzlage ohnehin nichts mehr sagen lassen will. Und die deutsch-russische Diplomatiegeschichte kennt bitterböse öffentliche Dispute über Menschenrechtsfragen - etwa zwischen Außenminister Guido Westerwelle und seinem Kollege Sergej Lawrow oder 2007 zwischen Merkel und Putin.

Wie in einer eingespielten Talkshow

Diesmal legt die Dialektikerin Merkel vor: Es sei doch prima, dass es kontroverse Diskussionen vor dem Treffen gegeben habe, beginnt sie freundlich. Das schaffe Aufmerksamkeit in den Medien, deren Höchststrafe im Übrigen die völlige Nichtbeachtung von Staaten sei. "Und Diskussionen sind immer auch der erste Schritt zu Fortschritt und Veränderung und zu einer vernünftigen Entwicklung." Putin legt mit einem Bekenntnis nach, dass die Beziehungen gar nicht düster seien und maßregelt einen dies unterstellenden Gazprom -Manager im Publikum.

Aber dann beginnt der Kritik-Ping-Pong wie in einer eingespielten Talkshow. Als Merkel das Urteil gegen die Punkband Pussy Riot kritisiert, verweist Putin auf angeblich antisemitische Aktionen der Gruppe, die man im Westen übersehe. Als sich Merkel über die Vielzahl restriktiver Gesetze zur Meinungs- und Organisationsfreiheit "irritiert" äußert, die in Putins neuer Amtszeit bereits verabschiedet worden seien, kontert der Präsident kühl mit dem Hinweis, dass es in fünf deutschen Bundesländern immer noch kein Informationsschutzgesetz gebe und internationale Organisationen eine mangelnde Gleichberechtigung von Frauen beklagen. Merkel, die diese etwas schiefen Konter bereits kennt, lächelt nur leise.

Merkels großer Moment

Ihr großer Moment kommt, als sie Frager, die anti-russische Töne aus Deutschland monieren, mehrfach mahnt, doch bitte nicht alles so persönlich zu nehmen. "Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein." Man müsse keine Angst vor abweichenden Meinungen haben, wie man eine Gesellschaft friedlich entwickeln könne. Es gebe in Wahrheit weder "den" Russen noch "den" Deutschen, unter denen sich ohnehin keine drei mit einer übereinstimmenden Meinung finden ließen. Putin interveniert hintersinnig und löst Gelächter aus. "Doch, es gibt 'den' Deutschen - das ist die Frau Bundeskanzlerin."

Die Kanzlerin aber will ihren Punkt setzen. "Unsere Beziehung wird nicht besser, wenn man alles unter den Teppich kehrt", mahnt sie. Und dann spielt sie darauf an, dass "Angela" und "Wladimir" nach langen Jahren der Diskussionen und des Streits genau wissen, was sie aneinander haben. "Ihr Präsident ist ja auch nicht auf dem Mund gefallen. Er spricht auch aus, wenn ihm etwas nicht gefällt. Wir beide nehmen uns da nicht sehr viel." Diesmal pariert der sonst so scharfe Putin, der wegen eines Rückenproblems mit steifem Schritt in den Saal gekommen war, nicht.

Am Ende fällt Merkel auf, dass eigentlich nur sie bei diesem Schlagabtausch zum Abschluss des Petersburger Dialogs Fragen von dem sorgfältig ausgewählten Publikum im Alexandersaal bekommen hat. "Das habe ich so eingerichtet, weil wir vor allem Ihre Meinung hören wollten", räumt Putin in entlarvender Offenheit ein. "Na ja, und meine Meinung kennen hier schon alle."

Das gilt wohl auch für Merkel. Was die Anderen in Russland meinen, will sie ohnehin erst am Abend bei einem Empfang in der Residenz des deutschen Botschafters erfahren - zu dem Vertreter der russischen Zivilgesellschaft geladen sind.

Dann absolvieren Merkel und Putin - mit derselben Mischung aus Zusammenarbeit, Differenzen und Entspanntheit - noch die gemeinsame Pressekonferenz. Am Ende schlägt Putin schmunzelnd vor, doch bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft das deutsche Team für Russland starten zu lassen und umgekehrt. "Ich will zum Thema Fußball nur deutlich machen, dass ich keinem Vorschlag zugestimmt habe", retourniert Merkel, ohne das Gesicht zu verziehen.

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